Allgemeine Musikalische Zeitung

The "Allgemeine Musikalische Zeitung" was an important periodical, published by Breitkopf & Härtel, the music publisher from Leipzig who, starting with "Zar und Zimmermann", published almost all Lortzing's operas. Announcements and reviews of published sheet music and performances provided the main part of the contents. I have collected on this website all the articles on Lortzing that appeared in the AMZ between 1838 and 1848.

AMZ: 40 - 1838

Januar. No 2; p.30
Leipzig. Am 22. Decbr. wurde zum ersten Male eine neue komische Oper, und zwar die zweite, von G.A. Lortzing, aufgeführt: “Zar und Zimmermann, oder die zwei Peter” in drei Akten. Sie gefiel wie die erste; nicht Weniges wurde lebhaft applaudiert und der Komponist, der zugleich den jungen Zimmermann, Peter Iwanow, recht gut, wie immer, spielte, wurde zum Ende des Stückes herausgerufen. Er erschien mit Dem. Günther, deren Naives sehr beliebt ist, und mit Hrn. Berthold, der den Bürgermeister in Saardam, auf dessen Komik die ganze Oper weit mehr, als auf den Gang der Handlung basiert ist, in bester Laune mit dem glücklichsten Erfolge vortrug. Mit einem solchen Bürgermeister wird das Stück, das mit vielen Schlageffekten ganz im Geschmack der Zeit wirksam gehalten ist, überall gefallen. Hr. Lortzing versteht das Theater und den Lauf der Welt, der er mit klugem Fleiße nichts anderes gibt, als was sie schmackhaft findet. Wir tadeln dies nicht im Geringsten, im Gegenteile erkennen wir des Mannes Gewandtheit nach Verdienst an; er weiß zu wohl, das auf teutschen Bühnen von einen Teutschen eben nichts durchgeht, als was sich dem Behagen mit heiterem Sinne fügt. Das will und das versteht er, und darum ist die Oper bestens zu empfehlen.


Februar. No 6; p.92
Nachrichten.
Leipzig. Am 29. Jan. hatte Hr. Ferd. Stegmayer, Musikdir. unsers Stadttheaters, eine grosse musikalisch-deklamatorische Abendunterhaltung im Theater veranstaltet, die nicht wenig besucht war. (...) Das Septett aus “Lestocq” von Auber, gesungen von den Damen Franchetti-Walzel, Günther und Limbach end den Herren Lortzing, Pögner, Richter und Swoboda, erregte wieder Furore.

Mai No 5;
Intelligenz-Blatt zur allgemeinen musikalische Zeitung.
Anzeigen von Verlags-Eigenthum.
Neue Musikalien im Verlage von Breitkopf & Härtel in Leipzig, Oster-Messe 1838

  • Für Orchester: Lortzing, A. Ouvertüre zur Oper: Czaar und Zimmermann 1 Th, 16 Gr.
  • Für Pianoforte zu vier Händen,: Lortzing, A. Ouvertüre zur Oper: Czaar und Zimmermann, Eingerichtet von F.L. Schubert - 16 Gr.
  • Potpourri aus derselben Oper 1 Th, 8 Gr.
  • Für Pianoforte allein.: Lortzing, A. Ouvertüre zur Oper: Czaar und Zimmermann, - 16 Gr.
  • Potpourri aus derselben Oper 1 Th -
  • Für Gesang: Lortzing, A. Czaar und Zimmermann, kom. Oper in 3 Akten. Vollständige Klavierauszug 6 Th -

  • August. No 31; p.501
    Czaar und Zimmermann, Oder die beiden Peter.
    Komische Oper in 3 Akten, komponiert von G.A. Lortzing (Regisseur der Oper am Leipziger Stadttheater). Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. Preis 6 Thlr.
    In einer Zeit, wo Mord, Pest, Schrecken und Jammer aller Art zu pikanter Erlabung der Opernfreunde von den Brettern herab uns oft in greulichen Dissonanzen vorsingen müssen, damit wir etwas fühlen, ist von einer Seite eine komische Oper sehr erwünscht, von der anderen aber auch schwierig, wenn sie nicht sporlos vorüberrauschen soll. Die Schwierigkeit liegt mehr noch im Text als in der Musik. Gäb’ es mehr glücklichgetroffenen Texte für komische Opern, wir hätten auch mehre glückliche Kompositionen derselben. – Indessen machen Schwierigkeit der Auffindung und Durchführung humoristischer Opernfabeln, so wie der Mangel, auch leichter zufrieden. Um deswillen könnte man wohl auch nicht grundlos behaupten, es sei jetzt wieder weit gerathener, als noch vor Kurzem, sich der komischen Oper von Neuem anzunehmen. Das zu Verdüsterte und Schreckenvolle wird doch am Ende, wie alles Einseitige und zu oft Aufgetischte, auch lästig und ruft ein Verlangen nach leichterer Kost hervor. Nur ist dabei immer zu beachten, dass den durch zu starkes Gewürz verwöhnten Zungen nicht auf einmal alles Gewürz entzogen und das Mahl zu unvermischt, wenn auch noch so gesundheitgemäss, bereitet werde. Verwöhnung wird zur andern Natur, und eine völlig unverkünstelte Natur ist die Menschliche höchst selten, weshalb es denn auch der Geschmack nicht sein kann. Man hat also in allen Dingen, wo auf behagen und Wohlgeschmack etwas ankommt, dafür zu wenig Gäste einstellen, was alle Mühe vergebens macht.
    Das letzte Übel hat nun der Verfasser dieser komischen Oper, der die Bretterwelt seiner Stellung nach seht wohl kennt, geschickt zu vermeiden gewusst. Die beiden peter sind in Leipzig etwas 15 Male bei gut gefülltem Hause mit Beifall gegeben worden und werden immer noch gegeben. Das dem Zeitgeschmack Zusagende hat er also getroffen, und das ist bei einer komischen Oper ganz vorzüglich das Zuträglichste, ja das Erwünschteste. Denn mag man auch von der Ewigkeit eines solchen Werkes träumen, was man will, in ernsten Dingen der Kunst lässt sich ein wirksames Fortbestehen, so selten es in der Wirklichkeit vorkommt, doch denken und sogar an wenigen Beispielen nachweisen, hingegen in komischen, dem Wesen der Sache nach, kaum; es wäre denn, dass man geschichtlich Bestehendes und von der Gelehrsamkeit Begünstigtes mit dem Einflussreichen und Festgehaltenen im Völkerleben einer späteren Zeit vermengte. Die eigentlichen Saugwurzeln des Komischen ziehen ihren Lebenssaft aus dem Wesen der frischen Gegenwart, niemals aus dem Grabgefilde der Vergangenheit. Wie käme es sonst, dass weder Matrimonio segreto, noch der Doktor und Apotheker oder dergleichen jetzt noch allgemein ansprechen können, so lebhaft sie auch wirken und so trefflich sie auch sind? So ist uns wenigstens auch kein Beispiel bekannt, dass irgend ein Komisches, was seiner Zeit nicht angenehm gewesen wäre, von der Nachzeit zum Volksliebling erhoben worden wäre. Ist nun die Gegenwart überhaupt kein übler Lebensboden, was man auch gegen ihre Beschaffenheit, zuweilen scheinbar genug, ja mit Grund, sobald das Zeitige mit dem Idealen zusammengehalten wird, einzuwenden haben mag, so ist er es dem Komischen doppelt und dreifach. Und so kommt denn hierin auf das gefallen vorzüglich viel an; und gefallen hat die Oper, hat also das Zeitgemäße gut getroffen, was ihr nur zum Vorteil gereichen kann.
    Auf welche Weise hat das der Verfasser nun erreicht? Ist man jetzt ziemlich allgemein damit einverstanden, dass bei einer Oper überhaupt sehr viel auf die Beschaffenheit des sogenannten Buches zu geben ist, so dürfte dies von einer komischen Oper abermals doppelt gelten. Es darf also jetzt bei einer Opernbetrachtung der Text gar nicht vernachlässigt werden. Und so sei denn die Beschaffenheit der Wortgrundlage und der szenischen Zusammenstellung das Erste, was wir uns kurz vergegenwärtigen.
    Erstlich hat der Verfasser seine Handlung nicht nur auf einen dichterisch schon gegebenen, sondern auch geschichtlichen Stoff gebaut, Beides jetzt nicht ungewöhnlich und, bei vorausgesetzt schicklicher Wahl, meist vorteilhaft. Ein schon gekannter Stoff, der Wesenheit des Inhalts nach, ist von den Hörern leicht aufzufassen und festzuhalten, selbst wenn die Sänger, wie nicht selten, schlecht aussprechen. Dem Anziehenden im Einzelnen, den Ausschmückungen und den Karaktereigentümlichkeiten bleibt noch genug, was hinzugetan oder anders und neu gewendet werden kann. Ferner gibt das Geschichtliche, wovon das Bekannte der Mythenwelt hier nicht ausgeschlossen sein soll, besonders wenn Personen höheren oder höchsten Ranges mit in’s Spiel kommen, dem Komischen, was im gewöhnlichen Leben sich ergeht, etwas Würdiges, einen Anstrich vom Prächtigen, was die Oper liebt, kurz eine wohltuende Mannigfaltigkeit. Peter, der Czaar, der sich als Zimmermann-Geselle darstellt , steht hier eben so natürlich mit Personen des alltäglichen Lebens in Verbindung, wie mit dem Peter Iwanow, dem jungen russischen Zimmermann, mit van Bett, dem Bürgermeister von Saardam, Marien, seiner Nichte, und der verwittweten Zimmermeisterin Browe, die Alle etwas verschiedenartig Komisches erhalten dürfen, dann von der andern Seite mit dem russischen (General Lefort), dem englischen (Lord Lindham) und dem französischen Gesandten (Marquis v. Chateauneuf), die das Volkstümliche höherer Stände der verschiedenen Nationen, bald beliebig ernst, bald komisch repräsentiren. So ist also schon in der Anlage für leicht übersichtlichen Stoff und in guter Einheit für größte Mannigfaltigkeit opernhaft bestens gesorgt. - Der Kaiser edel, sein General eine füllende Anstandsperson, der französische Marquis galant verliebt und lebensgewandt, der Lord gravitätisch steif und etwas borniert; der Bürgermeister ein Geck, dessen Torheit sich für weise hält, Peter Iwanow, eifersüchtiger Liebhaber der schalkhaften Marie, deren Schutz- und Schirmfrau die Zimmermannwittwe ist. Das Übrige tun die arbeitenden und feiernden Zimmerleute, eine Volkshochzeit und die hinterbrachte Verschwörung gegen den Kaiser hinzu, der mit List seine Abfahrt glücklich beschleunigt. - Verlangte man Neuheit der Karaktere, so müsste man sich zuvörderst besinnen, dass die nicht in der allgemeinen Feststellung der Grundart derselben, sondern in den besonderen Beimischungen, Verbindungen mannigfaltiger Eigenschaften und Stufenhaltungen der Grade der Haupt- und Nebeneigenschaften allgemein angegebener Art, sowie nur erst in der Ausführung und den Situationsfolgen sich zeigen könne, wovon jedoch hier noch gar nicht die Rede sein kann; müsste dann mit sich einig werden, wie weit dies dem leichten Spiele einer Komischen Oper, wo nicht sowohl viele Worte, sondern eben nur natürliche Leidenschaften und Grundformen menschlicher Wesen gegeben werden können, vorteilhaft wäre oder nicht; müsste überlegt haben, ob freundliche Unterhaltung mit zwar schon bekannten, aber durch Karikierung aufgefärbten und fernenden Allgemeinkarakteren gerade für die komische Oper, nicht besser, d.h. wirksamer und ansprechender sei, als irgend eine tiefer liegende und nur von feinfühlenden und scharfdenkenden Hörern aufzufassende Neuheit. Nichts verdirbt das Komische, das aus dem Leben gegriffen und etwas in’s Übertriebene gezogen sein will, mehr, als zu viel Suchen nach Neuheit und Originalität, die sich nicht breit wichtig machen und anspruchsvoll aufdrängen, sondern nur gelegentlich, wie ein zündender Funke, unaufhaltbar hervorglühen muss. - Das ist das Hauptwirksame dieser komischen Oper, dass sie mit Leichtigkeit, ohne alle Anmaßung, das Spiel als Spiel hält, eben Weg lässt und nicht Bruben gräbt, wo keine nötig , vielmehr lästig, ja oft ärgerlich sind.
    Denselben Vorzug hat auch die Musik. Sie will und sucht nichts, als angenehme, eingängliche Unterhaltung; sie zieht das Natürliche dem Gekünstelten vor, fragt nicht erst lange, ob irgend einmal Jemand eine ähnliche Tonreihe schon gehabt hat oder nicht; sie will durch leichten Fluss der Melodie und des Rhythmus viel lieber gefallen, als durch streng Gearbeitetes auffallen, oder gar durch Bizarres einschneiden; entfernt sich nicht vom beliebt Zeitgemäßen, sondern sucht es vielmehr durch gute Benutzung sich zu befreunden und nützlich zu machen; nirgends fühlt man daher die Geißel der Originalsüchtelei, die in der Regel nicht aus angeborener Kraft, sondern im falsch verstandenen Armuthstolze um sich haut u.s.w. Kurz man sieht an dieser Oper, was ungeschminkte Natürlichkeit, mit Talent und Geschick gepaart, für zeitgemäße Unterhaltung auszurichten vermag. Wir werden dies Alles an den einzelnen Nummern bestätigt finden.
    Nach einer angemessenen, in öfter wechselnden kurzen Sätzen wohl zusammenhängenden und zeitgemäßen Ouvertüre, deren Art wir mit teutschfranzösich neuen Geschmacks bezeichnen möchten, tritt die Introduktion mit einem leicht und volksmäßig gehaltenen Chore der arbeitenden Zimmerleute, 3/4, All.vivace, F dur, ein, dazwischen sich im gleich fröhlicher Weise die beiden Peter Solo hören lassen, auch mit einem Liedchen zum Preise des Handwerks, Alles tanzlich bis auf wenige Takte 4/4, worin der Czaar als Zimmergeselle zu geschäftiger Arbeit ermuntert; das Melodische frisch und ungesucht, daher schnell zu behalten, das Harmonische ohne Umstände und in der herrschenden heutigen Opernweise, besonders durch hübsche Rhythmisierung lebhaft gemacht. In No.2. singt die artige Marie ihrem Iwanow zur Kur und dem Hörer zum Vergnügen eine heitere Ariette, 2/4, vor: “Die Eifersucht ist eine Plage”, oft parlando und zwischen sen Absätzen kurz gesprochen, wie es sonst gewöhnlich war und noch ergetzlich ist; besonders komisch gegen das Ende, wo sie den Puls des durch Schäkerei aufgereitzen Liebhabers fühlt, und im stringendo die Fagotte die schnellere Bewegung des Pulsschlages auf einem Tone vorbilden, woraus sie schließt, dass er noch nicht kurirt ist, und ihm gute Besserung wünscht. - In No. 3. Singt der Czaar: “Verrathen! Von euch verrathen! Denen ich vertrauen und Liebe geweiht.” Hier würde Mancher mehr getobt haben mit Instrumenten und Akkorden. Der Verfasser lässt aber auch hier das Melodische vorwalten, nimmt den Karakter überhaupt nicht wild stürmsich, sondern besonnen lebhaft, in sich getröstet durch das Bewusstsein, das Beste seines Volkes zu fördern, dann überlegend, wie sein begonnenes Werk zu schützen sei, und zum Äussersten entschlossen. Dabei fehlen nun zwar weder die verminderten Septakkorde noch die Nonenvorhalte, die Lieblinge der Zeit, noch einige Koloraturen; das Meiste ist jedoch in klarer Melodie mit öfterem Tempowechsel. - Nach dieser, der komischen Oper angemessen leicht gehaltenen Verwickelungsarie der Handlung, die auf folgende Taten spannt, beklagt sich nun in No. 4 der komische Bürgermeister über die unerhörten Plagen seines Amters, mit eingemischt lateinischen Wörterchen und aufgeblasener Lobsucht seines Genies, dass er wisse Akten zu schmieren, zu bombardieren, zu rationieren, expektorieren, inspizieren, echauffieren, malträtieren, als Saardams grösstes Licht. “O ich bin klug und weise und man betrügt mich nicht”, ein Sprüchlein, das mit seiner Melodie in der Folge öfter wiederkehrt und dadurch das Komische vermehrt. In dem an und für sich zum Gezierten sich neigenden 9/8 Takt kann er nicht Worte genug finden, sein Äußeres und Inneres zu preisen, “mit einem Wort er ist ganz Netto”. Auf “Wort” eine nach alter Art durch sechzehnteilpausen zerhackte Passage, und auf “netto” vom eingestrichenen d in’s große B sich wagend, worauf der Kontrafagott auf der Fermate ganz allein die Oktave tiefer zu des Sängers stutzender Verwunderung stark anbläst. Gleich will er seine Tiefe zeigen, macht eine Kadenz, die bis in’s große F führen soll, kann es nicht erreichen und “sperrt den Mund auf, als sänge er den Ton”. Die Scherze sind nicht neu, der ganze Karakter auch nicht, und dennoch wirkt er, denn er ist in seiner Übertreibung Allen sogleich fassbar, an einer Rathsperson den Leuten doppelt spasslich, und endlich sind die Ausbrüche der Erheiterung lange nicht dagewesen. Kurz man muss lachen, und der Zweck ist erreicht. No. 5. Chor und Ensemble. Froh schicken sich die Leute zum Hochzeitsfeste, was der Männerchor im muntern 6/8 schlicht ausspricht. Aber der Bürgermeister schreitet zu ausführlichen Staatsgeschäften, den rechten Peter ausfindig zu machen; die gravitätisch plumpe Einfalt, womit er dies anfängt, gibt zu allerlei schnell vorübergehenden, possierlichen Szenen Veranlassung, die von frischer Rhythmik der Musik gehoben werden, so dass es sich bis zum Ende in guter Laune erhält und sie ohne mühe mittheilt. Im Duett der Bürgermeisters mit Iwanow, der kein ganz reines gewissen hat, weil er von den Soldaten lief und hier seine Zuflucht suchte, wird die Inquisition lustig fortgesetzt; die Musik im Allgemeinen sich am nächsten an Auber’s Art schliessend. Die Situazionen werden immer durch die Albernheiten des bürgermeistes possierlich; er will herausgekriegt haben, dass Iwanow geheime Aufträge hat. - Im Finale ruft der Czaar die Menge auf, sich zum Feste zu schicken, da das Brautpaar nahe; Marie bittet ihn, dem Iwanow den Kopf zurecht zu setzen, der Händel mit einem Franzosen habe, welcher sie hübsch finde; der Kaiser stutzt über das Eintreffen eines solchen Mannes, und der Marquis wird vom edlen Anstande des vermeintlichen Zimmermanns auf ihn aufmerksam. Zierlich, wie ein französischer Tenor, singt und entschuldigt er sich und berichtet im Zwiegesang dem Czaar, dass die Russen eine Niederlage erlitten und der Kaiser rettungslos verloren sei; der Kaiser verräth sich. - Alles geht rasch vorwärts; dann dazwischen Volksfreude in kurzen Chören und im Sologesange; höhere und bürgerliche Interessen vermischen sich und lösen einander unterhaltend ab.
    Der 2. Akt beginnt mit Festchören des Volks frisch und fröhlich, ohne alle Sucherei. Ein Lied des Franzosen zum Abschied vom flandrischen Mädchen geht schnell vorüber. Weit wirksamer ist No. 10, Sextett, vorzüglich im Einleitungsgesang ohne Instrumente. Der Czaar, der russische General und der Marquis sitzen zusammen auf der einen Seite, auf der andern der englische Gesandte, der Bürgermeister und Iwanow, welcher von dem Lord für den Kaiser gehalten wird, was van Bett am Ende auch glaubt. Natürlich gibt dies zu allerlei komischen Szenen Veranlassung. Im più mosso dieses Satzes (S.100), wo der Dreigesang der rechten und linken Partei gleichmäßig geschwätzig wird und im Wechsel in einander greift, kommt zwar Karakter und edle Haltung bedeutend in’s Gedränge, ja sie werden geradehin vernichtet, wie dies jetzt in seht vielen Opern seht angesehener Männer ganz gewöhnlich geschieht: aber eben das jetzt Herrschende dieses falschen Operneffekts wirkt hier in der komischen Oper, die sich dem Geltenden hingibt, wie Persiflage dieser Verwöhnung, was auch mit manchen zu weit getriebenen Ausdrücken in Worten und in Auber’schen harmonieschlägen, auch nicht selten in harmonischen Stimmführungen der Fall ist, so dass man hier darüber lächeln muß. Man sieht, welche Vorteile die komische Oper jetzt ihren Verfassern gewährt, selbst in Fällen, wo vielleicht nicht einmal das Komische, sondern nur das gewohnt Zusagende berücksichtigt wurde. Nach einem hübschen Brautliede Mariens, denn die ganze Verhandlung geht am Hochzeitsfeste in der Schenke vor sich, fällt das Finale No.12 ein. Dem Herrn Bürgermeister ist das Treiben der fremden verdächtig vorgekommen; er will untersuchen, fängt es plump mit dem Marquis an, der sich als Gesandter Frankreichs meldet; je mehr er in Verlegenheit kommt, desto weniger lässt er sich stören zum Behagen des versammelten Volkes, das ihn neckt. Hartnäckig besteht er endlich darauf, die beiden Peter einsperren zu lassen, die ihm nun Beide als Czaar bezeichnet werden. Das gibt heftige Auftritte, die lebhaft unterhalten.
    Der 3. Akt zeigt den Herrn Bürgermeister ganz umgewandelt; er versammelt das Volk, um Veranstaltungen zum würdigen Empfange des Kaisers zu treffen, den er in Peter Iwanow sieht. Der Name ist freilich falsch skandiert; er heißt Iwanow, nicht Iwanow, eine Kleinigkeit, die im Munde des Bürgermeisters und des Volks einen Spaß mehr gibt. Er hat ein Lied gedichtet, vom Kantor komponiert, das er den Leuten vorsingt:

    Der Fortgang besteht in Preisungen der schön fliessenden und korrekten Worte. Die Probe dieses Gesanges im Chor ist sehr ergötzlich. Besonders S. 140 hübsch gemacht, wo der Vorsänger die Melodie in d anhebt, die Soprane in es und darauf die Bässe in f einsetzen. - Nach einem Streite, wer gefehlt hat, wollen es die Sänger ohne Direktion versuchen; und da geht es gleich, worüber Alle in Freude sind und große Ehre hoffen. - Das Lied des Czaar ist in seinem tanzlichen 3/4 so gefällig und so sentimental zur Abwechslung, wie das in andern namhaften Opern unserer Zeitweise auch ist. Das Duett Mariens mit Iwanow (No.15.), der wider Willen den Kaiser spielen muss, wohinein er und Marie sich nicht außen können, ist sehr unterhaltend, besonders pikant durch das treffend rhythmisierte “wart nur!”. - Im Finale No. 16. Verkündet der Czaar den Seinen baldige Abreise, einen Pass vorzeigend, das Nahen der Menge, der Huldigung wegen, zum guten Fortkommen für dienlich haltend. Iwanow, der seinen Pass lieber selbst wieder in den Händen hätte, wird vom Czaar und seinen Freunden als Kaiser angesungen und dadurch in ängstlichen Verlegenheit gesetzt; Alles rasch vorwärts. Der Volksjubel hebt an in einfach zweckmäßige Sang, dem ein tanz mit Holzschuhen folgt, worauf der Bürgermeister eine Anrede singt, die den armen Iwanow noch mehr ängstigt. Während ihn Marie tröstet und Beide vom baldigen Glücke singen, lässt der Bürgermeister seinen Salm los; umsonst zischelt ihm ein herbei eilender Ratsdiener etwas in’s Ohr, er lässt sich nicht stören, bis Kanonenschüsse und lärm von außen (più mosso) den Sang unterbrechen und Peter Michaelow an der Spitze einer großen Mannschaft so eben auslaufen will. Das frappiert den Bürgermeister, er schreit “Rebellion!”, befiehlt, zu den Waffen zu greifen, was der Chor für Pflicht erklärt; Marie und Iwanow halten sich für betrogen; er öffnet die ihm übergebene Schrift und erstaunt, ausrufend (gesprochen): “Heilger Nikolaus! Was seh’ ich?” Da tritt der rechte Czaar durch die geöffneten Saaltüren nach dem Hafen zu unter sie, nimmt freundlichen Abschied von ihnen, zum Schlusse in die Melodie seines ersten Liedes einlenkend, das er als Zimmermann im Anfange der Oper sang. Der Chor stimmt dankbar ein: “Kann uns auch Dein Lied nicht mehr erfreuen, soll Dein Name doch uns Leitstern sein; über Land und Meer tön’ es hinaus, Heil dem Czaar und Segen seinem Haus!”.
    Die Partitur dieser Oper ist rechtmäßiger Weise nur vom Komponisten selbst zu beziehen. Die Ouvertüre für das Orchester aber ist in derselben, oben genannten Verlagshandlung gedruckt worden und für 1 Thlr. 16 Gr. Zu haben.
    Außerdem ist die Ouvertüre auch noch für 4 Hände, sehr leicht zu spielen, daselbst erschienen, Preis 16 Gr. Alle Nummern sind auch einzeln zu haben.
    Fänden sich Dichter, die glückliche Texte komischer Opern lieferten, so erhielten wir zuverlässig auch bald glückliche Kompositionen derselben. An der Zeit ist es. Mögen nur viele teutsche Theater die hier geschilderte Oper in’s Leben bringen. Hat die erste dieses Komponisten auch in andern Städten gefallen, so wird es dieser wohl nicht am guten Erfolge fehlen, da sie zuverlässig noch routinierter ist, als die wohlaufgenommene erste.
    G.W. Fink.


    August. No 32; p.523
    Figaro. Sammlung launiger und scherzhafter Gesänge mit Begleitung des Pianoforte. Herausgegeben von Albert Lortzing. Heft 1 u. 2. Leipzig, bei Jul. Wunder. Preis jedes Heftes 16 Gr.

    Ein raschwechselndes Quodlibet von Lortzing; Lied aus Lumpaci-Vagabundus “Süße Erinnerung” und aus: Zu ebener Erde und ersten Stock: “Es trifft gar häufig sich in unserm Leben”; Duett aus der Operette: Der reisende Student; Lied aus der Oper: Die beiden Schützen - “Es kommt drauf an nur in der Welt, wie man sich dreht, wie man sich wendet” (zwischen jeder Strophe wird gesprochen) - Alle von Lortzing teils verfasst, teils zusammengestellt. “Das bleibt sich gleich,” Text von C. Herlossohn, Musik von F. Stegmeyer. Alles leicht, wie billig. Über solche Gaben ist nichts zu kritisieren. Einer liebt es so, ein Anderer wünscht es feiner, so wenig auch hier vom Plumpen die Rede ist. Wir hören aber, die beiden Hefte machen Glück, sagen also vielen zu.


    Dezember No 51; p.858
    Prag, Oktober und November. Endlich hat unsere Bühne wieder einmal im Laufe von drei Wochen zwei musikalische Neuigkeiten gebracht. “Die beiden Schützen” von Albert Lortzing, und: “Die Braut von Lammermoor” van Donizetti. Die Aufnahme der “beiden Schützen” war nur in einzelnen Teiles beifällig, wozu wohl freilich der Umstand viel beigetragen haben mag dass unser Publikum die Oper am Liebsten im Kostüme der Vorzeit oder eines fremden Landes sieht; eine Konversations- oder gar eine ländliche Oper erregt niemals ein so großes Interesse, und selbst unsere Sänger scheinen in Frack und Pantalons weit weniger zu Hause zu sein, als im Harnisch und spanischen Mantel. Das Sujet ist recht lebendig und hat einige gute komische Situationen, die Musik ist leicht und gefällig, und wenn sie durchaus nicht frei von Reminiszenzen ist, und zumal in mehreren Nummern an das “Elisir d’amore” erinnert, - wir sagen darum noch nicht an Donizetti, denn der Tonsetzer dieser Schützen kann ja aus der ersten Quelle geschöpft haben! - so hat diese Oper das mit fast allen neuen Kompositionen selbst im höheren und tragischen Genre gemein. Das Duett zwischen Karoline und Gustav (von Dem. Grosser und Herrn Emminger sehr brav gesungen) musste wiederholt werden, woran freilich der schmatzende Kuss, den Gustav den Lippen seiner Karoline aufdrückte, keinen kleinen Anteil hatte. Auch Herr Kunz sang die Partie des Wilhelm recht wacker, und Dem. Eschen schien als Suschen besser auf ihrem Platze zu stehen, als je zuvor. Die übrigen darin beschäftigten Mitglieder wirkten sorgsam und fleissig. Wir haben übrigens diese Oper erst einmal gesehen.
    (...)

    AMZ: 41 - 1839

    Januar. No. 4. P.70.
    (...)
    Schlüsslich kann ich Ihnen noch die erfreuliche Nachricht mitteilen, dass die neue komische Oper Ihres Regisseur’s Lortzing: “Czaar und Zimmermann” durch die anziehende Handlung und natürlich melodische Musik bei der vorzüglichen Ausführung so allgemein gefallen hat, dass viele Gesänge applaudiert, das letzte Lied de Czaars da Capo und nach der Oper alle Hauptpersonen hervorgerufen wurden. Die echt komische, teutsche Original-Oper ward am 7.d. bereits wiederholt. Das Nähere darüber im Januar-Bericht, indem ich hiermit die musikalischen Notizen des jahres 1838 beende, und mich Ihrem, wie dem Wohlwollen der geehrten Leser, als Ihr getreuer Korrespondent bestens empfehle.


    Februar. No. 8. P.144.
    (...)
    Das königliche Theater hat eine neue Oper: “Zar und Zimmermann,” mit Musik von Albert Lortzing, mit allgemeinem Beifall gegeben, so dass solche 3 - 4 Mal im Laufe des vorigen Monats wiederholt wurde. Über den Wert und die Wirkung diese echt komischen Singspiels, welches nicht minder durch die szenische Gestaltung des unterhaltenden Stoffes, als die gefällige, natürliche Musik anspricht, kann Ref. nur dem in No. 31 des vorigen Jahrganges dieser Zeitung ausgesprochenen, wohl motivierten Urteile beistimmen. Die Besetzung der Oper war hier ganz vorzüglich, und eben so sorgfältig die Aufführung vorbereitet und gelungen. Der Zar Peter wurde von Herrn Zschiesche kräftig und wohlklingend gesungen. (Das sentimentale Lied im dritten Akt musste jedesmal wiederholt werden.) Im Spiel hätte freilich noch etwas mehr Würde in den Szenen hervortreten können, wo der Zar nicht allein als Zimmergesell erscheint. Ganz in naiv derber Haltung als Letzterer zeigte sich Herr Bader in der ihm sehr zusagenden Rolle des Peter Iwanow; eben so eignete sich Herrn Blume’s natürliche Komik ganz für die Darstellung des Bürgermeisters von Sardamm, wie Dem. Grünbaum dessen Nichte sehr launig repräsentierte. Am meisten gefielen Mariens erste Arie, van Bett’s komisches Selbstlob in der Arie No. 4; dessen Duett mit Iwanow, das erste Finale, des Marquis Romanze, vor allem aber das dramatisch ganz vorzüglich wirksame Sextett des zweiten Akts, auch Mariens Lied nach einer russischen Nationalmelodie, die belustigende Probe der Festkantate im dritten Akt, das schon erwähnte Lied des Zaren (welches dem Ref. Indes ganz gegen den Charakter des Zaren zu sein scheint), das darauf folgende, sehr wirksame Duett von Marie und Iwanow, so ziemlich fast alle Musikstücke der nur gegen den Schluss ermattenden Oper. - Der Komponist hat auf die an ihn ergangene Einladung einer der letzteren Vorstellungen seines achtbaren Werks beigewohnt, und soll von der Intendanz veranlasst worden sein, auch seine zweite komische Oper: “Die beiden Schützen” einzureichen. Es ist in der Tat höchst erfreulich, einmal wieder eine teutsche heitere Oper mit Erfolg aufgenommen zu sehen. - (...)

    Februar. No. 9. P.166
    (...)
    Unsere Bühne brachte im verflossenen Jahre zwar 15 Neuigkeiten, nämlich 6 Opern: “Belisar,” “Die Jüdin,” “Die Braut von Lammermoor,” “Die beiden Schützen,” “Der Alchymist” und “Ludovic,” wovon sich die drei ersten auf dem Repertoire erhielten, und die letztgenannte einen furchtbaren Fiasko machte. (...)

    Mai. No. 18. P.344
    Die beide Schützen,
    komische Oper in drei Akten. Musik von G. Albert Lortzing. Vollständiger Klavierauszug vom Komponisten. Leipzig, bei Jul. Wunder. Preis 6 Thlr.
    Zar und Zimmermann, oder die beiden Peter, die zweite überall, wo sie gegeben wurde, sehr beifällig aufgenommenen Oper dieses Komponisten, haben wir im vorigen Jahrgange S. 501 u.f. ausführlich besprochen. Was dort über das Verhältnis der komischen Oper u. dergl. Gesagt wurde, setzen wir hier voraus und fügen nur hinzu, dass die Anzeige dieses ersten Bühnenwerkes des genannten Mannes nur darum jenen nachfolgt, weil es später im Druck erschien. Dass die beiden Schützen vom Publikum mit gleichem Beifalle aufgenommen wurden, ist bekannt; die Zusammenstellung des Opernbuches ist sowohl in der Wahl eines schon szenisch bearbeiteten Gegenstandes als in der Art der Ausführung nach gleichen Ansichten und Erfahrungen nicht minder vorteilhaft; selbst im Wesentlichen der Musik muss diese erste Oper der zweiten fast gleichgestellt werden, nur dass die zweite (Zar und Zimmermann) schon routinierter ist, als die erste, was auch bereits ausgesprochen wurde. Sind wir also hier kürzer, so liegt der Grund durchaus nicht in irgend einer Geringerschätzung, sondern darin, dass wir uns nicht gern unnütz wiederholen; er gilt im Allgemeinen, was wir am angeführten Orte über die zuerst gedruckte Oper bemerkten.
    Man weiß, dass der Operntext nach den bekannten “beiden Grenadiere” gearbeitet ist, dass der Hauptknoten des Ganzen in einer Verwechslung der Tornister liegt, weshalb sie auch “die beiden Tornister” heißen könnte, und dass sie unter die ländlichen Spiele gehört, folglich die hohen Herrschaften ausschließt; sie wird also zuweilen etwas derb in’s gewöhnliche Leben eingreifen, was immer und besonders jetzt noch unterhaltender ist, als zu viel Gift und Dolch. Die vornehmste Person ist der Amtmann Wall, dessen Sohn, Tochter und Vetter im Spiele sind; dann der Gastwirt Busch mit Sohn und Tochter, zu denen noch die Haushälterin Jungfer Lieblich, ein Dragoner Schwarzbart und ein invalider Unteroffizier Barsch sich gesellen. Chöre der Soldaten und der Landleute sind in der Ordnung. Nach leicht gehaltener Ouvertüre singt der Chor der Landbewohner mit dem Gastwirt von der Freude des Wiedersehens der Ihrigen; Busch ladet sie für den Abend auf ein Glas Wein. Karoline und Suschen (Soprane) singen ihre Wonne mit dem Gastwirt, halten ihre Liebe geheim, woraus sich durch den schwerhörigen Busch heitere Situationen herbeiführen. Wilhelm, des Amtmanns Sohn, einer der beiden Schützen (Bariton), zeigt sich in seiner Arie lebenslustig und soldatisch brav. Er trifft mit Schwarzbart die beiden Mädchen und singt sie galant an, worüber keine böse ist, wohl aber ist der Dragoner über Wilhelms feurige Keckheit erstaunt. Busch hält den Wilhelm für seinen Sohn, der Dragoner geht des guten Quartiers wegen auf den Spaß ein, wogegen sich Wilhelm sträubt zum Verdruss der beiden Anderen. Karoline und Suschen kommen dazu und vernehmen die neue Mähr; Wilhelm umarmt Suschen und erklärt sie für sein Liebchen, das er freien werde, wobei man ihn freilich für rappelnd erklärt, aber doch seiner fröhlichen Laune wegen allgemein mit ihm zufrieden ist. - Im zweiten Akt tritt der rechte Sohn des Gastwirts Gustav auf, zweiter Schütze, und begrüßt seine heimischen Fluren und im Herzen die Braut, die bald erscheint, ihn aber für den falschen hält und doch sich zu ihm hingezogen fühlt, auch sich recht hübsch in seine Freundschaft findet. Busch hingegen will bald darauf den rechten Sohn nicht anerkennen und behandelt ihn grob. Unterdessen hat Peter, der Vetter, der von Gustav geschlagen wurde, den Amtmann geholt; Gustav soll arretiert werden. Karoline kommt zu dem Lärm und hört von ihm selbst, dass er sich für des Gastwirts Sohn ausgibt, worüber der Alte wieder zornig wird. Der Amtmann will Beweise und diese sollen im Tornister sein; wird untersucht und in der gefundenen Brieftasche steht “Wilhelm Stark.” Gustav erklärt diese Papiere nicht für die seinen; es glaubt ihm Keiner. Viele Liebesbriefe von der schwarzen Nanette, die sich finden, machen auch Karolinen stutzig. Ein noch vorgefundenes Lotto billet, das eine Terne gewinnt, kann den in Verdacht gezogenen immer nicht dahin bringen, den Tornister für den seinen zu erklären. Karoline schöpft wieder Hoffnung und Glauben an seine Ehrlichkeit, worin ihr die Übrigen nicht beistimmen. Gustav soll in’s Gefängnis; in einem Solo, treuherzig betrübt, klagt er über seine Verstoßung aus dem Vaterhaus, das er schon so früh verlassen musste. Peter sucht den Eindruck zu verwischen, Karoline verteidigt den Beschuldigten und nennt Peter im Eifer einen dummen Jungen; der Amtmann beschwichtigt den Vetter, der Gastwirt beklagt, im Gewirre nichts zu verstehen. Endlich werden die Leute durch Gustav’s festes Betragen doch milder für ihn gestimmt, obgleich der Schein gegen ihn ist. - Den dritten Akt eröffnet Karoline mit dem Geständnis ihrer Liebe zu ihm, dessen Auge ohne Falsch ist, ein Spiegel der Seele. Nach Peters ihm angemessenen Liede gerät er in Fährlichkeit vor Wilhelm und dem Dragoner; Karoline hilft ihm zu entkommen. Ein zärtliches Duett zwischen Gustav und Karolinen erbaut dazwischen weiche Herzen. Und in der Nacht wird ein Septett laut: Gustav sucht Karolinen, Wilhelm Suschen; die Mädchen sind erschrocken, aber doch da und nicht abgeneigt: “O wie würde Vater schelten, fände er versteckt mich hier. Pst pst! Ich bin hier! O bitte, nähern Sie sich mir!” - Gleich darauf wird, ein wenig unpraktisch, für die Zuhörer erlustigend genug, von allen Vieren der Nacht und der Liebe eine Hymne gesungen: “O stille Nacht, in deines Schattens Kühle Und von keinem Späherblick belauscht, Möcht’ ich teilen jene Hochgefühle, Die mich liebeglühend heut berauscht. An Liebchens Brust Ist Götterlust, Wenn man sich treuer Lieb’ bewusst” u.s.w. Unglücklicher Weise kommt nach gehöriger Beendigung der Hymne der Dragoner in ganz anderer Absicht; bald darauf Peter, Suschen in’s Gartenhaus nachschleichend. Man merkt, dass sich die Gesellschaft vermehrt hat, und Jungfer Lieblich vermehrt sie noch mit ihrer neugierigen Gegenwart. Jetzt ertönt’s von Seiten der Männer: “Wer da?” Alle sind einig: “‘s ist nicht ratsam, noch zu bleiben, fände ich doch nur die Tür.” Beim Herumtappen erwischt Gustav die Jungfer Lieblich, Wilhelm den Peter und die Mädchen den Dragoner. - Nach langem Austausch verschiedener Empfindungen an einem dunkeln Platze tritt der Amtmann und der Chor mit Lichtern ein. Der Unteroffizier spricht: “Die Sache macht sich.” Das tut sie auch, denn im kurzen Finale schwören die beiden Schützen ihren Mädchen ewige Treue, worauf diese bauen, und die Andern tun es ihnen zu gefallen.
    Und die Musik? Ihr Wesen haben wir bereits, wie gesagt, in der Anzeige des “Zar und Zimmermanns” beschrieben. Sie sucht nicht nach Unerhörtem, greift nicht in’s Tiefe, oft ein misslicher Griff; ist nicht originalsüchtig, auch nicht immer eine besondere Freundin jener nach Mephistopheles Vorspruch von Vielen grau benannten Theorie, vielmehr nimmt sie, leicht in sich, die Zeit, wie sie ist, gefällig ihrer Neigung, dabei anspruchslos, heiter, unterhaltend geschickt, und gewandt genug, das Geltende und frisch Ansprechende ohne Zeichen von Ziererei oder angestrengter Mühe zu treffen. Und so wird auch diese Oper fernerhin auf den Brettern und in geselligen Kreisen gut unterhalten, wie sie es bereits getan hat. Es wäre auch dreifach wunderlich, wenn es nicht der Fall wäre, da uns manche ausländische Opern beglücken, die weder an Heiterkeit noch an leicht ergötzlichem Gehalt sich mit den beiden teutschen von Lortzing messen. Endlich ist es uns wahrhaft lieb, wenn Teutsche, die man sich immer gern im Karaktermantel eines faltenreichen Gewandes denkt, einigen leichten Nachbarnazionen tatsächliche Beweise, dass wir - auch schwärmen können. Dergleichen teutsche Opern komischer Art sind jetzt recht wohlgetan.
    G.W. Fink.

    Juli No. 28 P.544
    Leipzig, den 5. Juli;
    [ Concert by the Alto Botgorscheck ]
    (...)
    Ein Duett aus der Oper Zar und Zimmermann gaben die Herren Berthold und Lortzing zum Besten, sowie (...)

    Juli No. 29 P.563
    Ballet (Tanz mit Holzschuhen) aus der Oper: Zar und Zimmermann von G.A. Lortzing. Ebendaselbst. Preis 6 Gr.
    Diese komische Oper hat sich, wie man weiss, sehr beliebt gemacht. Der hier für zwei Hände arrangierte Tanz ist ein ausgeführter Walzer, 3/4, es dur, leicht zu spielen, im Basse meist mit vollgriffigen Akkorden, den Tanzliebhabern gewiss willkommen.

    September No. 37. P.723
    Nachrichten.
    Berlin, 31-8-1839
    (...)
    Die zweite neue Oper, welche das königl. Theater im August zur Ausführung brachte, war die früher zurückgewiesene, nach dem unerwartet günstigen Erfolge des beliebten “Zar und Zimmermann” jedoch von der Intendanz reklamierte komische Operette: “Die beiden Schützen,” mit Musik von Albert Lortzing. Über die Komposition ist bei Gelegenheit der Beurteilung des Klavierauszuges schon in dieser Zeitung ein Näheres geäußert, daher ich mich darauf beschränke, zu berichten: dass auch dieses Singspiel, der zwar gewöhnlicheren, doch heiteren Handlung und komischen Charaktere wegen, wie durch die leicht fassliche, natürliche Musik, bei der ausgesucht vorzüglichen (dennoch aber nicht ganz angemessenen) Besetzung der Rollen allgemein gefallen hat, wenn auch etwas, fast an Trivialität grenzende Gewöhnlichkeit und häufige Reminiszenzen in der Musik nicht zu verkennen sind. Den meisten Beifall erhielten das Terzett No.2, das Quar tett No.4, das Quintett No.6, wie überhaupt alle Ensemble-Stücke, vorzüglich das melodische, charakteristische und echt komisch gehaltene Septett No.7 im dritten Akt. Auch die Lieder gefielen mit Recht, weniger die im älterer Form behandelten Arien und Duette. Die beiden Liebhaberinnen waren durch Fräul. v. Fassmann und Dem. Schulze zwar ausgezeichnet, von Seiten des Gesanges, besetzt; doch dürfte Dem. Grünbaum sich, ihres naiven Spiels halber, mehr für die Darstellung der Karoline, und Herr Mantius sich für den Gustav, als sentimentalen Liebhaber, besser geeignet haben. Herr Bötticher gab den Schützen Wilhelm lebendig und sang die Baritonpartie vorzüglich. Auch die Herren Eichberger, Fischer, Zschiesche und Michler, wie Frau v. Wrochem als Haushälterin wirkten mit besten Kräften zur guten Aufnahme der belustigenden Operette mit. Am meisten aber trug dazu die, zwar etwas übertriebene, doch seht ergötzliche Komik des Herrn L. Schneider als Peter mit bei. Die Erzählung der Prügelei beim Tanz des Hochzeitfestes in der vom Darsteller eingelegten Arie, No.8 mit Musik von Lortzing, wurde höchst gewandt durch Gesang, Rede und Tanz versinnlicht. - So wird denn auch dies ältere dramatische Musikprodukt des Bühnenkundigen Komponisten sich hier wohl auf dem Repertoir erhalten, da es mit so viel Vorliebe in Szene gesetzt und vom Publikum aufgenommen worden ist.
    -
    Mehr Kunstwert hat indess jedenfalls “Zar und Zimmermann.” (...)

    Oktober. No. 42. P.822
    Nachrichten.
    Leipzig.
    (...)
    Am 20. September wurde hier, seitdem drei Male wiederholt, in unserm Stadttheater “Caramo, oder das Fischerstechen,” komische Oper in 3 Akten, nach St. Hilaire und Duport frei bearbeitet und komponiert von G.A. Lortzing mit vielem Beifall aufgeführt. Der beliebte Komponist der beiden Schützen und des Zar und Zimmermann wurde nach Beendigung seines neuen Werkes gerufen. Künftig Näheres über diese Oper, da wir sie bis jetzt nur einmal hören konnten.
    (...)

    Dezember. No. 51. P.1028
    Vermischte Anzeigen.
    (...)
    Figaro. Sammlung launiger und scherzhafter Gesänge mit Begleitung des Pianoforte. Herausgegeben von Albert Lortzing. Heft 3. Ebend. [= bei Jul. Wunder] Preis 12 Gr.
    Die beiden ersten Lieder, von C. Albrecht komponiert, sind heiterer, aber nicht scherzhafter Liebe geweiht, die Texte von H. Kletke, leicht und hübsch; ein Champagnerlied, gedichtet von Eckhardt v. Berge, hat F.H. Truhn in eine klingende Polonaise gebracht mit Refrain eines Männerchores. Mein Wunsch, von Ernst Vincke, komponiert von Lortzing, bringt einen eigenen Rhythmus in’s Polonaisenartige und Heitere. Die scherzhafte Schlussarie auf einen einzigen Ton (f ’) zu singen, hat Herr A. Albrecht durch die Begleitung mannichfach zu machen verstanden. Das Ganze diese Heftes ist also im Sinne der früheren gehalten.

    Dezember. No. 51. P. 1031
    Nachrichten.
    (...)
    Königl. Theater, Berlin. (...) Auch “die beiden Schützen” von Lortzing füllen noch immer das Haus. Weshalb “Zar und Zimmermann” schon längere Zeit zurückgelegt worden, ist nicht wohl erklärlich. (...)

    AMZ: 42 - 1840

    Januar.No. 4 P.71
    Berlin, den 8. Januar 1840.
    (...)
    “Die beiden Schützen”wurden auch zwei Mal wiederholt.
    (...)


    Februar. No. 6 P.99
    Übersicht der Opernvorstellungen auf dem Stadttheater zu Leipzig im Jahre 1838.
    (...)
    Lortzing: Zar und Zimmermann. 1 Mal.
    -: Caramo oder das Fischerstechen. 6 Mal (neu).
    (...)

    Unter den diesjährigen Gästen trat zuerst im letzgenannten Ballet ein Jodler aus Steiermark, Herr Schweizer auf.
    (...)
    Von unsern Theatersängern sind 1839 abgegangen: Dem. Evers (Sopran), Herr Grünbaum (Tenor), und Herr Richter (Bas).
    Sänger sind die Herren: Ballmann, Barthels, Berthold (Komiker), Elbert, Freiberg, Hoffmann, Kindermann, Kümmel, Linke, Lortzing (zugleich Regisseur der Oper), Pögner, Saalbach, Schmidt, Stürmer.
    Sängerinnen: Mad. Franchetti-Walzel, Dem. Günther, Dem. Krauss, Mad. Lortzing, Dem. Messerschmidt d. Ält., Dem. Schlegel, Dem. Tell, Mad. Tröge.
    Chorbestand: 9 Soprane, 6 Alte, 9 Tenore und 9 Bässe .
    Musikdirektor Herr Bach. - Chordirektor Herr Kümmel. - Dirigent der Schauspiele und der Balletmusik Herr Kümmel. - Kozertmeister Herr David. 6 erste und 6 zweite Violinen, 2 bratschen, 2 Violoncelle und 2 Kontrebässe u.s.w.
    G.W. Fink.


    April. No. 15. P.324
    Feuilleton.

    Der Direktor des Breslauer Theaters, Herr Lieutenant Neumann, hat Herrn G.A. Lortzing in Leipzig, dessen Oper Zar und Zimmermann in Breslau sehr oft und mit ausserordentlichem Beifall aufgeführt ist, dafür ausser dem gebührenden Honorar einen wertvollen Brillantring als Geschenk übersandt.


    Juli. No. 28. P.582
    Feuilleton.

    A. Lortzings neue Oper Hans Sachs (Dichtung von Ph. Reger, nach dem Deinhardsteinschen Schauspiele) wurde, als Vorfeier des Buchdruckjubiläums, am 23. Juni zu Leipzig mit grossem Beifall aufgeführt; der Komponist, die Darstellenden und der Dichter wordengerufen. - Die Oper wurde seitdem zwei Mal mit gleichem Beifalle wiederholt.


    August. No. 34. P.692
    Opern ohne Worte für zwei und vier Hände.

    1. Der Feensee, in 5 Aufzügen von D.F.E. Auber. Vollständiger Klavierauszug zu zwei Händen ohne Worte. Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. Preis 6 Thlr.
    2. Zar und Zimmermann oder die beiden Pete, komishe Oper in 3 Aufzügen von G.A. Lortzing. Vollständiger Klavierauszug zu vier Händen ohne Worte. Ebendaselbst. Preis 5Thlr.
    Beide Opern erfreuen sich vieler Wiederholungen und zahlreicher Hörer, gehören also zu den beliebten. Über den Gehalt beider haben wir ausführlich gesprochen. Es bleibt uns daher den Liebhabern dieser Unterhaltungen nur zu versichern übrig, dass beide Bearbeitungen dem Instrumente angemessen und gut sind; auch für Schönheit der Ausgaben ist bestens gesorgt, wie hier in der Regel. Selbst die Einrichtung des Feensees für zwei Hände erfordert keine grössere Fertigkeit,als wie man sie jetzt unter Dilettanten nicht selten findet. Das Arrangement für vier Hände ist natürlich leichter, doch so, dass mässige Spieler noch immer erwünscht beschäftigt sind, wodurch sich Vergnügen und Nutzen vereinigen.


    August. No. 34. P.699
    Nachrichten.
    Berlin, den 6. August 1840
    (...) Ausserdem wurden “Die beiden Schützen”von Lortzing nach langer Ruhe mit lebhafter Teilname gegeben. Herr Bercht, vom Stadttheater zu Düsseldorf, gab darin den Wilhelm als Gastrolle, im Gesange, unzureichender Stimme wegen, weniger, als durch gewandte Darstellung genügend.

    September. No. 37. P.774
    Nachrichten.
    Berlin, den 8. September 1840.
    (...)
    Auch Lortzings “Zar und Zimmermann”gelangte endlich wieder zur sehr besuchten Vorstellung. Ein Sänger mit wenig Stimme, Herr Bercht, gab den van Bett, in Abwesenheit des Herrn Blume, als Gastrolle ohne Wirkung. -
    (...)

    Oktober. No. 43. P.892
    Nachrichten.
    (...)
    - Ein junger Sänger, nicht ohne Talent, nur noch zu wenig ausgebildet, Herr Scharpff vom Theater zu Danzig, debütierte als Peter 1. In Lortzing’s “Zar und Zimmermann” und Figaro in Rossini’s “Barbier von Sevilla”mit aufmunterndem Beifall. -
    (...)

    AMZ: 43 - 1841

    Februar. No. 8.
    Nachrichten.
    Berlin, im Februar 1841.
    (...) Sonst fanden nur Wiederholungen von Lortzing’s “beide Schützen” und “Zar und Zimmermann”, durch die bekannten spanische Tänzer aufgefrischt, statt. (...)


    März. No. 9.
    Feuilleton.
    Lortzing’s komische Oper: Zar und Zimmermann hat in Mainz vielen beifall gefunden.

    März. No. 13.
    Opernmusik mit Gesang
    wurde mit 13 Ausgaben bereichert. Vollständige Klavierauszüge sind folgende: Auber: Zanetta, komische Oper, teutsch und französisch (Schott); Gluck: Orpheus und Euridice, Klavierauszug von C. Klage (Schlesinger); Lortzing: Hans Sachs, komische Oper (Breitkopf und Härtel); Mercadente: Der Bravo, übersetzt von J. Hähnel (Ricordi).
    Hans Sachs,
    komische Oper in drei Akten, nach Deinhardstein’s Dichtung gleiches Namens, frei bearbeitet von Philipp Reger, Musik von Albert Lortzing. Vollständiger Klavierauszug, Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. Preis 6 Thlr.
    Der Teutsche hat sich schon oft gefallen lassen müssen, dem Fremden nachgesetzt zu werden, wenn er ihm auch nicht nachsteht. Das geschieht besonders im Opernfache. Haben wir auch die anerkannt größten Meister, als Gluck, Mozart, Beethoven, K.M.v. Weber u. A. hierin aufzuweisen, im Allgemeinen hilft uns selbst dieser Umstand wenig, denn die Schuld liegt größten Teils an den Teutschen selbst. Kein Teutscher bevorzugt den Teutschen aus Vaterlandsliebe, im Gegenteil macht er viel höhere Forderungen an ihn, als an jeden Fremden. Dennoch liegt das Hauptübel an den Operndichtern selbst. Die Meisten wollen gleich eine Ewigkeitsoper bringen, greifen so ernst hinein, als solle kein Ton ohne Gewicht sein und kein Wort ohne innere Nötigung stehen, und vergessen, dass alle Welt sich im Theater leicht und bequem unterhalten, aber nicht angestrengt sein will. Man nimmt es in der Regel zu wichtig und macht aus dem flüchtigen Unterhaltungsspiel zu viel Ernst. Ist das im gegenwärtigen Fälle auch so? Man wird dies dem Komponisten in seinen frühen, öffentlich bekannt gewordenen Leistungen nicht nachsagen wollen und wird auch hier schwerlich einen Grund dazu finden. Wie steht es nun mit dem Texte? Er ist auch diesmal zu unserm Vergnügen der Oper voran gedruckt worden.
    Es fehlt der Oper nicht an einem hohen Herrn (Kaiser Maximilian), nicht an Glanz un Ballet, nicht an der beliebt doppelten Art der Liebe, nicht an Gecken, nicht an bürgerlicher Lust noch an Volksfesten. Der Schusterjunge ist eine recht hübsche Person, der es nicht an Witz mangelt, und für ernste Sprüche sorgt der Held der Fabel, die zwischen den Gesängen nach teutscher Art sich der Rede bedient. Dennoch hat der Bearbeiter der Deinhardstein’schen Dichtung wohl zuvörderst darin gefehlt, dass er manche Gesänge zu lang, zu wortreich gemacht hat. Das geschieht z.B. gleich in No.2, in der Szene und Arie des Meisters Sachs, welche zu viel auf einmal bringt und dadurch der Musik die Gelegenheit nimmt, sich in irgend ein Gefühl tondichterisch zu versenken, außer etwa in die Worte: “Es hat der Kaiser mein gedacht!”. Sind auch diese Worte für den materiellen Gang der Handlung noch so sehr von Bedeutung, so sind sie doch schwerlich einer würdigen Darlegung eines Dichtergemütes, das wir in Hans Sachs festzuhalten gewohnt sind, zuträglich, den Poesie und Liebe mindestens nicht weniger begeistern sollen, als die Freude über den glücklichen Vorfall. Dies gibt schon den Anfang eines kleinen Zerwürfnisses, das im Inneren die Frage anregt: Wie wird die Zeichnung eines solchen Meisterdichters in einer komischen Oper vollendet werden können, ohne dass der Ernst dem Scherz Abbruch tut oder umgekehrt? Aber das innere Gemütsleben, in welches sich der Teutsche so gern versenken läßt und vor welchem die Liebe zu flüchtiger Opernunterhaltung sich zugleich auch scheut, ist durch die Hauptperson und durch diese Szene einmal angeregt. Man verlangt nun Ausführung des Ideal Vorwaltenden im Bilde des Meisters und doch auch von der andern Seite eben so begierig und Schlag auf Schlag das Vorherrschen des Komischen. Diese Doppelaufgabe ist im höchsten Grade schwierig. Hat man jedoch einmal den Leu geweckt, so muss man ihn auch bändigen. Das hat nun der Textbearbeiter nach unserm Dafürhalten nicht getan, sondern hat vielmehr im fortgange weit eher die äußere Erscheinung des Meisters, als das tiefere Seelenbild des Dichters vor Augen behalten und das letzte wider das selbst angeregte Verlangen zu sehr in den Hintergrund gestellt und auf diese Weise etwas unbefriedigend gelassen, was ihm anfangs doch selbst wesentlich zu sein schien, ja wofür er bei Gelegenheit wieder einen kleinen Anlauf nimmt. - Sollte dadurch nicht gar mancher Teutsche unter den Hörern mit seinen beiden Lieblingsrichtungen, nämlich der Neigung für Darstellung eines Seelenbildes und der Lust zu leichter äußerlicher Unterhaltung, in einen Zwiespalt geraten, welcher ein lästiges Schwanken zwischen dem Einen und dem Andern zur natürlichen Folge haben muss? Wird nicht dieses, wenn auch nicht immer bewusste, doch gefüllte Schwanken beider Richtungen zugleich schon dadurch schädlich werden, weil bei aller Befriedigung von der einen Seite immer noch ein unbefriedigter Wunsch von der andern übrig bleibt? Da es nun dazu noch immer Hörer gibt, die das Gemütsleben der flüchtigen Unterhaltungslust in ihrem Inneren vorziehen, ob sie gleich meist nur um leichter Zerstreuung willen in’s Theater gekommen sind, so wird sie die einzig und allein durch die Erregung, aber Nichtbefriedigung der idealen Richtung hervorgebrachte Spannung in eine gewisse Unruhe versetzen, die nur zu gewöhnlich auch den Nachbar ansteckt, der in einer andern Nachbarschaft nichts davon verspürt haben würde. In der Tat ließe sich dieses Schwanken von der einen Seite zur andern nur noch dadurch heben, dass beide Richtungen in einer und derselben festgehaltenen Wesenheit so folgerecht mit einander gingen, dass das Ideale dichterischer Gefüllskraft sich im tiefsten Wesen der Oper wie ein vernehmbarer Geisteshauch hindurchzöge, den Grund bildete, während das Komische und jede Äußerlichkeitslust rasch und frisch darüber hinzöge. Das wäre aber nicht bloß eine überaus schwierige Aufgabe, sondern sie rückte auch das Werk selbst in ein ganz anderes und höheres Gebiet hinauf, als das ist, was hier bebaut werden sollte. Es liegt also größten Teils an der Wahl des Gegenstandes wie an der teutschen Gesinnung, dem ergriffenen Charakter trotz der Unterhaltungsrichtung noch so viel Recht als möglich angedeihen zu lassen. Das ist aber ein Fehler, so gut er auch gemeint ist. In solchen Dingen gilt bloß ein Entweder - Oder. Entweder gebe man eine bloße Unterhaltungs - oder eine durchgängig festgehaltene Karakteroper höherer Art. Beides in einem und demselben Werke verträgt sich nicht zusammen; Eins beengt die Wirkung des Andern, namentlich für den teutschen Hörer des Ganzen von der Bühne herab, dem Hans Sachs mit seiner Innerlichkeit nahe steht, wie er den Teutschen stehen sollte. Ob das unter uns allgemein ist, wollen wir nicht beschwören. Dann hat auch die Wahl des Gegenstandes weit weniger Nachteil für die Unterhaltung, und für jeden Ausländer gar keinen, sobald das Lockere nur noch etwas lockerer besonders in der Wortbereitung wäre. - Der Komponist dagegen ist im ganzen seiner durch “die beiden Schützen” und noch mehr durch “Zar und Zimmermann” beliebt gewordenen, leicht komischen Weise nicht nur treu geblieben, so weit es nur die Wahl gestattete, sondern er hat sich sogar in der als gefällig anerkannten Instrumentenumspielung noch gehoben. Wir werden finden, dass das Komische und Erheiternde der Zeit bei Weitem das Übergewicht hat. Sagte also einem Teile der Teutschen diese Oper als Amüsement weniger zu, wie Zar und Zimmermann, so liegt dies vorzugsweise an einer Wahl, deren inneres Leben uns zu sehr in’s Gemüt greift, was bei komischen Opern zu vermeiden ist. Natürlich kann dies bloß von der Oper in Zusammenhang gelten. Beim Vortrage einzelner Nummern wird dies nicht empfunden, eben weil man sich da nur dem Einzelnen überlässt. Dies kommt also dem Klavierauszug zu Gute, der zur Wiederholung bald dieser bald jener Nummer, äußerst selten für einen Vortrag des ganzen da ist. Aus der Beschreibung der einzelnen, auf einander folgenden Stücke werden wir aber sehen, dass auch hierin das Unterhaltungsprinzip eben so vorherrscht, wie im Zar und Zimmermann.
    Gleich die Ouvertüre ist so allgemein gehalten, wie man es wünscht, leicht und klingend; nicht zu lang, wie es öfter bei den Franzosen Sitte ist, nicht zu kurz, wie sie die jetzigen Italiener belieben, wenn ja noch eine Statt hat. Die Introduktion No. 1 läßt einen muntern Chor der gesellen des Meisters erschallen, frisch, melodisch und rhythmisch heiter, von den Instrumenten in französischer Weise lebhaft umspielt. Die Episode mit dem Lehrjungen ist handgreiflich und das folgende handwerkslied mit angehangenem Chore so ergötzlich als die Feierabendslust, woran sich der erste Chor zeitgemäß wohlgefällig reiht. No. 2. Szene und Arie des Hans Sachs (Bass), welcher zu seiner Freude von einem vornehmen Fremden erfuhr, dass ihm seiner Freude von einem vornehmen Fremden erfuhr, dass ihm seiner Dichtungen wegen der Kaiser hochgeneigt ist. Das Ganze ist, für sich allein betrachtet, angemessen genug, natürlich und melodiös, im Vergleiche zu den vielen Worten kurz, dabei wechselnd im Takt und Tempo; selbst ein schnell vorübergehendes Melodram mischt sich ein, als Sachs der morgenden Sängerwahl sich erinnert, auf ein würdiges Lied denkend, dessen Anfang er sprechend niederschreibt, und dazwischen von noch nicht beendeter Arbeit singt. Nähme man diese Szene nicht für eine Einleitung auf ähnliche Entwickelungen, die jedoch nicht folgen, so wäre sie auch für das Ganze zweckmäßig. Für den Einzelgesang im häuslichen Zirkel kann sie also für die Meisten nichts Störendes haben, vielmehr etwas Zusagendes. No. 3. Terzett. Eoban (Tenor), komische Figur, Ratsherr von Augsburg und anmaßlicher Meistersänger, der sich ein Loch im Schuh flicken lassen will, das Nürnbergs spitze Steine ihm gerissen haben, bläht sich auf und gibt sich für den erklärten Bräutigam Kunigundens, der Goldschmiedtochter, der Geliebten des Hans Sachs, den ohne Weiteres gleich “Furcht und Schrecken anstarren”, während sein Lehrbursch tröstet. Das Ganze ist komisch, aber Sachs verliert dabei. No. 4. Kavatine der sehnsüchtig harrenden Kunigunde (Sopran), theatralisch lebhaft. No. 5. Quintett. Görg (Tenor) verkündet atemlos den beiden Mädchen, die dem Wesen nach den beiden Freundinne im Freischütz ähneln, die Ankunft seines Meisters, der auch erscheint. Kordula ist Braut des Schusterjungen, der das eben Vorgefallene berichtet. Versicherungen gegenseitiger Liebe setzen den Gesang fort, Ernstes mit komischem mischend. - Unterdessen hat man den Goldschmied Steffen (Bass) zum Bürgermeister gemacht. Die Bürger drängen sich zum Glückwunsch, Finale, No. 6. Viel Bewegung lustiger Art, wobei Eoban dem stolz gewordenen Goldschmied die Liebe des Schuhmachers zu seiner Tochter verrät. Zum Schlusse kündigt der neue Bürgermeister für Morgen das Fest der Sängerwahl und einen Schmaus an, den die Kommune gibt, die zum Geben da ist. Und die Bürger, voll fröhlicher Hoffnung, schliessen im muntern 3/4 - Takt.
    Zweiter Akt. Fest der Sängerwahl im großen Saale. Geräuschvoll. Die Bürger geben dem Sachs den Preis; die Merker gehen behutsam, wie gewöhnlich; der erste Merker stottert, chinesisch; es wird vor der Preisverteilung improvisiert, melodramatisch. Sachs gefällt lebhaft, Eoban macht’s schlecht und gefällt den Merkern, weil es der Bürgermeister wünscht, sehr gewöhnlich und deshalb ergötzlich. Die Bürger finden die Preisverteilung ungerecht und sagen’s laut, nicht ganz gewöhnlich. Sachs hätte hier höher gehalten werden können, auch im Gesang. Die Merker spotten sein, die Bürger trösten den Gekränkten, der entschlossen ist, die Stadt zu verlassen, und in No. 8. ein einfach gutes Abschiedslied singt. No. 9. Volksfestchor, munter und natürlich. No. 10. Volkstanz. Walzer. No. 11. sehr hübsches Lied des Schusterjungen, trefflich rhythmisiert in echter Volkslust. No. 12. Abschiedsduett Kunigundens und des Meistersängers, leicht, gefällig, aber nicht charakteristisch. Kunigunde wird durch den Gesang beinahe noch unzarter, als durch die Worte. Der theatralische Seligkeitserguss der Liebenden am Ende läßt Alles verschmerzen. Leider kommt gerade der bürgermeisterliche Vater zur Umarmung. Finale No. 13, so lebhaft und bunt, als es im Mittelfinale effektuirt. Der Bürgermeister verweist im Zorn den Meistersänger aus der Stadt; es entsteht zum Glück keine Rebellion, allein nach dem zärtlichen Abschiede kann es doch an einem rauschenden und stürmenden Ende, wie es sein soll und zur Unterhaltung sich schickt, gar nicht fehlen.
    Den dritten Akt leitet No. 14 ein kurzes Zwischenspiel der Instrumente ein. Man sieht während dieser Musik die beiden Freundinnen von verschiedenen Treppen herabkommen. Kordula sucht die Betrübte zu zerstreuen und schlägt ihr die Karte. Arie und Duett (No. 15), in beliebt unterhaltender Weise. Plötzlich steht Hans Sachs vor ihnen; Görg ist nicht fern. Mitten in der besten Unterhaltung hört man den Bürgermeister nahen und Andere. Die Liebhaber werden auf der Treppe versteckt. No. 16. Ensemble. Die Ratsherren sind in Verlegenheit und wissen keinen Rat, der Kaiser hat ihnen das Gedicht übersandt, das Görg seiner Kordula an ihrem Geburtstage, als von ihm verfasst, vorlas. Der Reimdieb hatte es beim Tanze verloren, ein kaiserlicher Reiter verwahrte es und spielte es durch den Hofnarren in die Hände des Kaisers, der nun den Verfasser desselben wissen will. Endlich schlägt sich Eoban in’s Mittel und verspricht, die Herren zu retten, wenn sie ihm zuvor “die grässlichste Verschwiegenheit schwören”. Darauf macht er sich anheischig, die Autorschaft gefällig auf sich zu nehmen. Dr Vorteilhaft, wenn Teutsche den tatsächlichen beweisie Herren finden das schlau und werden nur durch eine verborgene Stimme erschreckt, die ganz vernehmlich dazwischen ruft: “Spitzbuben!”. Man erklärt das Unbegreifliche für Täuschung, die in solcher Aufregung höchst natürlich ist, und die verlegenen Frauen helfen vollends zum erwünschten Glauben. froh sieht nun Jeder dem morgenden Feste entgegen und die Musik ist so munter, als man es liebt. No. 17 un 18. Ballet und Pantomime zu Ehren des Kaisers. Die Hauptsache wird darauf sprechend abgetan. Der abgeschmackte Eoban erhält seinen Lohn und der Bürgermeister benimmt sich sehr unterhaltend. Görg bekennt seinen Raub und Niemand ist glücklicher, als Sachs und die guten Nürnberger, die im Schlusschor sich einige imitatorische Folgen verlaufen haben.
    Man sieht, das komische und lebhaft Unterhaltende herrscht bedeutend vor, so dass der Klavierauszug häuslichen Musikzirkeln und vielen Singakademien die besten und erwünschten Dienste tun wird, oft noch mehr, als durch jede andere neufranzösische Oper beliebter Art. Was aber das charakteristische Ganze anlangt, so will das bevorzugt Amusable im Grunde nichts davon wissen, braucht es auch nicht, und die Meisten sind jetzt mehr dagegen als dafür. Wir haben unsere Auseinandersetzung nur darum gegeben, damit man die beiden Opernarten gleich in der Dichtungsanlage nicht mit einander vermische, um jeder derselben ihre volle Wirkung für sich zu lassen, was durchaus der Beachtung wert ist. Übrigens halten wir es sogar für vorteilhaft, wenn Teutsche den tatsächlichen Beweis führen, dass sie in der zeitbeliebten Unterhaltungsweise den Fremden sich gleichfalls an die Seite stellen können. Möge also Herr Lortzing die Art, in welcher er allgemein Ansprechendes zu leisten so glücklich war, beibehalten und zur Ergötzung des Publikums weiter fördern. Immerhin bleibt es dabei: Eines schickt sich nicht für Alle. Jeder gebe in seiner Weise sein Bestes; so ist es wohlgetan.
    G.W. Fink.

    März. No. 13.
    Nachrichten.
    Dessau. (...)
    Unsere Oper setzte die Böttnersche Gesellschaft mit 25 verschiedenen Vorstellungen fort, wovon wir die kleinen Unterhaltungsspiele weglassen. Zur Aufführung kamen: Tankred von Rossini, Belagerung von Korinth, der schwarze Domino von Auber (2 Mal), Maskenball (4 Mal), Puritaner, Romeo und Julie, Die Nachtwandlerin von Bellini, Zauberflöte von Mozart (3 Mal), Barbier von Sevilla, Wilhelm Tell von Rossini, Lodoiska von Cherubini (2 Mal), Fra Diavolo von Auber, Räuberbraut von Appel, Postillon von Adam, Zar und Zimmermann von Lortzing, Schweizerfamilie von Weigl, und Don Juan von Mozart.

    Mai. No. 18.
    Nachrichten.
    Berlin.
    Am 5. und 7. v. M. “Die beiden Schützen” (...)

    Juni. No. 24.
    Lied: “Zwar hat der Schönheit und der Jugend”, mit Begleitung des Pianoforte oder der Gitarre, eingelegt in die Oper: “Die Dreizehn”, von F. Halévy, komponiert von G.A. Lortzing. Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. Preis 4 Ggr.

    Ein launiges Lied in Polonaisenart von der Schönheit und den Frauen, die zwar immer treu sind, doch immer besser eingesperrt. Es effektuiert und wird Viele erwünscht unterhalten.


    September. No. 35.
    (...)
    Nicht minder lieb werden den vielen Freunden des Opernspiels auf dem Pianoforte allein folgende beliebte Werke sein, die in derselben Verlagshandlung erschienen sind:
    1. Hans Sachs, komische Oper von Reger, Musik von Albert Lortzing, Vollständiger Klavierauszug zu zwei Händen ohne Worte. Preis 4 Thlr.
    2. Ouvertüre zu der Oper “Hans Sachs” für das Pianoforte zu vier Händen. Preis 20 Ngr.
    3. Lucrezia Borgia, Oper in drei Akten zu vier Händen eingerichtet, Musik von G. Donizetti. Pr. 5 Thlr.

    Die genannten Opern sind besprochen, von den Brettern herab verbreitet, werden noch an mehreren Orten neu in Szene gesetzt. - So wird man sich zu lebhafterer Erinnerung an die Theaterfreuden die Musik dieser Opern nach Gewohnheit auch in seiner Einsamkeit oder vor seinem Hauszirkel gern wiederholen wollen. Die Arrangementen sind gut und die Ausgaben schön.


    September. No. 38.
    Berlin, den 14. September 1841.
    (...)
    Im königl. Theater, welchem es noch immer an einer eigentlichen ersten Sängering fehlt, hat die in naiven Rollen stets beliebte Dem. Grünbaum die Anna in dem L. Schneiderschen Quodlibet: “Fröhlich”, im “Reisenden Studenten” Hannchen, in “Fra Diavolo” die Zerline (sehr anmutig und gewandt in der Darstellung), in “Zar und Zimmermann” die Marie, im “Feen-See” die Gastwirtin Margarethe und in der bis jetzt nur einmal gegebenen Oper “Hans Sachs” von Lortzing die Cordula, als Gastrollen mit Beifall gegeben. Ob ein Engagement dieser für das leichtere Singspiel sehr brauchbaren Sängerin statt finden wird, ist - wie so vieles - noch unentschieden. Zu bemerken ist noch, dass Herr Krause den Zar in Lortzing’s beliebte Operette “Zar und Zimmermann” vorzüglich sang und angemessen darstellte.

    Oktober. No. 40.
    Nachrichten.
    Kopenhagen, im August. Die großherzoglich Mecklenburg-Strelitzische Hoftheater-Gesellschaft, die uns im Laufe diese Sommers besuchte, führte uns im neuen Theater vor dem Westerthore folgende Opern in teutschen Sprache vor: Die Unbekannte von Bellini (zwei Mal), Fra Diavolo von Auber, Norma von Bellini (zwei Mal), Otello und Wilhelm Tell von Rossini (die letzte Oper zehn Mal bei stets gefülltem Hause), endlich Zar und Zimmermann von Lortzing. - Das Orchester, größtenteils hiesige Hautboisten, wurde vom Kammermusiker Herrn C. Schönfeld aus Neustrelitz umsichtig dirigiert, in welchem wir auch einen wackeren Komponisten kennen lernten. Unter den Sängern zeichneten sich vorzüglich aus Herr Irmer, erster Tenor, und Mad. Hahn, Altistin. (...)

    Oktober. No. 43.
    Nachrichten.
    Berlin, den 3. Oktober 1841.
    (...)
    Lortzing’s “Hans Sachs” war zufällige Hindernisse wegen längere Zeit zurückgelegt; jetzt kam das etwas gewöhnliche, teilweise in der Handlung gedehnt Singspiel, mit neuer Besetzung der Rollen des gar zu sentimentalen Schuhmachers (von Herrn Bötticher mit schönen Portament gesungen) und des Bürgermeisters (Herr Blume), wieder zur Aufführung, ohne jedoch mehr Erfolg als früher zu erlangen, so belustigend auch Herr Mantius den verliebten poetischen Schusterlehrling und Herr Schneider den geckenhaften Ratsherrn darstellten, und Dem. Grünbaum die Cordula mit Humor und Leben gab. Die Sentimentalität ist so vorherrschend und die komischen Szenen erscheinen zu isoliert. Auch ist großen teils die Melodie und Haltung der Gesänge etwas ungewöhnlich und das Lyrische dem Dramatischen Vorwaltend. Dennoch erhielten einige Lieder und Ensemble’s verdienten Beifall.
    (...)

    Dezember. No. 51.
    Lied des Czaar: “Sonst spielt ich mit Scepter” für das Pianoforte übertragen von A. Haupt. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Preis 5 Ngr.

    Das Lied ist beliebt, die Übertragung gut und leicht. Man kann es nicht allein zum Vergnügen, sondern auch zur Einübung des Pianofortespiels auf drei zusammengeklammerten Notensystemen, falls es Einem und dem Andern Mühe machen sollte, nützlich verwenden.


    AMZ: 44 - 1842

    Januar. No. 2
    Feuilleton.
    Lortzings Oper: “Die Beiden Schützen” ist im Hamburg mit vieler Teilnahme aufgeführt worden. Eben so in Schwerin Donizetti’s “Tochter des Regiments”, worin sich die Damen Gneib und Höffert, und die Herren Gliemann und Köhler auszeichneten.


    Februar. No. 6.
    Nachrichten.
    Frankfurt a.M.
    (...)
    Im alten Jahr hörten wir noch zum guten Ende Gluck’s Iphigenia in Aulis, die Favorite, den Barbier von Sevilla, Zar und Zimmermann, Belisar, die Fremd, den Brauer von Preston, den Dorfbarbier, die herrliche Musik zu Egmont, und am Sterbetage Mozarts: Figaro’s Hochzeit. (...)

    März. No. 11.
    Frankfurt a.M.
    (...)
    Zampa und Zar und Zimmermann halten sich durch Pischek. Goethe’s Egmont, trotz seiner wackern Besetzung un himmlischer Musik, bleibt leer.
    (...)

    März. No. 12.
    Coburg, vom Monat April bis December v.J. Herzogliches Hoftheater. Neuigkeiten: “Die Hugenotten”, “Zar und Zimmermann”, “Der Pirat” und “Hans Sachs”. Pirat fiel durch, Norma und die Sannambula wurden vor leeren Bänken gegeben gegeben. (...)

    April. No. 17.
    Ankündigungen.
    Lortzing, A. Ouv. zu Casanova à 4 mains. Lpz. Br.u.Härtel. 20Ngr.

    Juni. No. 23.
    Nachrichten.
    Frankfurt a.M.
    (...)
    Dieser neue Abschnitt unserer Oper begann mit Fidelio. Es folgten bis zum 20. Mai: Zar und Zimmermann; Freischütz; Belisar, zum Besten der Abgebrannten in Hamburg (nur schwach besucht); Figaro; Don Juan. Also fünf deutsche Opern auf eine italienische, welches als eine gute Vorbedeutung für die Zukunft genommen wird.
    (...)

    September. No. 38.
    Frankfurt. Oper. Diese war vom 26. Mai bis zum 18. Juli sehr tätig, und die sich auf deutschen Bühnen ewig bekämpfenden drei Nationen gingen so ziemlich Hand in Hand miteinander. Diesmal konkurrierten: Lucia von Lammermoor, Otello, Puritaner, Nachtwandlerin; Jacob, Zampa, Weiße Dame, und zum ersten Male Guido und Ginevra; Zar und Zimmermann, Preziosa, Fidelio, Zauberflöte, Don Juan, Templer und Jüdin; und das immer rege Zünglein der Waage Beifall verweilte doch am längsten bei unsern deutschen Ehrenmeistern, und bei Boieldieu’s geistvoll lieblicher Musik zur weißen Dame, die hier gleich der Zauberflöte neu in Scene gesetzt ist.
    (...)
    Nachrichten.
    Hamburg in September.
    (...)
    Obenan stelle ich hier nun natürlich die Mozart’schen Open, von denen Die Entführung, Figaro, Don Juan, Titus und Zauberflöte fortwährend auf dem Repertoire sind und stets eine zahlreiche Zuhörerschaft herbeiziehen, welches, nebenbei bemerkt, auch zugleich ein gutes Zeugnis für das Geschmack des hiesigen Publikums, wenigstens eines bedeutenden Teils desselben gibt. Sodann kommen die Weber’schen Oern, Jessonda und Faust von Spohr, robert der Teufel und Hugenotten von Meyerbeer, Nachtlager zu Granada von Kreutzer, Joseph und seine Brüder von Mehul (Hr. Wurda als Joseph, Hr. Reichel als Jakob und Fräulein Eichbaum als Benjamin sind ausgezeichnet), Jüdin und Guido und Ginevra von Halevy, die vorzüglichsten Opern von Auber, Boieldieu, Rossini, Donizetti, die komischen opern von Lortzing (Casanova ging hier am 10.d.M. in Szene) u.s.w. - Im Laufe diese Sommers sind vier Opern neu in Szene gesetzt, nämlich: Der Kerker von Edinburg, Musik von Fr. Ricci; die Regimentstochter von Donizetti; der schwarze Domino von Auber, und die eben erwähnte Oper von Lortzing: Casanova. (...)

    September. No. 39.
    Nachrichten.
    Berlin, im September 1842
    Im Juli und August fanden hier viele Gastdarstellungen statt, (...)
    Dagegen gefiel der hier sehr befreundete Bassist Herr Krause aus münchen als Figaro in der Mozart’schen Oper und Rossini’s Barbier von Sevilla, ferner als Zar Peter in der Lortzing’schen Oper, (...)

    October. No. 42.
    Nachrichten
    Frankfurt. Musik vom 28. August bis zum 30. September. Seit unserm letzten Berichte bis heut wurden unsre Bühnenbretter nicht kalt, denn Oper, Schauspiel und Concert wechselten mit einander in buntem Gemisch. Wer uns vorwirft, unser Repertoire sei nicht reichhaltig, der blicke nur auf das letzte Messrepertoir. Der Monat August schloss mit Zar und Zimmermann.
    (...)
    Berlin, den 2. October 1842.
    (...) Die k. Oper konnte wegen Unpässlichkeit der Dem. Schultze und Abwesenheit der Dem. Tuczeck (im Seebade und Swinemünde) nur erst in der letzten Hälfte des Septembers wirksam sein. Dem. Miller vom kaiserl. Hoftheater zu St. Petersburg gab die Preziosa und Annchen im “Freischütz” als Gastrollen, mehr durch routiniertes Spiel, als den Gesang ansprechend, welcher im parlanten indess auch genügte. “Die beiden Schützen” von Lortzing unterhielten erheiternd. In Donizetti’s “Marie, die Tochter des Regiments” (welche Oper hier sehr gefällt) und den “Krondiamanten” von Auber trat Dem. Tuczeck, im schauerlichen Danaidenballet Dem. Wagon wieder auf. Auch die mehrmals verhinderte Aufführung der Iphigenia in Tauris von Gluck fand endlich statt.

    AMZ: 45 - 1843

    Januar. No. 2.
    Feuilleton.
    Am 31. Dezember 1842 wurde in Leipzig A. Lortzing’s, am 2. Januar 1843 in Dresden Rich. Wagner’s neueste Oper gegeben; jene heißt: Der Wildschütz oder die Stimme der Natur, diese: Der fliegende Holländer. Beide fanden Beifall.


    Januar. No. 3.
    Prag.
    Seit meinem letzten Bericht hat unsere Bühne zwei Opernneuigkeiten gebracht, eine französische und eine deutsche, nämlich Auber’s “Krondiamanten” und Lortzing’s “Hans Sachs”, von welcher jedoch weder diese noch jene große Sensation machte.
    (...)
    Wenn uns Lortzing’s komische Oper “Hans Sachs” weit weniger ansprach als dessen “Zar und Zimmermann”, so wollen wir dies keinen Rückschritt des wackeren Operncompositeurs nennen, und wohl bedenken, dass ihm Herr Reger mit dem Texte bei weitem nicht so gut und dankbar vorgearbeitet habe, als er selbst. Wir sind übrigens zuvörderst der Meinung, dass, wenn man Schau- und Lustspiele in Opern verwandeln will, jene nicht so allgemein verbreitet sein müssen, wie Deinhardsteins “Hans Sachs”, in welchem falle der Dichter auf den Vorteil der Überraschung und Spannung der Aufmerksamkeit im Voraus Verzicht tut, und das Wie? am Publicum einen desto strengeren Richter findet, da das Was bereits bekannt ist. Ins besondere war die Umschmelzung des “Hans Sachs” in eine komische Oper sehr schwierig, da dessen Hauptmotiv eine gar ernste Seite hat. Herr Reger hat es sich so viel als möglich erleichtert, indem er die beiden Hauptpersonen fast noch ernster hält, als sie im Drama sind, und nur der Bürgermeister und Ratsherr noch mehr chargiert. Die Komik des Lehrburschen besteht meist in Schimpfnamen und jene seines Liebchens Kordula ist etwas plumper Natur. Dass der Kaiser Hans Sachs schon früher kennen lernt, ist wohl angelegt, und befördert die Klarheit der Übersicht, was in der Oper eine Hauptsache ist. Warum aber in eine Oper der Schuster und Ratsherren deklamieren müssen? ist nicht leicht abzusehen. Die Oper enthält mitunter hübsche Nummern, doch wenig Frappantes und manche Reminiszenzen zumal an “Zar und Zimmermann”. Was die Darstellung betrifft, so sangen Dem. Herrmann (Kunigunde) und die Herren Kunz (Hans Sachs) und Schütky (Eoban Hesse) ihre Partien mit großer Sorgfalt und genügten auch im Spiele. Bei dem braven Herrn Preisinger (Meister Steffen) kann nur von Letzerem die Rede sein. Herr Demmer (Görg) übertrieb über alle Massen. Dem. Köckert (Kordula) reichte zu der hübschen Kartenprophezeiungsarie mit ihrer Kunstfertigkeit nicht aus. Die Aufnahme war wenigstens lebhafter und freundlicher als jene der “Krondiamanten”.

    Februar. No. 5.
    Nachrichten.
    Frankfurt: Musik im November und Dezember.
    (...)
    Und mitten in diesem reichen bunten Garten der Töne schreitet unsere Oper wie eine gepanzerte, rosenbekränzte Riesin einher. Es gehörte schon ein guter Magen dazu, die Früchte nur alle anzubeißen, die Euterpe’s Füllhorn so reich ausgestreut hat. Und nun haben wir es noch mit der Hauptsache aller musikalischen Genüsse, der Oper zu tun. Und dass diese nicht müssig war, beweist folgendes Repertoire: Freischütz, Don Juan, Catharina Cornaro mit Herrn Brassin von Mannheim, die weiße Frau, Regimentstochter, wiederholt, Wasserträger, Favorite, Iphigenie in Aulis, Richard Löwenherz, wiederholt, Robert, Hugenotten, Nachtlager, Fidelio, Zar und Zimmermann, Concert am Hofe, Falschmünzer und Otello mit Herrn Klein von Breslau. (...)

    Februar. No. 7.
    Nachrichten.
    Wiener Musikleben.
    (...)
    Die erste Novität der Wintersaison war: “Zar und Zimmermann”. Reich ist der Scherz auf der deutschen Opernbühne. Selbst die Italiener haben ihre Buffonaden den Rücken gekehrt, und nur die Franzosen, die jedoch im Grunde nie von Herzen lachen konnten, witzeln fortwährend gerne. Lortzing traf bei den Wienern in’s Schwarze. Man erfreut sich an den theatergewandten Situationen, an den heitern Charakteren, vor allem an der melodiösen, frischen, schön harmonisierten und instrumentierten Musik, die des Effektvollen, Pikanten Vieles enthält, ohne deshalb gesucht zu sein. Einem muntern, rotwangigen jungen ist sie zu vergleichen, der, wenn er auch zuweilen etwas französisch oder italienisch dreinplappert, dennoch nie aufhört, seine gute, deutsch - gemütliche Gesittung vorwalten zu lassen. Die Darstellung dieser Oper durch Dem. Lutzer und die Herren Schober, Erl, Langenhaan und Pfister ist eigentlich nur musikalischerseits zu loben. Das Spielen und die Prosa im muntern deutschen und französischen Singspiele macht den an lauter geschraubten Opernpathos gewöhnten Künstlern von heute viel zu schaffen. Durch die ewigen Jammer- und Not- Opern ist die Darstellung der Natur, die freilich im Abrisse des heitern Lebens mehr zum Durchbruch gelangen kann, in lauter Affektation und blasierten Heroismus aufgegangen; ihre heitern Charaktere sehen meistens aus, als ob sie eine lustige Maske angetan hätten, ohne die traurige auszuziehen. Unbestreitbar müssen die deutschen Operisten, zum Teil wohl auch gegen ihr Verschulden, hinter ihre Vorgänger von vergangenen Jahrzehnten zurücktreten. Ausnahmen hier wie überall. So z.B. die Lutzer, die als Marie bei anziehender Natürlichkeit auch eine hübsche Prosa entwickelt, ohne jedoch in den wirksamen Pointen die Brünning-Wohlbrück zu erreichen, welche dieselbe Partie im Josephstädter Theater mit Eclat gegeben hat. Ihre Einlagsarie im ersten Acte vom Kapellmeister Proch ein Cadeau aus Trillern und Läufen zusammengesetzt, für Freunde dieser Artikel, woll wenig bedeuten. Eingreifender in’s Ganze ist die von dem lieblichen Tenoristen Granfeld in eben jenem Theater gesungene einfache und ansprechende Cavatine, mit welcher sich auch Erl Beifall zu verschaffen weiß. Lortzing’s Oper ist stehend geworden, und auf dem Wege zu einer halben Volkstümlichkeit begriffen.

    Mai. No. 22.
    Nachrichten.
    Frankfurt: Musik vom 14 März bis zum 14. Mai.
    (...)
    Die Opern und Gesangstücke, die ohne Gäste über unsere Bühne schritten, waren: Barbier, die neue Fanchon, Zar, Oberon, Fidelio (am Vorabend von Beethoven’s Todestag, mit einem sehr sinnigen Prolog von W. Wagner), die Regimentstochter, Aschenbrödel, Concert am Hofe, und die Wiederholung des Riquiqui, abermals sehr beifällig aufgenommen.

    Juli. No. 29.
    Rezension.
    Der Wildschütz oder die Stimme der Natur; komische Oper in drei Akten; - Musik von A. Lortzing. - Vollständiger Klavier - Auszug von F.L. Schubert. Leipzig, bei Breitkopf u. Härtel. Preis 6 Thlr.
    Lortzing hat sich so überraschend schnell einen so wohlklingenden, populären Namen, einen so heitern Ruf erworben, und zwar namentlich durch seine beiden komische Opern: Zar und Zimmermann und Die beiden Schützen*), dass sich fast unwillkürlich die Frage aufdrängt: Wodurch hat er so schnell und fast ohne Opposition auf das vielköpfige Ungeheuer, Publicum, gewirkt, und was ist wohl der eigentliche Nerv und reiz seines Wesens und jener beiden Werke? - Wir glauben es mit wenigen Worten sagen zu können: Gemütlichkeit und natürliche Heiterkeit charakterisieren vor Allem diese beiden mit allgemeiner, freudiger Zustimmung aufgenommenen Werke, und dass er dies überall willkommenen und doch so seltenen Gottesgaben mit so vieler Leichtigkeit, mit so einfache Mitteln, und so anspruchslos und unvorbereitet geltend machte, entschied sein Glück und seinen Beruf für die, fast verwaiste, deutsche komische Oper. Nicht das Unerhörte, Staunenerregende ist es, was seinen Werken Bahn macht, sondern etwas viel Freundlicheres, Dauernderes; jene gute, gesunde Laune, jene drollige Natürlichkeit, an der rechten Stelle durch einfach - wahres Gefühl veredelt - das öffnet ihm und seinen heitern Schöpfungen Bühnen, Ohren und Herzen.
    * Es erscheint etwas auffallend, dass von seinen Opern: Das Fischerstechen, Hans Sachs und Casanova in Vergleich zu den beiden oben genannten so wenig die Rede ist. - Referent lernte (durch den Klavierauszug) Hans Sachs kennen, und muß nach aufmerksamer Durchsicht gestehen, dass ihm dies Werk keineswegs schwächer erscheint, als die beiden vielgenannten Opern desselben Komponisten. Vielleicht hat die Darstellung, namentlich was Casanova betrifft, ihre Schwierigkeiten. Es steht aber zu hoffen, dass auch jene Werke durchdringen; an günstiger Stimmung für den Komponisten fehlt es wahrlich nicht. Anm. Des Ref.
    Indem das deutsche Opernpublikum die Werke des deutschen Komponisten mit so freundlicher Gerechtigkeit aufnahm (es übt diese Gerechtigkeit nicht immer!), hat es sich zugleich stillschweigend von einem tiefgewurzelten Vorurteile losgesagt. Man war nämlich bisher fest überzeugt: aus einem bereits auf der Bühne heimischen rezitierenden Drama könne nun und nimmer ein guter Operntext gebildet werden. Der Bürgermeister von Saardam gilt langer Zeit als ein allgemein akkreditiertes, gutes Lustspiel, und dennoch ist es Lortzing gelungen, eine höchst wirksame Oper daraus zu schaffen. Auch die vorliegende Oper keimte aus dem Stoff eins allgemein bekannten, wenn auch moralisch oft angefeindeten Lustspieles des immer noch unersetzten Kotzebue, und dennoch prognostizieren wir auch dieser Oper einen glücklichen Erfolg, wenn gleich die musikalischen Elemente nicht so günstig und häufig aus dem Stoff hervorgehen, wie z.B. im Zar und Zimmermann. - Überlassen wir es getrost Andern, über die Zulässigkeit, Moralität und sonstige Bedenklichkeiten des Stoffes quaestionis zu debattieren: Lortzing wird immer die Wirkung und die Lacher auf seiner Seite haben; auch muss man gestehen, dass die Bearbeitung und Metamorphosierung Geschick und Bühnenkunde verrät. Freilich nimmt die Oper fast noch mehr das Schauspielertalent als die Gesangfähigkeit in Anspruch; - wird aber beiden Forderungen Genüge geleistet, so kann und wird die Wirkung nicht ausbleiben, was jetzt schon durch die bisher erfolgten Aufführungen dieser Oper erfreulich bestätigt wird, und “so hat auch uns nicht getäuscht die Stimme der Natur!”. Sollen wir indes diese unsere Vorrede mit einem recht aufrichtigen Wunsche schliessen, so möge ein freundliches Geschick dem werten Komponisten nunmehr einen recht frischen, heitern, ursprünglichen Stoff schenken, an dem er sein schönes Talent, seine ganze Eigentümlichkeit vollständig entfalten könne! -
    Betrachten wir nun die einzelnen Teile des heitern Gebildes, woraus sich dann wie von selbst ein allgemeines Urteil ergeben wird.
    Die Ouvertüre beginnt mit einem Moderato molto e maestoso (4/4, D dur), das vermöge seines ausgiebigen Thema’s einer viel umfassenderen Ausführung wert und fähig gewesen wäre, wenn der Komponist es nicht vorgezogen hätte, sich in Bezug auf Zweck und Stellung der Ouvertüre prägnanter Kürze zu befleißigen, was wir ganz recht und billig finden. Eine belebte Figur der Violinen leitet hierauf das leicht und anmutig gehaltene Allegro (6/8) ein, das recht geschickt und harmlos den Charakter der komischen Oper bezeichnet. Als der Satz nach der Dominante geführt ist, tritt im veränderten Rhythmus (2/4), aber ohne Veränderung der Bewegung der Mittelsatz ein, der trotz seiner Anspruchslosigkeit sich sehr gefällig und durch die veränderte Figur recht wirksam zeigt. Nachdem der 6/8-Rhythmus wieder aufgenommen ist, werden die einzelnen Ideen des Allegrosatzes, und zwar recht gewandt, durch einen ganzen Kreis von Modulationen geführt, und ungezwungen, in gutem Zusammenhänge, mit einander verwebt, wobei man mit ziemlicher Sicherheit die Wahl der Instrumentierung wahrnehmen kann, durch welche der Komponist dem Satze Farbe und Mannichfaltigkeit verlieh. Die ganze Auseinandersetzung bis zu dem Momente, wo während einer Fermate ein Schuss gehört wird (wahrscheinlich von der Bühne), ist recht wacker gearbeitet, und die imitatorische Behandlung steht dem Satze wohl, ohne ihn zu drücken und zu ernst zu gestalten. - Bald darauf kehrt nun (in der Tonika) der heitere Mittelsatz mit seinem veränderten Rhythmus zurück, der mit einer Fermate schließt und dann den Gedanken des ersten Allegro wieder aufnimmt. Hier hat uns das Abbrechen und Wiederaufnehmen, wie es nun eben geschieht, etwas gestört; ein unmittelbarer Übergang zur vorigen Bewegung wäre unstreitig dem Ganzen förderlicher gewesen. Mit erhöhter Lebendigkeit eilt nun die Ouvertüre dem Schlusse zu, der in seiner Stretta, durch nochmaliges Aufnehmen des gedrängten Rhythmus, eine recht freundliche und angenehm aufregende Wirkung macht.
    Ein Contretanz, mit absichtlich antikem Zuschnitte (3/8, D moll), eröffnet die Szene. (Da wir wohl mit Recht annehmen, dass der wackere Komponist die antike Form nicht auf die Modulation der ersten Reprise nach A moll ausgedehnt wissen will, so wollen wir vermittelnd bemerken, dass das fis im siebenten Takte gis heißen muss.) Nun beginnt ein harmloser, aber belebter, fröhlicher Chor der Landleute (6/8, B dur), ganz ohne Prätension, zu leichter Ausführbarkeit hingestellt, wie es sein muss. - Die leise Erinnerung zu vermeiden, welche die ersten zwei Takte an den Eingangschor des Adamischen Postillons wecken könnten, wäre dem Komponisten, der gar nicht nötig hat, sich mit transrhenanischen Federn zu schmücken, gewiss ein Leichtes gewesen. Die Unterbrechungen durch Baculus und Gretchen sind drollig und drastisch, und geben gleich Kunde von dem etwas prekären Liebesglück des präsumtiven Paares.
    Nach Wiederholung des hübschen Chores, der trotz seiner Leichtigkeit doch sehr wirksam gruppiert ist und zu nuanciertem Vortrage Gelegenheit bietet, kommt ein Gast auf den vernünftigen Einfall (der freilich in den modernen Opernintroduktionen fast stereotyp geworden ist), “ein fideles Lied mit Chor” vorzuschlagen. Herr Baculus, dem einige gut angebrachte Schmeicheleien das Herz bewegen, ist gleich bereit dazu, und - Herr Lortzing auch; denn hier ist er wirklich ganz in seinem eigentlichen Elemente. (Seine burleske Cantate im dritten Akte von Zar und Zimmermann halten wir, ohne Einschränkung, für ein wahres Meisterstück). Auch hier pulsiert und schäumt sogleich seine komische Ader.
    Baculus wählt, ganz analog, das unerschöpfliche, ihm so nahe liegende ABC zum Grundstoff seines Liedes. Wohl gibt es schon mehrere, auch recht drollige und witzige Paraphrasen dieser Fundgrube aller geistigen Bildung; aber unser Baculus hat es doch verstanden, der Sache eine neue Seite abzugewinnen. Das Lied gestaltet sich ganz ungezwungen zu einer possierlichen Abhandlung über die Ehe, und wird, auch nur leidlich vorgetragen, überall große Heiterkeit erregen. Die zweite Strophe singt Gretchen, die dasselbe Thema aus ihrem Gesichtspunkte behandelt und vorzüglich mit ihrem, besonders günstig hingestellten: X,Y,Z u.s.w. Glück machen wird; nicht zu vergessen den Refrain des Chores mit seinem ironisch-drastischen W, W, W, und wie Prosit! Klingenden TZ! Kurz, es ist ein Lied, das allein schon geeignet ist, eine gute Stimmung im Parterre hervorzubringen. -
    Ein Schreiben des Grafen an Baculus unterbricht die heitere Szene. Die Botschaft scheint nicht eben erfreulicher Art zu sein, doch zeigt er seinen Gästen eine heitere Miene, gibt dem empfangenen Wischer die Deutung einer gewünschten Schulreform, bittet die guten Leute, sich nicht stören zu lassen, und ladet sie zum fröhlichen Mahle in der Behausung des Nachbars ein. Sie folgen gern dem freundlichen Winke und gehen unter Wiederholung des ersten Chores ab.
    Baculus und Gretchen bleiben zurück. Es folgt nun ein sehr ausführliches Duett. Gretchen soll zum Grafen auf’s Schloss gehen, um den Erzürnten zu begütigen. Kaum willigt sie aber ein, so ahnt er noch größeres Unheil von der Mission als von seinem unglücklichen Schuss. Sie schmollt, er bittet um Verzeihung wegen seines schlimmen Verdachtes; als aber der verhängnissvolle Gang auf’s Schloss wieder angeregt wird, verweigert er auf’s Neue hartnäckig seine Zustimmung. In gerechtem Unmut sagt sie ihm nun nicht eben erfreuliche Dinge, und verlässt ihn in großer Aufregung. Das ist der gedrängte Inhalt einer Kontroverse, aus welcher Lortzing mit vieler Geschicklichkeit und leichter Hand ein allerliebstes, ansprechendes komisches Duett geformt hat, das beiden Individualitäten vollkommen angemessen und der wirksamen Ausführung ungemein günstig ist. - Zwar würde es der hübschen Piece Vorteil gebracht haben, wenn der Komponist statt einiger gar zu gewöhnlichen, matten Formeln (namentlich in den dialogisierten Stellen) etwas pikantere, frischere gewählt hätte - als Ganzes aber verdient das heitere Stück nur Lob. - Es ist namentlich in recht gutem Zusammenhang gehalten, und der wechselnde Rhythmus (2/4 und 3/4) bewahrt es bei seiner Ausdehnung vor Monotonie. Es wäre leicht, viele glückliche Einzelheiten hervorzuheben; wir willen indes nur als besonders wirksam die salbungsvolle Stelle bezeichnen, wo Baculus in einem gar rührenden Cantabile Gretchen zu Gemüte führt, welchen wohltätigen Einfluss er schon auf ihre früheste Jugend ausgeübt, und mit welcher nachhaltigen Sanftmut er ihr, der schwer kapierenden, das ABC eingezankt (ist wohl ein Druckfehler und muss drastischer heißen: eingepaukt) habe! - Seine Rührung schwillt mehr und mehr an, und überwältigt ihn fast; endlich als ihm die klassischen Worte auf die Lippen kommen: “Denkst du daran?” verwandelt oder verliert sich Melodie und Rhythmus unwillkürlich in die emphatische Schlusszeile des durch den “alten Feldherrn” und auch sonst berühmt gewordenen Liedes: Denkst du daran? U.s.w. Die Wirkung diese köstliches, unerwartet hereinbrechenden Einfalls muss von der Bühne herab wirklich unwiderstehlich sein!
    Mit No. 3, einem heitern, liedförmigen Ariettchen, tritt die lebensfrohe Baronin (und zwar in Männerkleidung auf, und preist, da ihre Ehe nicht eben zu den glücklichen gehörte, mit Wärme den Witwenstand, lässt aber zugleich ahnen, dass sie nicht unerbittlich sei werde lässt aber zugleich ahnen, dass sie nicht unerbittlich sein werde, wenn etwa - der Rechte kommen sollte! -
    Das gefällige Thema dieses leichtbeschwingten Glaubensbekenntnisses lernten wir schon als heitern Mittelsatz in der Ouvertüre kennen: in seinem Verlaufe mit hübschen Episoden ausgestattet, wirkt sein Wiederkehr immer erfreulich. - Da, wo die junge Witwe sich das Bild einer glücklichen Ehe malt, wird der Gesang viel inniger, die Harmonie edler und wärmer, wodurch das kleine Stück an Reiz und Mannigfaltigkeit gewinnt, und die letzte Wiederkehr des ersten Thema’s doppelt wirksam erscheint. -
    Leicht und mit einer gewissen Eleganz vorgetragen (die Ausführung bietet durchaus keine Schwierigkeit dar), wird diese fröhlich dahin fliessende Arie eben so am Pianoforte, wie auf der Bühne, zumal in der kecken Maske Glück machen.
    Es folgt nun (No. 4) ein Quartett zwischen der Baronin, Nanette (dem Kammermädchen), Gretchen und Baculus. - Es handelt sich darin um eine neue Verkleidung der Baronin, die sich erbietet, als Pseudo-Gretchen bei dem gestrengen Herrn Grafen ein gutes Wort für den dilettierenden Wildschützen Baculus einzulegen.
    Das muntere Stück, wie recht und billig, mehr im leichten Parlando gehalten, bringt nicht eben neue Ideen und Wendungen, würde sogar hier und da durch einige musikalische Pointen gewonnen haben; aber es entwickelt sich so rasch und natürlich, dass man einen etwas gesteigerten Aufschwung nicht eben sehr vermisst. - Eine kleine Bemerkung möchte indes hier nicht überflüssig sein. Herr Lortzing zeichnet sich in seinen Kompositionen unleugbar durch sein Bestreben, oder vielmehr durch seine Gabe, natürlich zu sein und leicht zu produzieren, sehr vorteilhaft aus; wir möchten ihn aber bitten, diesen verführerischen Eigenschaften nicht allzusehr zu vertrauen, sondern zuweilen, mitten in den glücklichen Schöpfungsmomenten, die Feder niederzulegen, um durch prüfendes Beschauen des Geschaffenen sich vor jener Selbstgenügsamkeit, jenem “Sich-gehen-lassen” zu bewahren; Beides ist eben so bedenklich, wie jene quälende Selbstkrittelei, die bei jedem Takt fragt: Bin ich hier auch originell? Wird man dies auch geistreich finden? Wird es Eindruck machen? - Rasch hingeworfen, wie es der Genius gebietet, und dann mit sinnender Ruhe überschaut - so gedeiht das Werk! Wenn wir nun auch Einzelnen in diesem Quartett unsere volle Zustimmung versagen müssen, so gestehen wir dafür um so freudiger, dass uns das ganze, als solches, wegen seines guten Zusammenhanges und seines verständigen Planes sehr befriedigt hat. Ja, wir glauben, gerade in diesem Stück (wie auch in mehreren der folgenden mehrstimmigen Sätze) einen bedeutenden Fortschritt des talentvollen Komponisten in der Formation des Ensemble zu erkennen. Namentlich hebt sich die (am Schluss wiedekehrende) Stelle:

    “Mut gefasst! Hoffentlich glückt der Spaß!”

    durch Nettigkeit und Anmut sehr günstig hervor; jede Stimme verfolgt dabei ihren eigenen Weg, bis ihre Vereinigung am Schlusse natürlich und wünschenswert erscheint.
    No.5. Nach einer ziemlich ausführlichen Orchestereinleitung (deren Wirkung vorzüglich aus der Instrumentierung sich ergeben dürfte) folgt ein heiterer, frischer Jagdchor, der ziemlich glücklich die Scylla der stereotypen, alltäglichen Jagdklänge, wie die Charybdis des Situationswidrigen und Gesuchten vermeidet. - Die beiden darin mitwirkenden Stimmen des Barons und des grafen treten in der zweiten Hälfte dieses Gesanges besonders vorteilhaft und selbständig hervor, ohne die liedförmige Einfachheit des Ganzen zu stören. Dem Referenten wollte es scheinen, als verlange das rhythmische Gefühl die Wiederholung der zwei Schlusstakte des: “Trara!” - so, dass diese zwei Takte das erste Mal piano, das zweite Mal, vielleicht mit einer Steigerung der Melodie, fortissimo ausgeführt würden.
    (Beschluss folgt.)


    Juli. No. 30.
    Rezension.
    Der Wildschütz oder die Stimme der Natur; komische Oper in drei Akten; - Musik von A. Lortzing.
    (Beschluss)
    Das erste Finale, No. 6, beginnt mit einem Chor der Landleute, die mit lautem Danke für den Festgeber sich nach Haus begeben wollen. Der Eintritt des Grafen und des Barons hält sie zurück. - Gretchen scheint die beiden Cavaliere rasch zu interessieren; selbst der Baron vergisst seinen “Weltschmerz” bei ihrem Anblick, und die Eifersucht des Schulmonarchen erscheint ganz motiviert. Diese verschiedenen Situationen und Regungen sind nun vom Komponisten recht geschickt und ansprechend gehalten. Referent hat in diesen Blättern, bei Beurteilung einer französischen komischen Oper, die Eigentümlichkeit der französischen Opernkomponisten hervorgehoben, die Fortführung solcher dialogisierter Szenen vorzugsweise dem Orchester zu übertragen und die handelnden Personen fast durchgängig in melodielosem Parlando zu halten, welche Methode namentlich für das leichte Verständnis gewiss Manches für sich hat. Hier nun zeigt sich wieder die deutsche Gewissenhaftigkeit, indem unser Komponist zwar nicht versäumt, den Faden der fortzuführenden Handlung im Orchester anzuknüpfen, aber dabei doch nicht vergisst, die handelnden singenden Personen auch melodisch zu bedenken, was ihm auch recht gut gelingt; nur zuweilen wünscht man auch in diesen Szenen den Gedanken etwas mehr Frische und Bedeutsamkeit; besonders macht es sich der Komponist mit den Schlussformeln oft gar zu leicht. -
    Sehr gut motiviert und vorzüglich rhythmisch wirksam behandelt ist das Ensemble: Allegro molto vivace, 4/4, G dur, wo sich Solostimmen und Chor Pianissimo im Unisono meditierend über die Situation aussprechen, wozu denn der volle und kräftig hingestellte C dur - Akkord einen um so wirksameren und wahrhaft dramatischen Gegensatz bildet. Hier ist die anspruchslose Natürlichkeit, das Vertrauen auf die Wirkung einfacher Mittel ganz am rechten Platz; auch muss es als ein guter Motiv des reflektierenden Unisono aus dem Anfange dieses Satzes nochmals in einzelnen Stimmen hervortreten lässt, während die übrigen schon den Schluss vorbereiten.
    Mit dem neuen Tempo (un poco moderato) und der veränderten Tonart (Es dur) tritt die nun als Gretchen verkleidete Baronin auf. Ihr Erscheinen setzt sogleich die reizbaren Herren in Flammen, und die musikalische Kundgebung dieses schnellen Eindrucks ist dem Komponisten vortrefflich gelungen, bis auf die wieder gar zu zahme Schlussformel:

    Die Frage der beiden Herren: “Mädchen, sprich, bist du vom Lande?” beantwortet die Baronin mit einem wunderhübschen, gemütlichen Liede, das den Reiz des Landlebens in ansprechenden Zügen schildert. - Die belebte Figur in der Begleitung zur zweiten Strophe hebt diese besonders günstig hervor. Wenn am Schlusse dieser Strophe, durch das Hinzutreten des Barons, dem sich Gretchen, der Graf und Baculus anschließen, vielleicht der Baronin der Applaus für den Vortrag des gefälligen, dankbaren Liedes geschmälert werden sollte, so mag sie das immerhin beklagen; wir, im Interesse der Kunst, freuen uns aufrichtig, dass der werte Komponist dem Liede durch einen so gelungenen Ensemblezusatz einen so gar lieben und gewinnenden Schluss gegeben hat. Er entwickelt sich ganz ungesucht und kunstgerecht aus dem Liede selbst und mit Berücksichtigung der verschiedene Individualitäten, und das ganze Finale erhält durch dieses Moment einen wohltuenden Ruhepunkt, eine gewisse Bedeutung, die durch den Zutritt des Chores noch erhöht wird. Gegen die harmonische Einführung desselben möchten wir indes, mit Erlaubniss des trefflichen Komponisten, protestieren! Die Solostimmen kadenzieren nämlich förmlich nach Es dur, so dass der Dreiklang dieses Akkordes auf das erste Viertel des Schlusstaktes fällt, und zwar mit oben liegender Terz; nun tritt der Chor, schon mit dem zweiten Viertel desselben Taktes, ohne Weiteres mit dem harten Dreiklang von H, mit oben liegender Quinte ein, was, abgesehen von der Schwierigkeit der Intonation, trotz des vorgeschriebenen Pianissimo, doch immer als Härte erscheinen wird. - Diese Bedenklichkeiten wären ungemein leicht, und wahrscheinlich zu erhöhter Wirkung des Satzes, zu heben gewesen, hätte es dem lieben Maestro nur gefallen wollen, die Solostimmen das erste Mal nach Es moll, und bei der Wiederholung durch einen Trugschluss nach Ces dur zu leiten, wo dann durch die enharmonische Verwechslung die Harmonie die schönste Glätte und Frische erhalten haben würde. - Diese an sich nicht erhebliche Ausstellung abgerechnet, rufen wir dem anmutigen Satze nochmals ein lebhaftes Bravo! nach.
    Es würde zu weit führen, wollten wir den ganzen Verlauf dieses Finale in so ausführlicher Weise besprechen, wie es uns bisher passend und bezeichnend erschien. Es sei daher nur noch des gefälligen Motivs (A dur, 6/8) erwähnt, mit welchem der Graf die Landleute zu seinem morgenden Geburtsfeste einladet, welchen ansprechenden Gedanken sodann der Chor in der Unterdominante mit fröhlicher Zustimmung wiederholt. Auch dem darauf folgenden Mosso, 2/4, fehlt es nicht an Frische und Lebendigkeit; die harmonische Steigerung am Schlusse würden wir unbedingt rühmen müssen, wenn der Komponist in dem Quartsextenakkorde statt der großen Sexte die kleine gewählt hätte. Die Modulation wäre dadurch viel weicher und fliessender geworden, indem dann die betreffenden Singstimmen ungestört ihr e auszuhalten hätten und nicht, wie es nun notwendig wird, unmittelbar nach einander: e, eis, e, intonieren müssten. - Auf diesen an sich schon lebhaft wirkenden Satz, der einen vollständigen Schluss gebildet haben würde, folgt noch eine kräftig potenzierte Stretta, in welcher Chor- und Solostimmen zu selbständiger, wie vereinter Wirkung gruppiert sind, und welche dem ganzen Finale den Stempel des Gelungenen aufdrückt.
    Der zweite Akt beginnt mit einer kurzen Einleitung, deren Ideen auf theatralische Momente des Werkes hindeuten. Es folgt eine rasch vorübergehende Szene (Pancratius und Chor). Sie wirkt eben so durch ihre prägnante Kürze, wie durch die aus ihr hervortretende unbewusste Ironie (die Singenden preisen das Vorlesertalent der Gräfin), was besonders durch den drolligen Schluss: “Schade!” recht treffend bezeichnet wird. -
    No.8. Duett und Arie. - Schon die Situation ist recht pikant: Der Baron, seiner mit Sophokleomanie behafteten Schwester gegenüber, die er forcierter Huldigung mystifiziert. Dazwischen das uns schon lieb gewordene, sanft von außen herein klingende Lied der Baronin: “Auf dem Lande will ich bleiben,” - kurz, eine wahrhaft dramatische Situation, von dem Komponisten trefflich aufgefasst. - Die ironisch - leidenschaftliche Apostrophe des Barons ist eben so gut gedacht, als das unwillkürliche Ausströmen seiner wahren Empfindung, wo er sich und seine Rolle auf Augenblicke vergisst, sie dann flüchtig wieder aufnimmt, um nach einem neuen, von außen herein klingenden Fragmente des anziehenden Liedes wieder in leidenschaftlicher Freude aufzujubeln. Die zuletzt so eng zusammengedrängte Doppelrolle, mit dem geschickt verwebten: “Ach, ach!” - muss einem guten Sänger und gewandten Darsteller eine willkommene, dankbare Aufgabe sein! -
    No.9. Quintett. Der Ausdehnung nach eine der größten Nummern der Oper, und was zunächst Stil und Haltung betrifft, wohl auch unbedenklich eine der besten. Hier bestätigt es sich noch mehr, dass der talentbegabte Komponist an Stetigkeit des Stils und Bewältigung des Ensemblesatzes seit der Komposition von Zar und Zimmermann bedeutend und erfreulich fortgeschritten sei. - Dass die erste Abteilung dieses Satzes, wo er als Terzett erscheint (Allegro vivace, 3/4), weniger den Gedanken nach, als in Bezug auf Stil und Fortführung, leise an Boieldieu, namentlich an das musterhafte Terzett des zweiten Aktes der weißen Dame erinnert, soll und wird dem Verdienste des wackeren Lortzing nicht Eintrag tun. Wollten nur manche andere, zum Teil hochgepriesene Opernkomponisten die Trefflichkeit des Boieldieu’schen Opernstils, und vor Allem seine Klarheit nd Charakteristik erkennen und nachahmen, die eben so weit entfernt ist von flacher Leerheit als von hohlem Lärm! - Aber freilich gehören zu einem klaren, edlen Stil auch edle, wahre und sinnvolle Gedanken, und manches dämmernde und brausende Opernensemble würde in leeres Nichts zerstieben, wollte man dasselbe seiner blendenden Beiwerke entkleiden. -
    Mit dem Eintritt des Barons, und später des Pseudo - Gretchens gewinnt Handlung und Musik ein noch bewegteres Leben. Namentlich ist die mit Mosso bezeichnete Stelle (Seite 101 des Clav.-Ausz.) Recht glücklich erfunden und mit vielen hübschen Zügen ausgestattet. - Einen Lobspruch verdient Herr Lortzing überhaupt und fast durchgängig: er wird nie langweilig, und weiß zur rechten Zeit zu enden, und Referent ist überzeugt, dass der tödliche Rotstift der Opernregie gerade in seinen Opern die wenigsten Opfer fordert. - Nachdem nun nach vergeblichem Sträuben der Baronin der unvermeidliche Beglaubigungskuss vorüber ist, wobei die darauf folgende Exklamation des Orchesters wohl weniger den Wonneschauer des Empfängers als den Widerwillen der Geberin bezeichnen soll, beginnt die oben erwähnte Cabaletta wieder, und zwar diesmal Forte und im Unisono, und schließt nach einer zweckmäßigen Steigerung kurz und bündig.
    Es folgt nun unter No. 10 ein Duett zwischen der Baronin und dem Baron, der unter schon schwankendem Widerstreben der Baronin Alles aufbietet, um ihre Liebe und selbst ihre Hand zu gewinnen.
    Es will dem Referenten scheinen, als habe dem Komponisten im Eingang dieses Duettes die gewohnte Leichtigkeit, der milde Fluss der Gedanken nicht gleich zu Gebote gestanden. Es kommen wohl auch einige gar zu unschuldige, auf einer andern Flur gekeimte Ideen darin vor, wie z.B. bei den Worten: “Der Herr ist gar zu vornehm mir”. - Auch hätte die an sich gute und die Leidenschaftlichkeit des dringenden Liebhabers treffend bezeichnende Harmonie durch das Vorhergehende besser motiviert erscheinen müssen. So aber widerstrebt der harte Dreiklang von Fis nach dem unmittelbar vorhergehenden G moll dem Gefühl, und es mildert die Härte der Harmoniefolge kaum, dass der Komponist den Gesang ohne Begleitung eintreten lässt. Mit dem “un poco più mosso”, wo beide Stimmen sich vereinigen, geht ein viel frischeres Leben und eine eigentümliche Regung durch das ganze; nicht allein ist die Duettform recht günstig festgehalten, sondern es haben auch die Ideen und ihre Verbindung jenes Gefällige, Wahre, was für die glückliche Konzeption des Ganzen spricht, und was hier, nach einer vorhergegangenen Entbehrung um so erfrischender wirkt. Nun: Quandoquidem bonus dormitat Lortzingus. - Der Wiederkehr diese belobten a due (nach einem musikalischen Dialog, der indes hier schon viel pikanter wiedergegeben ist), dem wir übrigens gern nochmals begegnen, dürfte ein etwas gesteigerter und erweiterter Schluss eben so günstig, als den Sängern wünschenswert sein. -
    No. 11. Quintett; - Billardszene. So wie das Verdienst, eine Versteigerung zuerst (und wie so trefflich!) in Musik gesetzt zu haben, wohl unbestritten Boieldieu zugesprochen werden muss, so dürfte auch unser wackerer Lortzing sich den Ruhm erworben haben, zuerst eine Billardpartie dramatisch - musikalisch dargestellt zu haben; denn eine solche bildet wirklich die Unterlage und den Stoff dieses Quintetts, das sicher von der besten Wirkung sein wird, wenn es recht präzis ausgeführt wird; aber dazu gehört in Bezug auf die sehr komplizierte auf rasche Momente angewiesene theatralische Handlung sehr viel. Es ist daher dem bühnenkundigen Komponisten sehr zum Lobe anzurechnen, dass er die schwierige Situation musikalisch so leicht aufgefasst und daher auch so leicht fasslich gemacht hat. -
    Stoff und Plan der ganzen Handlung sind so klar und günstig dargelegt, der drastisch - wirkende Baculus mit seinem imponierenden cantus firmus: Wach’ auf, mein Herz, und singe! ist eine so köstliche Theaterfigur, dass der Effekt sich wie von selbst ergibt, wenn sich nur Alles leicht und gewandt neben einander bewegt. Mit recht hat der Komponist den leitenden Faden Anfangs dem Orchester gegeben, und die Singstimmen, da zunächst Alles auf klare Verständlichkeit ankommt, nur im Parlando gehalten. Die früher schon ausgesprochene Bemerkung, dass der Komponist in seinen Schlussformeln zuweilen sich zu sehr gehen lasse, sei hier nur deswegen wiederholt, um die vorhergehende zu bestätigen; hier gilt sie zunächst der Stelle: - “sei mein Streben, sei mein Plan!”.
    Der unerwartete Einsatz des mehr schlaflustigen, als gesangfreudigen Baculus wirkt von der Bühne herab gewiss kolossal. (Sollte wohl den Dualis des Dichters und Komponisten bei der Einführung des Chorals nicht eine satirisch-parodierende Regung geleitet haben? Es wollte Referenten wirklich so scheinen, und er dürfte wohl Ideengenossen finden: jedenfalls sei es fern von ihm, dem lieben Satyr darob zu zürnen!) - Im Verlaufe des Quintetts tritt, neben manchen andern gelungenen Einzelheiten, besonders freundlich die Stelle hervor, wo der Baron die Abwesenheit des Grafen benutzt, um der vermeinten Schulmeisterbraut emphatisch seine heiße Liebe zu versichern, und noch mehr der Moment, wo Baculus in veränderter Tonart seinen Choral als Basis zu dem Gesang der Übrigen erdröhnen lässt. - Auch der Graf, der den Baron mit List zu entfernen wusste, will die Gunst des Augenblicks benutzen, und strömt sein Gefühl in einer kurzen, heißen Apostrophe aus, indem er dazu, in passender Tonart, das Motiv des Barons benutzt. - Recht gut ist auch die Zurückführung der Harmonie bei den Worten: “Einer führt den Andern an!” - Nun werden die Herren etwas hitzig. Mit dem Verlöschen der Lampe, durch die Musik gut bezeichnet, entsteht eine große Verwirrung, die durch einen Kommentar des Orchesters begleitet und bezeichnet wird. Wenn die im (beigefügten) Libretto genau beschriebene, sehr komplizierte Szene genau und glücklich ausgeführt wird, was indes keine leichte Aufgabe ist, so muss sie einen höchst komischen Eindruck machen. - Es folgt nun ein ziemlich ausführliches Ensemble, das der Komponist bloß mit Con moto bezeichnet. Wir raten aber, da die Handlung nunmehr zum Stilstand gekommen ist, und bei solchen reflektierenden Momenten sich sehr leicht nachteilige Longuers gestalten, das Tempo sehr belebt zu nehmen, wo sich dann das Ganze sehr ergötzlich erweisen wird, zumal da der Komponist schon durch Mannigfaltigkeit der Form, wie durch eine sehr animierte Orchesterbegleitung dem ganzen leichte Schwingen gab. Die etwas absonderliche Form des Mosso am Schlusse zu den Worten: “Darum müssen beide ohne Säumen” mit ihrem, durch die Generalpause ergänzten Rhythmus mag sich selbst verteidigen; eigentümlich wirkt sie gewiss. - Durch das “gute Nacht!” vermeidet der Komponist glücklich die Klippe eines gewöhnlichen Schlusses, und er darf sich in Summa überzeugt halten, ein recht wackeres Ensemblestück geschaffen zu haben.
    Hätten wir auch nicht bereits durch die Fama vernommen, dass die nun folgende Buffoarie No. 12 ihrem Reproduzenten auf der Leipziger Bühne großen Beifall gebracht habe, wir würden sie doch unbedingt als ein höchst gelungenes Charakterstück bezeichnen. - Der Baron, in seiner unbezähmbaren Leidenschaft, bietet dem sauberen Baculus die Summe von 5000 Thalern für die Abtretung seiner (vermeintlichen) Braut, und diese 5000 Thaler begeistern ihn nur zu einem Ausbruch ungemessener Freude, die sich in diesem Jubelliede Luft macht. Das komische Pathos ist hier ungemein glücklich geschildert. Der Dichter hat dem Komponisten (wahrscheinlich sind sie sehr intim!) so vortrefflich vorgearbeitet, und dieser die dankbare Aufgabe so vollständig gelöst, dass jeder auch nur erträgliche Komiker sich mit diesem Triumphgesang einen glänzenden Sukzeß sichern muss. Da man dem vom Sonnenstich des Glückes getroffenen Baculus Alles verzeiht, so wird selbst die drollige Gewalttätigkeit, mit der er “seines Glückes Statatatatatum” behandelt, die allgemeinste Approbation finden. - Der Mittelsatz dieser Arie (molto moderato, As dur), in welchem er, in eigner Überschätzung, über die Möglichkeit reflektiert, Gretchen könne aus zu großer Zärtlichkeit für ihn seinen Entsagungsplan vernichten, schildert wirklich trefflich diese besorgliche Meditation, und nachdem er in seiner Herzensangst sich sogar an das Publikum mit der Frage gewendet, was in sotanem Falle zu tun sei, bricht er (im Allegro deciso, F dur), nach einem hohnlachenden Unisonotriller des Orchesters, in die resoluten Worte aus: “Kann Alles nichts helfen, ich schlage sie los!” wobei der überstürzende Triolenrhythmus ihm trefflich zu Statten kommt. - Auch bei der Erwägung der Pläne, was wohl mit der ungeheuren Summe zu beginnen sei? Wird der Charakter der Buffoarie konsequent festgehalten. Der Zauberklang: “5000 Thaler!” durchdringt ihn nun auf’s Neue mächtig und begeisternd. Höchst bezeichnend dargestellt durch die Musik ist die Steigerung der Adjektive zu diesem Zauberworte bis zu dem Kulminationspunkt: “famös!”. - Die nun folgende gedrängte und burleske Reimflut rauscht fast betäubend vorüber, und mit den komisch - erhabenen Worten: “Beschlossen ist’s im Weltenplan: Ich werd’ ein hochberühmter Mann!” geht der freudetrunkene Sänger (nach Vorschrift) rasch und aufgeblasen ab, gewiss aber nur, um vom Publikum jubelnd wider hervorgerufen zu werden, wofür er sich dann bei Herrn Lortzing geziemend bedanken mag! - Ein höchst günstiger Aktschluss ist jedenfalls das Resultat dieser trefflichen komischen Szene.
    Die Partie des Grafen würde hinsichtlich des Gesanges wirklich zu unbedeutend erscheinen, wäre sie nicht durch eine brillante Arie bereichert worden, und so ist es ganz in der Ordnung, dass der einzige Moment, wo sie plaziert werden konnte (der Anfang des dritten Aktes), dazu benutzt wurde. Es beginnt nun dieser dritte Akt mit einer ziemlich imposanten Einleitung (das Motiv ist dasselbe, was den Anfang der Ouvertüre bildet - es lebe die Gedankenökonomie!); worauf nach einem kurzen Rezitativ, dessen Inhalt etwas nüchtern erscheint, eine recht dankbare Aria alla Polacca folgt, die sich ein guter Bariton leicht und glücklich aneignen wird. Sie atmet, wie ihr Wortlaut, nur Heiterkeit und Lebenslust, und hat in ihrem Gefolge gar manche freundliche Wendungen und Episoden. Die gar zu dissonierenden Vorhalte bei der Stelle:

    Kommt auf meinen Wegen
    Mir etwas entgegen
    Was die Freude stört -

    haben wirklich für den Referenten und wohl auch für Andere etwas , das die Freude stört, und in diesem Sinne hat doch wohl der wohllautliebende Lortzing die Gedanken kommentieren wollen. Die leichte Wunde heilt indes bald wieder, und auf recht sprechende, anmutige Weise wird das erste Thema wieder eingeführt. In Bezug auf den nun folgenden, an sich recht gemütlichen Mittelsatz: “Hübsche Mädchen, hübsche Frauen” will Referent hier eine, vielleicht nicht ganz überflüssige Bemerkung einschalten: Herr Lortzing liebt es offenbar, den eigentlichen Liederstil in seinen dramatischen Kompositionen anzuwenden, und es ist dies vielleicht ein Grund, weshalb sie so rasch populär geworden sind. Geschieht dies nur vorübergehend, und nur episodisch, und nimmt dieser Stil an einer Stelle nicht zu viel Raum ein, so wollen wir ihn in der heitern Oper zuweilen gern begrüßen. Wird er aber zu häufig, und namentlich strophenartig angewandt, so dass der ganze Gliederbau etwas Enges und Monotones erhält, so wird sich das Gefühl bald nach einer Erweiterung der Form, nach einem umfassenderen Gedanken sehnen, als die abgeschlossenen Grenzen eines Liedes sie bedingen. Ist es nun nicht vielleicht individuelle Ansicht des Referenten, so möchte er behaupten dass der in Rede stehende Mittelsatz, dem es übrigens durchaus nicht an Anmut fehlt, allzusehr die Beschränktheit der Liedform und jene Gleichheit des rhythmischen Baues an sich trage, während doch das Gedicht fast unwillkürlich zu einer mehr hervortretenden, ausgebildeteren Cantilene, und also zu einem verlängerten und abwechselnden Rhythmus aufzufordern scheint. Es dürfte hier zugleich nicht unpassend erschienen, daran zu erinnern, wie unvergleichbar größer die Mannigfaltigkeit der musikalischen Rhythmen, dem Rhythmus der Verse gegenüber, sei! Bleiben wir bei der sechszeiligen Strophe stehen, die uns zu dieser Exkursion veranlasste; sie heißt:

    Hübsche Mädchen, hübsche Frauen,
    Kann ich Euch nur immer schauen!
    Holde Sterne meines Lebens,
    Ihr ruft nie, nein, nie vergebens!
    Doch durch Liebe nicht allein
    Zieht die Freude bei mir ein!

    Unser Komponist hat nun sämtlichen Verszeilen diesen Rhythmus gegeben:

    im Gegensatz zu dieser metrischen Behandlung versuche man nun, welcher ungemeinen Vielgestaltigkeit diese Zeilen fähig sind, welch’ einen wohltuende Abwechslung und Erweiterung der Melodie sich eröffnet, wenn man sich nicht von der ersten rhythmischen Anschauung gewissermaßen beschränken und einengen lässt. - Wir sind übrigens weit entfernt, diese kleine Deduktion nur unserm werten Verfasser und nur in Bezug auf die obige Stelle niedergeschrieben zu haben: wir benutzen diese nur als Veranlassung, hatten aber dabei gar manche andere Individualität, so wie überhaupt das künstlerische Prinzip im Auge, das wir vielleicht bald in einer selbständigen Abhandlung über den musikalischen Stil überhaupt ausführlich zu besprechen gedenken.
    Kehren wir nun auch dieser gelegentlichen Abschweifung mit guter Laune zu unserm lebensfrohen Grafen zurück, der seine Arie ebenfalls mit fröhlichem Humor, und, wenn sein Repräsentant ein guter Sänger ist, eo ipso mit Beifall schließt.
    Es folgt nun ein sehr anmutige Frauenchor nebst einer improvisierten Tanzszene (No. 14), mit so hübschen Walzermotiven ausgestattet, dass sie Strauß und sel. Lanner’s Nachfolger gewiss gern akzeptiert hätten, wären sie ihnen zuerst aufgegangen.
    No. 15. Terzett; Enttäuschung des mystifizierten Barons und Erklärung des fatalen Missverständnisses. Ein nicht eben durch Gedankenfrische hervorstechendes, aber recht gut geschriebenes Musikstück, das vorzüglich da, wo es als Ensemble erscheint, trefflich gehalten ist; namentlich gebührt der geschickten Fortführung, dem guten Zusammenhang alles Lob. - Die wiederkehrende Ausweichung in diesem Ensemble nach G dur (die Haupttonart des Musikstückes ist G moll) bewahrt das Ganze vor Schwerfälligkeit und jener Ernsthaftigkeit, die der Unmut des Barons leicht dem ganzen mitteilen könnte. Der drollige und ungesuchte nahe Zusammenstoß der drei Reime: Gut, Mut, Blut! wird seine Wirkung nicht verfehlen.
    So sind wir denn an das letzte Finale (No. 16) gekommen, in welchen alle Täuschung aufhört und der Knoten sich löst. - Man weiß schon, dass bei solchen Erklärungen und Auseinandersetzungen nur die allernotwendigsten Worte, nur die unentbehrlichsten Töne sich geltend machen können, will man das Publikum nicht ungeduldig machen. Kurz und bündig, das ist das Rechte, und so geht es auch hier mit raschen Schritten der Entwickelung zu. Der ironische Anklang und Widerhall der “Stimme der Natur” wird wohl überall Heiterkeit erregen, wenn sie in der rechten Weise betont wird. (Eine kleine musikalische Pointe wäre diesem vielsinnigen Refrain vielleicht noch förderlicher gewesen; so ist es mehr dem individuellen Ausdruck überlassen.) - Bei der feurigen Apostrophe der gräzisierenden Gräfin: “Hämon, geliebter Bruder! O, wie selig fühl’ ich mich!” wäre es den musikalisch witzigen Lortzing gewiss nicht schwer geworden, sie durch eine vielleicht der musikalischen Antike entnommene Phrase zu charakterisieren, was dann auch der Replik des Grafen zu Gute gekommen wäre. Da der Komponist nach dieser Erwiderung, die in A moll schließt, allerdings etwas eilig sein musste, wollte er für seinen darauf folgenden wunderhübschen vierstimmigen Satz nun einmal As dur gewinnen, so dürfen wir wohl kaum mit ihm darüber rechten, dass er durch einen Staatsstreich, durch ein Alles niederwerfendes Unisono sich der notwendigen Septime in Es bemächtigte. - Die vier singenden Personen reflektieren in diesem melodisch und harmonisch ausgezeichneten Satze über den begriff von: schuldbewusst und schuldlos. Sie tun dies in so wohllautender Weise, dass man gern geneigt ist, etwaige Zweifel an ihrer Schuldlosigkeit zu unterdrücken. In Anfange ganz ohne Begleitung, erhält später der Gesang durch einige episodische Unterbrechungen des Orchesters einen wohltuenden Haltpunkt und gesteigertes Interesse. Die scheinbar unbewusste Ironie, die aus dieser Meditation hervorblickt, hätte der Komponist gewiss recht wirksam durch die etwas nuancierten Unterbrechungen und Beantwortungen des Orchesters bezeichnen können. Die zu kleinen Gruppen gestaltete Form des Ganzen würde sich solchen Einschaltungen besonders günstig gezeigt haben. Doch ist der Satz auch ohne weitere Zutat trefflich und gewiss von ausgezeichneter Wirkung.
    Es folgt nun ein passender, wohl absichtlich etwas derb gehalten Chor der Landleute, worauf dann die etwa noch nötige Erklärungen in geziemender, musikalisch analoger Weise gegeben werden. Die liebe Schuljugend macht noch spezielles Glück durch einige familiäre Ausrufungen, wie: “Unser Bruder, unsre Schwester lebe hoch!” vorzüglich aber durch die zweistimmige Chorsupplik, die ein so schweres Gewicht auf ihren lieben Schulmeister legt, dass ihm der Graf gern verzeiht. Nach förmlicher Amnestie für den dilettierenden Wilddieb schließt ein fröhlicher Chor, dessen Motiv wir schon in der Ouvertüre vernehmen, das heitere Werk, das auf’s Neue Zeugniss gibt für das bedeutende leicht ansprechende Talent des wackeren Komponisten, und bei sorgsamer und entsprechender Darstellung überall gefallen wird.
    Unsere ausführliche Besprechung dieses neuesten Werkes des bei allen namhaften Bühnen und also bei dem großen Publikum bereits ehrenvoll akkreditierten Komponisten beweist schon durch ihr genaues Eingehen, dass wir ihn hochschätzen und uns seiner schönen Erfolge aufrichtig freuen. Sein entschiedenes Talent für die leichte und anmutige Kunstgattung der komischen Oper liegt unverhüllt vor uns, und wir schöpfen aus seiner ergiebigen Produktivität die gegründete Hoffnung, dass wir noch gar manches schöne und freundliche Werk von ihm erwarten dürfen. - Da wir von vielen Seiten die Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit des wackeren Künstlers rühmen hörten, so sind wir um so weniger besorgt, er möchte die Bemerkungen, Ausstellungen und Winke, die wir im Verlaufe dieser beurteilenden Anzeige zu erkennen gaben, nicht im rechten Sinne nehmen. Sie tragen ja wohl sämtlich den Stempel jener unparteiischen, aber wohlwollenden, Anschauung, und (wir dürfen es wohl sagen) jener ächten Kunstliebe, die ein offenbares und bedeutendes Talent so gern in voller Klarheit strahlen sehen möchte, und deshalb mit prüfendem Blick die Schwachen aufsucht und bezeichnet, welche die volle Wirkung des Kunstwerkes beeinträchtigen. - Möge daher der freudige Beifall des Publikums den trefflichen Künstler nicht unempfänglich machen für die Winke einer besonnenen und motivierten Kritik! Möge das Glück und des Komponisten eigene umsichtige Wahl ihm recht günstigen Stoff für seine heitern Gebilde zuführen, und möge die ihm eigentümliche Leichtigkeit, mit der er produziert, ihn nicht zur Übereilung, zur Flachheit verleiten - dann sind wir überzeugt, dass sein rasch erworbener Ruf kein vorübergehender sein wird. - Mit freudiger Teilnahme wollen dann auch wir jedes neue Werk von ihm begrüßen, das unsern Erwartungen entspricht.
    Der Klavierauszug diese Werkes, das gewiss bald auf den meisten Bühnen heimisch sein wird, ist mit Umsicht und Geschicklichkeit ausgearbeitet; die Begleitung wirksam und doch leicht ausführbar. Der Stich ist schön, und auch, bis auf einige leicht zu verbessernde Versehen, korrekt. - Das beigefügte Libretto ist eine gewiss allseitig willkommene Zugabe, und wird besonders den Theaterdirektionen von Nutzen sein.
    Al.


    August. No. 33.
    Frankfurt.
    Musik vom 12. Juni bis zum 20. Juli.
    (...)
    Die bis dato hinter einander gegebenen Opern waren: Der Barbier, Zar und Zimmermann, Die wandernden Komödianten, Lucia von Lammermoor, Norma, Titus, Puritaner, Don Juan, Gott und Bajadere (zum ersten Mal), Stumme, Hugenotten, Dorfbarbier und das Nachtlager; das Gesangspiel: Die neue Fanchon; die Posse: Eulenspiegel, und das Quodlibet: Fröhlich. - (...)

    Oktober. No. 43.
    Nachrichten.
    Prag.
    (...)
    Die erste Gastdarstellung des Herrn Räder vom königl. sächsischen Hoftheater war der Bürgermeister van Bett im Zar und Zimmermann, auf welchen der Doctor Dulcamara im Liebestrank folgte. (...)

    November. No. 47.
    Nachrichten
    Berlin; den 1. November 1843
    (...)
    Donizetti’s Tochter des Regiments und Lortzing’s Zar und Zimmermann gehören fortwährend zu den stehenden und beliebten Opern des Repertoires, welches nun auch durch eine hier noch neue komische Oper des letzteren bereichert ist. Der Wildschütz oder die Stimme der Natur, nach Kotzebue’s Lustspiel: Der Rehbock von dem Komponisten vermutlich selbst mit vielem Geschick bearbeitet, ward am 24.v.M. zum ersten Male gegeben, und hat, vorzüglich des pikanten und belustigenden Sujet’s wegen, so gefallen, dass bei der Wiederholung am 29.v.M. die Billette sogleich vergriffen waren. Die Musik ist in Lortzing’s gewöhnlicher Weise, leicht, melodiös und gut instrumentiert, wenn auch nicht neu und eigentümlich erfunden, dennoch wirksam und ansprechend. Für das am Meisten dramatische Musikstück hält Referent die Billardszene im zweiten Akt, an das effektvolle Sextett im zweiten Akt von Zar und Zimmermann erinnernd. Die vorzügliche Besetzung der Rollen trug auch wesentlich zum Erfolge der Vorstellung bei. Dem. Tuczeck repräsentierte die als junger Student und Bäuerin verkleidete Baronin eben so anziehend, als sie die Gesangpartie graziös ausführte. Mad. Valentini ließ im Gesang freilich den Mangel an Klang der Stimme bedauern, stellte indes die Gräfin mit ihrer Gräkomanie sehr ergötzlich dar; eben so befriedigend im Spiel und ausgezeichnet im Gesang gab Herr Mantius den vom Weltschmerz geplagten, verliebten Baron. Eine höchst komische Figur war Herr Blume als Baculus, an den Schulmeister in Kotzebue’s Dorf im Gebirge mit angenehmer Musik von Weigl erinnernd. Auch Dem. Grünbaum war ein recht nettes Gretchen, welche vom Bearbeiter aus Diskretion zur Braut transformiert ist, welche doch eher noch für 5000Rthl. abgetreten werden kann, als Bakel’s Frau im Lustspiel. Den Grafen spielte Herr Bötticher mit vielem Anstand und Galanterie, und sang seine Polonaisenarie mit ansprechender Leichtigkeit. Auch die Nebenrollen wurden gut ausgeführt. Das Publikum blieb vom zweiten Akt an fast fortwährend im Lachen. Der erste Akt dehnt sich zu sehr, wie überhaupt Gesangtext und Dialog zu breit ist und der Abkürzung bedarf. - (...)
    Am 12. Oktober fand bei überfülltem Hause die erste Aufführung der komischen Oper Zar und Zimmermann von A. Lortzing statt. Die in einzelnen Partien recht gelungene Darstellung war von dem allgemeinsten und lebhaftesten Beifall begleitet. Allgemein wird es bei uns - wie wohl überall, wo das Werk zur Produktion gelangt ist - anerkannt, dass Lortzing sich dadurch ein unbestreitbar großes Verdienst um die deutsche Bühne erworben hat, indem wir es nicht vermögen, in der neueren Zeit ein Werk dieser leichteren Gattung von einem deutschen Meister dem hier angeführten in musikalischer Hinsicht gleichzustellen. Die Komposition des für die komische Oper geeigneten Stoffes finden wir eben so wohl charakteristisch als ächt musikalisch. Zeichnet sich die Musik auch nicht gerade durch Neuheit der Gedanken aus, so herrscht doch überall eine dem Sujet vollkommen entsprechende Leichtigkeit und Natürlichkeit, alle Tonstücke haben eine technisch gute, abgerundete Form, die Instrumentation ist einfach und charakteristisch und der Gesang bequem ausführbar. Es ist nicht mehr an der Zeit, auf die einzelnen Nummern dieses Werkes, das schon so oft in musikalischen Blättern Gegenstand der Besprechung gewesen ist , einzugehen, und wir schliessen darum unser Referat über dasselbe mit der Bemerkung, dass während der Aufführung Fräul. Eder (Marie), und die Herren Birnbaum (van Bett), Biberhofer (Zar) und Derska (Marquis) vom Publikum ausgezeichnet wurden. (...)

    Dezember. No. 49.
    Nachrichten.
    Breslau - Ende November
    (...)
    Von Novitäten sind Lortzing’s Wildschütz und Donizetti’s Linda di Chamounix erschienen, die beide gefallen haben. (...)

    Dezember. No. 51.
    Nachrichten
    Berlin, den 2. Dezember 1843
    (...)
    Das königliche Theater hat im November noch drei Mal den Sommernachtstraum bei vollem Hause wiederholt, ein Mal die Hugenotten mit Herrn Ditt als Raoul und drei Mal den Wildschütz. (...)

    AMZ: 46 - 1844

    Januar. No. 4.
    Nachrichten
    Hamburg, im Dezember 1843
    (...)
    Neu gingen in Szene die Opern: “Der Feensee” von Auber und “Der Wildschüutz” von Lortzing. (...) - Lortzing’s Oper hat eine seht beifällige Aufnahme gefunden und füllt fortwährend das haus, so dass die wohl bald die Tantieme erhalten wird, welches dann die erste sein wird, welche die Theaterdirektion von der Oper zu zahlen hat gelobt hat. Herr Bost ist als “Schulmeister”außerordentlich brav und erhält jedesmal lebhaften Beifall. Die Arie zum Schlusse des zweiten Akts muss er gewöhnlich repetieren. - (...)


    Januar. No. 5.
    Nachrichten
    Berlin.
    (...)
    Um so sparsamer waren die Leistungen der neu in Szene gesetzten, seit zwölf Jahren ruhenden Oper Belmonte und Constanze von Mozart, nur Wiederholungen des “Wildschütz” (drei Mal) und “Carlo Broschi” (fünf Mal) lieferte. (...)

    März. No. 11.
    Nachrichten.
    Berlin.
    (...)
    “Carlo Broschi” und “Der Wildschütz” sind im Januar nur ein Mal bei vollem Hause wiederholt worden.
    (...)

    April. No. 15.
    Nachrichten.
    Berlin. (Beschluss.)
    (...)
    Bei der königl. Oper setzten Mad. Schröder-Devrient und Herr Härtinger ihre Gastspiele fort. Otello und Fidelio wurden wiederholt. In Bellini’s Norma sang die zeither wenig beschäftigte Dem. Marx die Titelrolle, und Herr Härtinger den Sever. Carlo Broschi wurde zwei Mal, der “Wildschütz” einmal wiederholt. (...)

    April. No. 15.
    Nachrichten.
    Prag. Zwei Benefizien brachten uns zwei neue Opern, eine deutsche und eine französische. Wir sahen nämlich zum Vorteile der Dem. Grosser zum ersten Male: “Der Wildschütz, oder die Stimme der Natur”, komische Oper in drei Akten nach Kotzebue frei bearbeitet, Musik von Albert Lortzing, und zum Vorteile der Dem. Köckert: “Des Teufels Anteil”, komische Oper in drei Akten nach dem Französischen des Scribe, Musik von Auber. Beide Opern gehören nach der technischen Sprache des Theaters unter die Spielopern, kein Wunder, wenn sie hier keine genügende Darstellung finden konnten. Wenn in der Oper nur gesungen werden soll, so haben wir jetzt einige Stimmen, die man gern hört; wenn es aber darauf ankommt, Charaktere durchzuführen, piquante und komische Momente und Situationen zu motivieren und darzustellen - da haben wir fast gar kein Personale, und wenn auch weder der “Wildschütz” noch des “Teufels Anteil” als Musteropern ihrer Gattung aufgestellt werden können, so ist doch die geringe Teilnahme, die sie erregten, größtenteils Schuld der Darsteller. Lortzing hat in seinen “Beiden Schützen”, noch mehr im “Zar und Zimmermann” mit welchem Geschick er weniger bekannte Lustspielstoffe für die komische Oper zu benutzen weiß; wir haben ihn aber schon beim “Hans Sachs” darauf aufmerksam gemacht, wie schwierig diese Prozedur durch den Umstand werde, dass der Stoff allgemein bekannt und gleichsam in Blut und Leben des Publikums übergegangen sei. Dieser Umstand tritt bei dem älteren Teile der Zuschauer auch am Rehbock ein, und in bezug auf das jugendliche Publikum hat sich Lortzing eines Fehlers schuldig gemacht, den wir dem bühnenkundigen Kenner des Publikums nicht zugetraut hätten. Wenn nämlich ein Lustspielstoff für eine Oper benutzt werden soll, so muss notwendig die Intrige vereinfacht werden, um der Musik den gehörigen Raum zu ihrer Entfaltung darzubieten. Im Gegenteile hat Herr Lortzing dem “Rehbock” noch neue Motive hinzugefügt: die Gräkomanie der Gräfin und den Weltschmerz des Barons. Das erste Motiv dürfte vielleicht jetzt, in der Saison des Sophocles, in einem Lustspiele, wo man mit geistreicher Ironie durchführen könnte, wirksam sein, der letztere ist - man darf nicht sagen Rokoko, weil diese Mode zwar in den letzten Zügen liegt, aber noch nicht Tod ist, - doch hors de saison, oder besser zu sagen: mauvais genre, und seine Einführung ist auf jeden fall verfehlt, selbst im Lustspiel, wo diese Art von Gestalten, wenn auch selten, doch aber hie und da einen Darsteller findet. Die Billardszene (die selbst Kotzebue hinter eine Seitentüre verlegte) ist wirksam, aber so indezent, dass sie ihr Exequatur wohl nur dem Mangel an Phantasie des Zensors verdankt. Dass der Dichter der Oper dem Grafen und Baron schon im ersten Akt die Bekanntschaft des falschen Gretchens verschaffte, gewährte auch dem Kompositeur ein vollstimmiges Finale, doch ist nicht zu läugnen, dass dieser Umstand die Spitze aller Situationen des zweiten abstumpft und das Interesse des ganzen wesentlich schmälert. Die Musik ist eben kein außerordentliches Werk, ja sie bleibt im Gesamteindruck selbst weit hinter dem “Zar und Zimmermann” zurück, doch ist sie, von “Hans Sachs” an gezählt, wieder ein Vorschritt und enthält manche gelungene, charakteristische und mit frischem Humor ausgestattete Nummer. Die Ouvertüre ist sehr schwach, dagegen die Introduktion voll muntere Laune, und das ABC-Duett würde wirksamer sein, wenn es weniger in die Länge gezogen wäre. Sowohl die Sortita der Baronin, als das Lob des Landlebens sind frisch und melodiös. Im zweiten und dritten Akte finden wir mehrere interessante Piecen, leider aber auch manche, welche den günstigen Effekt wieder zerstören, den jene hervorbrachten. Ein wahres “Ende gut Alles gut!” bildet das humoristische Finale mit dem deutungsvollen Refrain:
    Es hat mich nicht getäuscht
    Die Stimme der Natur,

    welches beinahe an das:

    Ja, ich bin klug und weise
    Und mich betrügt man nicht.

    des “Zar und Zimmermann” erinnert. Was die Darstellung betrifft, war der Schulmeister - eigentlich die Hauptperson der Oper - Herrn Brava zu gefallen, der eine recht gesunde kräftige Stimme, doch keineswegs jene brillante vis comica besitzt, auf welche Lortzing bei seinem Baculus Anspruch macht. Herrn Kunz (Graf) war ein für ihn unauflösliches Problem zugefallen, einen aimable Roué darzustellen. Auch die Gräfin (Mad. Podhorsky), welche gar nichts zu singen hat (?), schien sich nicht in ihre Aufgabe gefunden zu haben, und Herr Damke (Baron) ließ uns eben so wenig von den Gefühlen seines zärtlichen Herzens, als von seinem überflüssigen Weltschmerz merken. Dem. Grosser (Baronin) und Dem. Senger (Nanette) zogen sich ziemlich gut aus der Affaire, und die einzige der mitwirkenden Personen, deren Leistung man als genügend erkennen muss, war Dem. Köckert als Gretchen. Die Reprise, zum Vorteile des Herrn Franz Brava aufgeführt, zeigte ein leeres haus, dagegen schien die dritte Produktion ein größeres Interesse im Publikum zu erregen. - Wir wollen sehen wie es weiter geht.
    (...)


    Mai. No. 22.
    Nachrichten.
    Berlin, den 4. Mai 1844.
    (...)
    Am ersten Ostertage wurde “Belmonte und Constanze” im königl. Theater (auf der königsstädter Bühne Cimarosa’s “Matrimonio segreto”, ferner “Norma”, “Die Tochter des Regiments”, “Carlo Broschi”, “Der Wildschütz”, “Die Nachtwandlerin” (Herr Pfister als engagiertes Mitglied - Elwino), “Das Nachtlager von Granada” (Herr Pfister - Gomez) wiederholt. (...)

    Juni. No. 24.
    Frankfurt. Musik vom 23. Januar bis zum 23. Mai 1844.
    Es waren große Anstrengungen nötig, um unser Opernschiff wohlbehalten durch die Klippen und Brandungen zu führen, gegen die ein solches mehr oder weniger immer zu steuern hat. Hier die Grippe, dort allerlei Sängercapricen, da wirkliche Heiserkeiten und Schnupfen, die Bälle und aristokratischen Reunions im Winter, und kaum sind die vorüber, die für jeden Theaterdirektor so wonnelose Zeit des Wonnemonds! Deshalb würde es ohne die außerordentliche Tätigkeit Guhr’s mit der Theaterkasse noch schlimmer bestellt gewesen sein, als wirklich der Fall war. Das Schauspiel, - da Baison und C. Schneider die hiesige Bühne verlassen haben, die vortreffliche Frühauf krank darniederliegt, auch Madame Meck öfter leidend war, und unsere Lindner nicht alle Tage die Antigone oder Phädra spielen kann - musste täglich lavieren, und nicht selten stand eine große Oper für ein kleines Lustspiel ein. Im Februar z.B. wurden einmal acht Opern hinter einander ohne Zwischentag gegeben. Dennoch murren im Ganzen genommen die Sänger nicht, helfen heute an der Medea arbeiten, morgen an Rochus Pumpernickel, und singen eben in allen Farben des Stils, so lange noch die Kehlbänder halten wollen. Aloys Schmitt’s “Osterfest” wurde wiederholt, zog aber nicht, und da die Oper nicht wohl oft mit demselben Pomp gegeben werden kann, so wird sie das Schicksal mit Guido und Ginevra, Märtyren und ähnlichen Pompopern teilen, bei welchen die Bühne besetzter ist als das Parterre. Zum Besten unseres Violinisten Heinrich Wolff wurden Szenen aus Robert, Puritaner und Zar und Zimmermann gegeben, zwischen denen der Virtuos spielte. Wolff’s Spiel ist schon oft als ein ächt solides, von wahrem Künstlergeist beseeltes gewürdigt worden. Die Opern, welche das tägliche Brot geben, waren: Belisar, Teufels Anteil (für die Armen), Robert, das Nachtlager, der lustige Schuster, Aschenbrödel, Figaro, Herr Rochus Pumpernickel, die Favorite, Barbier von Sevilla (worin unser Komiker Hassel den Bartolo zum hundertsten male gab), Zampa, Zar und Zimmermann, Don Juan, Freischütz, Tell, Kapellmeister von Venedig, Otello, Hugenotten, Montecchi und Capuletti, Lucrezia Borgia, Norma, Regimentstochter, Wasserträger. Die Zauberflöte wurde in Zeit von vier Wochen fünf Mal fast hinter einander gegeben, und zwar mit drei verschiedenen Königinnen. Davon später. Der Schnee von Auber, der Kalif, die Entführung, Medea, die weiße Dame und der Postillion von Longjumeau wurden renoviert. Lortzing’s “Wildschütz”, der drei Mal ungemein gefiel und eine Zugoper bleiben wird, war die einzige Novität. Lortzing ist eine merkwürdige Erscheinung. Seine Melodien fließen ohne Prätention und Zwang munter dahin. Da ist weder Flachheit, noch Prahlgelehrsamkeit. In jeder Nummer ist gesunde Natur und Wahrheit, sprudelt Humor und Witz. Man hört der Musik an, dass ihr Schöpfer zum Komponisten geboren ist. Ensemble und Final, wovor sich die Meisten fürchten, sind sein Element; deshalb sind sie auch von einem Guss. Lortzing komponiert nicht im Schweiße seines Angesichts, sondern unter Lächeln. Deshalb auch freuen sich die Sänger und Chöre, freut sich der Direktor und das Orchester von der ersten Violine bis zur Pauke, und freut sich das Publikum. Sein Stil, fliessend, leicht und pikant zugleich, zeigt, dass er sich zu jener schönen Zeit bekennt, da Euterpe noch eine Friedensgöttin war. Seine Musterbilder sind offenbar Mozart, Dittersdorf und die Italiener jener Kunstperiode, denn er hält die Mitte zwischen Beiden, obgleich manche Melodie mitunter an die neue italienische Manier streift und seine Instrumentation durchaus pittoresker ist. Die hektisch larmoyante, kramphaft zuckende, und dabei im Weltschmerz tändelnde, oder die kokette und prahlende, in allen Farben schimmernde, oder die schwerschreitende, breite, massenhafte, historisch - gigantische und dabei melodienlose hyperromantische Schule nehme ein Exempel daran. Hin und wieder sind Längen; auch der Genuss des guten ermüdet bei überschrittenem Maß, und so mag Herr Lortzing künftig den Faden seiner Dichtungen (denn er ist auch Verfasser des Libretto) etwas kürzer spinnen. Zu dem günstigen Erfolge des Wildschützen hat gewiss auch unsere Besetzung beigetragen, denn Conradi (Baculus) hat ein so entschiedenes Talent für chargierte Komik, dass schon sein Erscheinen die Lachmuskeln reizt. Eine Grete, so drallig und vollwangig, so naiv - eckig, und lächerlich verschämt, und dabei noch verschmitzt, wie sie Fräul. Kratky darstellt, wird nicht leicht übertroffen werden; sie gibt ein herrlich Modell zu einer derben Falderin, und man muss an der Identität ihrer Person zweifeln, wenn man sie als Clytemnestra gesehen hat. So übermütig burschikos als mädchenhaft graziös ist Fräul. Capitain (Baronin Freymann) in ihrer Doppelmaske als Student und Bäuerin. Dem. Hoffmann befindet sich als Gräfin Eberbach ganz in ihrer Sphäre, und den ironischen Spott auf die Manie mit der griechischen Tragödie gibt sie mit wahrhaft ergötzlicher Gespreiztheit. Caspari als Kronthal bewegt sich so ungezwungen, als es die seltene Berührung mit der komischen Oper gestattet. Wiegand (Eberbach) hat weit mehr Routine darin, und bekundet nebst dem Sänger auch den gewandten Tänzer. Herr Diehl gab sein “wie närr’sch” in der tat recht närr’sch, und die Episode mit den Schulkindern hob den späten Schluss der Oper zum Glück noch so interessant hervor, dass das Lied wiederholt werden musste. Unter solchem Zusammenwirken konnte der glänzende Erfolg der Oper nicht fehlen, und sie wird unter so günstigen Auspizien mit der Regimentstochter rivalisieren können.
    (...)

    Juli. No. 28.
    Nachrichten.
    Hamburg Juni 1844.
    (...) - Lortzing’s Wildschütz ist die erste Oper gewesen, die sich die Tantieme erworben hat, welche aber leider nicht bedeutend ausgefallen ist, da das haus sehr schwach besetzt war. - (...)

    Juli. No. 29.
    Nachrichten.
    Berlin, den 1. Juli 1844.
    (...) Einige artige Melodien und Instrumentaleffekte genügen doch denjenigen Zuhörern nicht, die an höheren Genuss gewöhnt sind. Hierin steht für die komische Oper de Deutsche Lortzing, bei aller Leichtigkeit der Behandlungsweise, doch viel höher, als der Pariser Komponist. [Adolphe Adam - G.O.] (...)

    August. No. 33.
    Nachrichten.
    Leipzig, den 13. August 1844. Der gestrige Abend brachte die erste Opernaufführung auf unserm nach einer fast dreimonatlichen Unterbrechung am 10 d.M. wieder eröffneten Stadttheater, dessen Leitung von nun an Herr Dr. C.Chr. Schmidt übernommen hat. In jetziger Zeit - wo der Fortschritt mehr als je zur Lebensaufgabe eines Jeden geworden ist, er möge der Kunst oder der Wissenschaft sich widmen, und wo man, eben weil die Überzeugung von dieser Notwendigkeit bei Allen immer mehr durchdringt und wächst, in jeder wenn auch anscheinend geringfügigen Veränderung auch eine Verbesserung zu erblicken hofft, - konnte es nicht fehlen, dass man hier den Leistungen unserer Bühne unter der Direktion des genannten Unternehmers gespannt entgegensah. Und in der Tat, wenn man auch dem in manchen Beziehungen ausgezeichneten Direktionstalente des Herrn Ringelhardt, welcher in den letzten Jahren an der Spitze des Theaters stand, Gerechtigkeit widerfahren lassen muss, so vereinigen sich doch alle Stimmen dahin, dass, besonders in der letzten Zeit, unsere Oper (und mit dieser allein haben wir es in diesen Blättern zu tun) den Ansprüchen keineswegs genügte, die eine so kunstsinnige Stadt, wie Leipzig, an sie zu machen wohl berechtigt war. Ob und in welchem grade dies der nunmehr, wie es scheint, durchgreifend regenerierten Oper gelingen wird, muss die Folge lehren, und es kann natürlich von einem Urteile nach der ersten Aufführung noch nicht die Rede sein. So viel aber ist gewiss dem gestern versammelten Publikum deutlich geworden, dass Herr Dr. Schmitt uns tüchtige Sänger und Sängerinnen gewonnen hat, von deren Leistungen wir uns noch manchen Genuss zu versprechen haben.
    Als eine in jeder Hinsicht würdige und glückliche Wahl müssen wir es bezeichnen, dass die Oper aller Opern, Mozart’s unerreichter und unerreichbarer Don Juan, den Anfang machte. Die Verteilung der Rollen war folgende: Don Juan - Herr Eicke; Gouverneur - Herr Pögner; Donna Anna - Fräul. Mayer; Donna Elvira - Fräul. Steydler; Don Ottavio - Herr Wiedemann; Zerline - Frau Bachmann geb. Günther; Leporello - Herr v. Ulram; Masetto - Herr Bickert. Mit Ausnahme der Frau Bachmann und des Herrn Pögner, die zu unserer Freude die neue Direktion erhalten hat, und des Herrn Eicke, der schon vor einigen Jahren an hiesiger Bühne engagiert war und noch in gutem Andenken in Leipzig steht, waren uns die Darstellenden bisher fremd, und sind wir auch nach einmaligem Hören eben so wenig geneigt als im Stande, über ihre Leistungen ein nur einigermassen entschiedenes Urteil zu fällen, so gestehen wir doch gern, dass wir durch die Stimmen und den Vortrag der Genannten, so wie durch den stärker, als früher, und mit frischem Stimmen besetzten Chor angenehm überrascht worden sind und das Theater befriedigt und erfreut verlassen haben. Das in dem neu und geschmackvoll dekorierten Hause sehr zahlreich versammelte Publikum erkannte und belohnte die Trefflichkeit der Vorstellung durch häufigen und rauschenden Beifall und dankte dem Direktor am Schlusse durch Hervorrufen.
    Die ferneren Aufführungen und namentlich die Leistungen der einzelnen Mitglieder ausführlicher zu besprechen, behalten wir uns vor, und beschränken uns bis jetzt darauf, in Nachstehendem das Verzeichnis des bei der Oper angestellten Personals mitzuteilen.
    Kapellmeister: Herren Lortzing und Netzer.
    Chordirektor: Herr Günther.
    Gesanglehrer: Herr Meyer.
    Regisseur: Herr Eicke.
    Darstellende Mitglieder:
    Herr Berthold, Bassbuffo.
    “ Bickert, zweite Basspartien.
    “ Eicke, erste Baritonpartien.
    “ Henry, erste und zweite Tenorpartien, Tenorbuffo.
    “ Kindermann, erste Heldentenorpartien.
    “ Lehmann, erste Tenorpartien.
    “ Meixner, Bonvivants, jugendlich komische Rollen.
    “ v. Planer, Bariton - und Basspartien.
    “ Saalbach, kleine Basspartien.
    “ Stürmer, zweite Bass- und Baritonpartien.
    “ v. Ulram, erste und zweite Basspartien.
    “ Wiedemann, erste Tenorpartien.
    Fräul. Adolph, jugendliche Gesangpartien.
    “ Bamberg, erste und zweite Gesangpartien.
    Frau Eicke, komische und ernste Alte.
    “ Günther - Bachmann, Soubrette, Spielpartien.
    Fräul. Mayer, erste gesangpartien.
    “ Steydler, erste und zweite Gesangpartien.
    “ Targa, jugendliche Gesangpartien.
    “ Wertmüller, erste und zweite Gesangpartien.
    Zwanzig Choristen. Zwanzig Choristinnen.

    Frankfurt a.M. Am 3. Juli dirigierte Lortzing in Mannheim seine Oper “Zar und Zimmermann” mit dem glänzendsten Erfolge. Schon in der Probe wurde er, durch Lachner vorgestellt, von dem versammelten orchesterpersonale laut begrüßt, und am Abend der Vorstellung selbst ihm von einem sehr zahlreichen und gewählten Publikum anhaltender Applaus. Das Publikum rief ihn mehrere Male hervor, und von Seiten der Intendanz erhielt er einen kostbaren Taktierstab. - Gleiches Interesse erregte in hiesiger Stadt sein “Wildschütz” am 19. Juli unter der ebenfalls persönlichen Leitung des Komponisten; eine Auszeichnung, deren sich in Frankfurt noch Niemand rühmen konnte und welche von Guhr’s Achtung für das wahre Verdienst zeugt. Dieselbe Achtung bewiesen ihm Orchester, Sänger und der Chor durch diese in der Tat von einem ächten Humor belebte und, ich möchte sagen, pikante Darstellung. Das Haus war gedrängt voll und der Beifall stürmisch. Alles war begierig, den genialen Komponisten zu sehen, dessen Doppeltalent (denn bekanntlich ist er auch Verfasser seiner Texte) dem deutschen Publikum schon so viel Vergnügen gewährt hat. Empfangen und zwei Mal hervorgerufen, erschien Lortzing und dankte auf eine sinnige und liebenswürdige Weise.


    September. No. 39.
    Nachrichten.
    Dresden, den 31 August 1844.
    (...) - Der “Zar und Zimmermann” wird hier, bis auf Herrn Räder, welcher als van Bett ein höchst komisches Original ist, im Ganzen nur mittelmäßig gegeben, gefällt aber dennoch hier, wie überall. - (...) Am letzten Sonntage wurde, statt der angekündigten “Regimentstochter”, Lortzing’s “Wildschütz” wirksam und belustigend durch Herrn Räder’s (Schulmeister Baculus) natürliche und drastische Komik gegeben. Dem. Wagner singt die Partie der Baronin als verkleidetes Landmädchen recht gut, ohne indes in der männlichen Travestie so pikant zu effektuieren, Fräul. Tuczeck in Berlin. Dem. Thiele ist ein niedliches Gretchen. - (...)

    Oktober. No. 40.
    Nachrichten.
    Leipzig, den 1. Oktober 1844. In den sieben Wochen, welche nunmehr seit Wiederöffnung unseres Stadttheaters verflossen sind, wurden uns von der neuen Direktion sechs opern: Don Juan, Die Zauberflöte, Otello, Norma, Der Schöffe von Paris von H. Dorn, und Mara von J. Netzer, und in ihnen ziemlich die sämtlichen engagierten Sänger vorgeführt. Der Aufführung des Don Juan gebührt unstreitig darunter der Preis; sie war im Ganzen, wie im Einzelnen, eine gelungene zu nennen. (...)
    Die Ensembles und das Finale gingen exakt und rund, und namentlich machte der Chor eine gute und volle Wirkung, wie denn überhaupt das Ganze von Herrn Lortzing, der von der Oper und dem Lustspiele ganz zurückgetreten ist und mit Herrn Jos. Netzer in die musikalische Leitung sich teilt (warum und woher beide Herren den etwas pompös klingenden Titel: Kapellmeister angenommen haben, hat Referent noch nicht erfahren können), tüchtig und sicher dirigiert wurde.
    (...)

    Oktober. No. 43.
    Nachrichten.
    Frankfurt. Musik vom 24. Mai bis zum 30. September.
    (...)
    Opern von Gewicht waren Fidelio, Medea, Wasserträger, Aschenbrödel, Freischütz, Figaro, Entführung, Zauberflöte, Tell und das Opferfest. Auch schritt Antigone wieder über die Bühne, deren musikalischer Teil gewiss einer soliden Oper gleichzustellen ist. Mehrere dieser angeführten wurden wiederholt, welches meinen Satz, dass unser Publikum noch für Klassisches empfänglich ist, rechfertigen mag. Kreutzers Nachtlager und Lortzings Zar und Zimmermann ziehen, so oft sie auch gegeben werden, und Adams Postillion, Boieldieu’s weiße Frau, die Regimentstochter und Teufels Anteil werden immer freundlich aufgenommen. Wenn wir dazu nun noch die unvermeidlichen Norma’s, Nachtwandlerinnen, Belisario’s. Lucrezien nehmen, so haben wir einen kurzen und bündigen Überblick des Opernstatus der letzten vier Monate, woraus nur noch einzelnes vorzüglich beachtenswertes hervorzuheben ist.
    (...)

    November. No. 48.
    Cassel, im Oktober 1844. (...)
    Am 6. Oktober ging Lortzing’s komische Oper “Der Wildschütz” hier zum ersten Mal in Szene. Den Erwartungen, welche wir an dies neueste Werk des Komponisten von “Zar und Zimmermann” machten, ist durch dasselbe auf das Vollkommenste entsprochen worden. Dasselbe gehört zu der Gattung der Spielopern, in welchen in der Regel wenig ausgeführtere Sologesangpiecen, dagegen aber mehr Ensemblestücke vorkommen. Das letzter auch in diesem Werke des um die komische Oper verdienten Komponisten wieder eben so gut angelegt, als ausgeführt, insbesondere szenisch gut gedacht, leicht an einander gereiht und überhaupt mit vielem Geschicke komponiert sein würden, durften wir schon im Voraus erwarten. Wenn wir indes auch keines der erwähnten mehrstimmigen Gesangstücke dieser Oper entbehren möchten, so würde es nach unserer Meinung dennoch dem ganzen Werke zum Vorteile gereicht haben, wenn dasselbe mit einigen Solopiecen mehr geziert worden wäre, für welche sich das grössere Publikum wohl überall zunächst interessiert. Lortzing erwirbt sich ein nicht geringes Verdienst um die Musik, insbesondere der Oper, indem er das musikalisch Höhere, Vollendetere - aber auch Kompliziertere - auf die möglichst fassliche Weise, insbesondere nach dem Vorbilde Mozart’s, dem größerem Publikum zugänglich macht, dessen musikalischer Geschmack durch die italienisch süßlichen und französisch koketten Melodien der Oper des Tages sehr gelitten zu haben scheint. Nicht nach musikalischen Rhapsodien, mit welchen sich viele neueren Tonsetzer begnügen, sondern nach ausgeführteren, vollendeteren modulatorischen Formen strebt Lortzing auch in den meisten Nummern dieser Oper. Und nach der Erfahrung aller Zeiten ist gerade diese letzte Eigenschaft der Tonstücke allein geeignet, für dieselben nicht nur dem Kenner, sondern auch dem Laien dauerndes Interesse einzuflößen, ohne dass sich letzterer des Grundes jemals bewusst wird, nur ist für ihn die Wirkung solcher Musik niemals - oder doch nur selten - eine schlagende, sondern stets eine allmählig zunehmende. Wir dürfen daher wohl annehmen, dass bei wiederholten Aufführungen des Werkes die Teilnahme dafür sich immer mehr steigern werde, wenn gleich die erste Aufführung sich schon einer beifälligen Aufnahme zu erfreuen hatte. Lebhafte Teilnahme erhielt im ersten Akt: das Lied mit Chor “A B C D, “ der Jägerchor, in dem Finale das Lied für Sopran “Bin ein schlichtes Kind vom Lande”; im zweiten Akt: das Duett für Sopran (Baronin) und Tenor (Baron), die Arie des Baculus “Fünftausend Thaler”; im dritten Akt: die Arie des Grafen, in dem Finale das Vokalquartett und der Chor der Schuljugend “O du, der du die Tugend selber bist”. Der letztere brachte stürmischen Beifall hervor und wurde da Capo verlangt. Herr Birnbaum (Baculus) wurde gerufen. Obwohl wir die erste Darstellung des Werkes als eine in den meisten Stücken gelungene zu bezeichnen haben, so leugnen wir dennoch nicht, dass wir manches Einzelne besser ausgeführt erwartet hätten. Um nur eines Umstandes zu erwähnen, den wir als mangelhaft bezeichnen müssen, gestehen wir, dass wir im Gesangvortrag der weiblichen Stimmen nicht jederzeit befriedigende Deutlichkeit der Aussprache, gepaart mit wohltuendem Kolorit des Tonklanges, wahrgenommen haben. Namentlich trifft dieser Vorwurf die Damen Schaub (Gräfin) und Miller (Gretchen). Wenn auch der Vortrag von parlanten Sätzen in schneller Bewegung dem Organe der weiblichen Stimmen - vornehmlich in der höheren Tonlage - ungleich mehr Schwierigkeiten, als dem der männlichen darbietet, so ist doch deren Überwindung bei angestrengtem Fleiß möglich , und darum dürfen wir gewiss die Beseitigung dieses in der Tat störenden Mangels dringend empfehlen. Die übrigen Partien waren folgendermaßen besetzt: Graf von Eberbach - Herr Biberhofer; Baron Kronthal - Herr Derska; Baronin Freimann - Fräul. Eder; Nanette - Fräul. Gerlach; Pancratius - Herr Häser.
    (...)

    AMZ: 47 - 1845

    Januar. No. 4.
    Feuilleton.
    Lortzing hat einen neue romantische Oper “Undine” vollendet, welche diesen Winter zunächst in Hamburg unter eigener Leitung des Komponisten aufgeführt werden und bei Breitkopf und Härtel im Druck erscheinen soll.


    Januar. No. 5.
    Feuilleton.
    In Russland wird Lortzing’s Zar und Zimmermann unter dem Titel: “Flandrische Abenteuer” aufgeführt. Der Zar ist in den deutschen König Maximilian I. verwandelt, der unter dem Namen Max Sternberger als Zimmergeselle in Flandern arbeitet. So ging die Oper in Riga in Szene.

    Februar. No. 9.
    Frankfurt. Musik vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember. Gewichtige und gepanzerte Opern wurden gegeben: Medea, Tell, Fidelio, Cortez, Euryanthe; Mozart’sche: Figaro, Entführung, Don Juan; neu einstudierte: Das Opferfest, Doktor und Apotheker; andere deutsche Opern: Der Freischütz, Das Nachtlager, Zar und Zimmermann, Der Wildschütz; französische: Johann von Paris, Aschenbrödel, Weiße Dame, Postillion von Lonjumeau, Wasserträger, Zampa; italienische: Lucrezia Borgia, Belisar, Norma; Liederspiele: Muttersegen, Mariette und Jeanneton, Kapellmeister von Venedig. - Wir sehen daraus, dass klassische Opern die Mehrzahl bilden.

    April. No. 15.
    Nachrichten.
    Dresden. (Fortsetzung). In der ersten Hälfte der Saison, d.h. in den drei Monaten Oktober, November, Dezember v.J., sahen wir neun verschiedene deutsche Opern: von Gluck (Armide), Weber (Oberon, Freischütz, Euryanthe), Spohr (Jessonda), Marschner (Templer), Lortzing (Zar, Wildschütz), Wagner (Rienzi); fünf italienische: von Rossini (Barbier), Bellini (Capuleti, in italienischer Sprache), Donizetti (Don Pasquale, Liebsetrank, Regimentstochter); vier französische: von Meyerbeer (Hugenotten), Halévy (Jüdin), Spontini (Vestalin), Lvoff (Bianca und Gualtiero). (...)

    Mai. No. 19.
    Feuilleton.
    Lortzing’s Undine hat in Hamburg (wie bald nachher in Magdeburg) entschiedenen Beifall gefunden; der Komponist, welcher die erste Aufführung selbst leitete, wurde zwei Mal gerufen.

    Juni. No. 23.
    Feuilleton.
    Die beiden Musikdirektoren des Leipziger Stadttheaters, Lortzing und Netzer, gehen von da ab. Wie es heißt, wird Lortzing die ihm angetragene Kapellmeisterstelle am Theater an der Wien annehmen. Das letztere ist kürzlich auf dem Wege der Zwangsversteigerung für 199,000 Fl. in Pokorny’s Eigentum übergegangen.

    Juli. No. 27.
    Feuilleton.
    Lortzing’s Zar und Zimmermann ist nunmehr auch in das Dänische und Schwedische übersetzt und sollte in Stockholm zur Ausführung kommen.

    Juli. No. 29
    Nachrichten.
    Berlin, 1 Juli 1845.
    (...) - Der Tenorist Reer schloss seine Gastrollen mit dem Peter Iwanoff in Lortzing’s “Zar und Zimmermann” beifällig, in welcher Oper Fräul. Tuczeck zum ersten Male die Marie höchst anmutig sang und darstellte. Fräul. Schneider aus Gotha zeigte sich in dem Quodlibet “Versuche” von L. Schneider als talentvolle Anfängerin. - (...)

    Juli. No. 30.
    Nachrichten.
    Cassel, Juni 1845
    (...) Fräul. Mehr vom Stadttheater zu Bremen entwickelte bei ihrem ersten Debut als Marie im “Zar und Zimmermann” neben einem angemessenen Spiel und richtiger Deklamation im rezitierenden Dialoge manche sehr achtungswerte Eigenschaften des Gesangvortrages, als: Richtigkeit der Auffassung und Genauigkeit der Ausführung, Reinheit und Festigkeit der Intonation, regelrechte Bildung und Verbindung der Töne und Reinheit der Vokalisation. Aber der Klang der Stimme ist, wenn gleich meist kunstgerecht formiert und im Piano und Mezzoforte vorzugsweise angenehm, doch nicht für alle Fälle intensiv stark genug, sondern zuweilen sogar auffallend dünn und darum vorzugsweise für Soubrettenpartien zu verwenden. Die übrigen Partien der Oper waren in den besten Händen und wurden auf höchst befriedigende Weise ausgeführt; namentlich zeichneten sich die Herren Biberhofer (Zar) und Birnbaum (van Bett) auch diesmal wieder seht vorteilhaft aus. Zum zweiten Debut hatte Fräul. Mehr die Rolle des Annchen gewählt und erwarb sich auch darin wiederholten Beifall; nach Beendigung der Vorstellung wurde sie gerufen.
    (...)

    August. No. 33.
    Nachrichten.
    Frankfurt a.M. 1 Apr. - 31 Jul.
    (...) Von Gästen hatten wir (...) Herrn Fernan von Rostock, der en Grafen von Eberbach im Wildschütz gab. (...)

    September. No. 39.
    Nachrichten.
    Hamburg. Im August. (...) -
    Während Fräul. Lind in Schwerin gastierte, ging die neue Oper von Lortzing: “Undine” hier mit großer Pracht in Szene. Die Dekorationen dazu waren von dem rühmlichst bekannten Mühlendorfer aus Mannheim angefertigt, der gleich dem Komponisten zu den ersten Vorstellungen von der Direktion herberufen war. Die Oper hat nur geteilten Beifall gefunden. Die Ausführung von Seiten der Sänger war aber auch keineswegs von der Art, dass der Komponist Ursache hat, damit zufrieden zu sein. Ohne Zweifel hätte die Oper zu einer günstigeren Theaterzeit, z.B. im Winter, und bei einer besseren Besetzung einen glücklicheren Sukzess gehabt. Die Musik ist teilweise sehr hübsch, wenn man sich auch gestehen muss, dass Lortzing in dem romantischen Genre bei weitem weniger glücklich ist, als in dem komischen. Daher sind die gelungeneren, wenigstens die wirksamsten Nummern die humoristischen in dieser Oper. Die erste Vorstellung ward auch noch durch einige Längen, die bei der Wiederholung zweckmäßig ausgeschieden wurden, benachteiligt. Über das Buch lässt sich nicht viel Lobendes sagen: fast möchte man versucht sein, es als einen Fehlgriff des sonst so bühnengewandten Verfassers zu bezeichnen, d.h. die Art und Weise, wie er das Sujet als Operntext zugestutzt hat. - Der Komponist empfing übrigens hier die ehrendsten Anerkennungen seines Talentes und ward auch mehrere Male noch durch hervorruf ausgezeichnet. Die Oper ist bis jetzt sechs Mal gegeben. Ob sie im nächsten Winter wieder auf’s Repertoire kommen wird, steht noch in Frage. - (...)

    AMZ: 48 - 1846

    Januar. Nr. 4.
    Nachrichten.
    Cassel. (...).
    Am 9. September debütierte Herr Gerstäcker vom Hoftheater zu Detmold als Iwanow in “Zar und Zimmermann”. Die Leistungen des noch jungen Künstlers sind von nur geringerer Bedeutung. Die Stimme ist zwar rein, weich und egal, aber bis jetzt bei Weitem noch nicht kräftig genug für den größeren Bühnenraum. Dem Vortrage des Herrn Gerstäcker gebricht es vornehmlich an der für Bühnendarstellungen nötigen Deutlichkeit und Bestimmtheit des Ausdrucks.


    Februar. Nr. 8.
    Feuilleton.
    Am Bernburger Theater ist Fräul. Lortzing, Tochter des beliebten Opernkomponisten, angestellt worden; man bezeichnet sie als eine talentvolle Anfängerin im Gesange.

    März. Nr. 12.
    Feuilleton.
    Am 4. März wurde in Leipzig Lortzing’s Undine zum ersten Male mit beifall aufgeführt. Der Komponist dirigierte selbst. - Wie man sagt, geht Lortzing nach Wien als Musikdirektor am Theater an der Wien (an Netzer’s Stelle); ein anderes Gerücht lässt ihn mit Ringelhardt nach Riga gehen.

    Mai. Nr. 18.
    Nachrichten.
    Frankfurt a.M. Vom 1. januar bis 31. März 1846. (...) Den Wiederholungen unserer laufenden Oper stets zu folgen, besonders wenn sich nichts Neues unter ihnen findet, dürfte manchem Leser der Allgem. musikal. Zeitung lästig werden; allein da sich gerade in den Darstellungen der Fort- oder Rückschritt der Institute bekundet und wir im Übrigen auch den Status unserer musikalischen Verhältnisse im Auge halten müssen, so darf Referent mit der Aufzählung dieser Opern nicht verschonen. Diese waren also: Belisar, Blaubart, Der kleine Matrose (nach dem Französischen mit Musik von Gaveaux, zum Benefiz Conrad’s), Tell, Freischütz, Adlers Horst, Lucrezia Borgia, Der Arrestant, Zar und Zimmermann, Zauberflöte, Regimentstochter, Teufels Anteil, Vestalin, Fidelio, Nachtlager, Barbier von Sevilla, Zampa, Wildschütz, Norma, Liebestrank (von Donizetti), Joseph in Ägypten, Don Juan, und zur Lust, wie zum Karnevalsjokus: Der Verschwender, Weltumsegler, Donauweibchen, Teufelmühle, Doktor und Apotheker, und Die Schwestern von Prag.

    Juni. Nr. 25.
    Nachrichten.
    Wien, den 31. Mai 1846. Ich beeile mich, Ihnen anzuzeigen, dass gestern im Theater an der Wien die erste Aufführung von Lortzing’s neuester Oper: “Der Waffenschmied von Worms” Statt gefunden hat; diese komische Oper, eigentlich nur Singspiel, im Style des Wildschützes gehalten, ist weniger originell, als höchst geschmackvoll und mit vielem Geschicke gearbeitet, die Instrumentierung nett und pikant, mit wenig Lärm, doch viel Effekt. Der zweite Akt ist der hervorragendste; die Handlung, obwohl sehr einfach, ist doch mit mehreren komischen Situationen ausgestattet. Die Aufnahme von Seite des Publikums war eine höchst beifällige, die Sänger und namentlich der Komponist wurden nach allen drei Akten und besonders am Schlusse mehrmals unter stürmischem Beifalle gerufen. Grossen Anteil an dem grossen Beifalle der Oper hat Staudigl, welcher als Waffenschmied, zum ersten Male, eine komische Partie gab und diese Rolle mit so viel Wahrheit, Natürlichkeit und köstlicher Laune durchführte, wie überhaupt der geniale Künstler Alles, was er nur unternimmt, zur Virtuosität bringt; die übrigen Rollen waren durch Dem. Eder und die Herren Becker, Gehrer, Radl besetzt, und genügend, die Ausstattung war anständig; zwei Nummern wurden zur Wiederholung verlangt, namentlich gefiel ein Strophenlied im dritten Akte, gesungen von Staudigl. So viel nach der ersten, etwas stürmischen Aufführung, welche aber an diesem Theater nicht sehr Wunder nehmen darf.

    Juni. Nr. 25.
    Feuilleton.
    Die Wiener Sonntagsblätter teilen folgendes Verzeichnis von Lortzing’s Kompositionen mit: Ali Pascha von Janina, Oper in einem Aufzug; Der Pole und sein Kind; Der Weihnachtsabend; Andreas Hofer; Szenen aus Mozart’s Leben, Singspiel; Musik zu Grabbe’s Don Juan und Faust; Christi Himmelfahrt, Oratorium; Die beiden Schützen; Zar und Zimmermann; Caramo oder das Fischerstechen; Hans Sachs; Casanova; Der Wildschütz; Undine; Der Waffenschmied von Worms. - Eine tragische Oper: Die Schatzkammer des Inka, ist unvollendet.

    Juli. Nr. 26.
    Feuilleton.
    Lortzing ist vom 1. September d.J. an als Kapellmeister am Wiener Theater an der Wien an Netzer’s Stelle angestellt worden.

    Juli. Nr. 27.
    Nachrichten.
    Wien. (...)
    Am 30. Mai hörten wir im Theater an der Wien Lortzing’s neuestes Werk: “Der Waffenschmied von Worms” unter seiner eigenen Direktion. Diese Oper ist in dem Genre der früheren Werke dieses Komponisten gehalten und zeugt von seiner verständigen und richtigen Konzeption, von seinem gebildeten Geschmack und von tüchtiger Effektkenntnis. Darin vorkommende Einzelheiten sind ausgezeichnet zu nennen, besonders zeigt das Instrumentale und so manche Gesangpiece von der Routine und dem regen Fleiß Lortzing’s; doch steht das Gesammtprodukt an Originalität und auch rücksichtlich seines minder interessanten Libretto’s den früheren Opern bedeutend nach, da es auch eher auf den Titel eines Singspieles als einer Oper Anspruch machen sollte. Die Aufführung selbst ward von lebhaftem Beifalle begleitet und Herr Direktor Pokorny hatte eben nicht Unrecht bei Gelegenheit als er während des Zwischenaktes unter anhaltendem Applaus Herrn Lortzing auf die Bühne führte, ganz bescheiden auf den Kompositeur hinzuweisen, denn gewiss wäre es Niemand in den Sinn gekommen, den Direktor, mit welchem man ohnedies nicht mehr besonders sympathisiert, seinen Dank oder seine Anerkennung an den Tag zu legen, mit Ausnahme der Claqueurs, welche ihn vorschriftsmäßig nach jeder neuen Vorstellung hervorrufen müssen, was ihnen auch bisweilen gelang. - Die Oper selbst war besser studiert, wie gewöhnlich, was jedoch noch lange nicht zum Lobe für dieses Personale angerechnet werden kann, da noch ein bedeutender Schritt zur präzisen Aufführung übrig bleibt.
    (...)

    Juli. Nr. 29.
    Nachrichten.
    Aus Dresden. Oper. (...) - Gäbe das Repertoire an sich, d.h. ohne Rücksicht auf die Darstellung der einzelnen Werke selbst, einen Maßstab für die Beurteilung der Tätigkeit einer Bühne, ihres Strebens und der Kunststufe, welche sie erreicht, so würde man bei uns zufrieden sein können. Denn das Repertoire des verflossenen Semesters müssen wir wirklich als ein zufriedenstellendes bezeichnen. Wir haben neunundzwanzig verschiedene Opern in etlichen und sechzig Aufführungen gehört, darunter fünfzehn deutsche (Gluck: Alceste, Armide; Mozart: Don Juan, Figaro, Zauberflöte; Beethoven: Fidelio; Spohr: Jessonda; Weber: Oberon, Freischütz; Winter: Opferfest; Wagner: Tannhäuser; Marschner: Templer; Lortzing: Zar; Flotow: Stradella; Lecerf: Jery und Bätely); (...)

    August. Nr. 33.
    Nachrichten.
    Wien, am 18. Juli 1846. (...) Als Gäste bekamen wir die beiden Tenöre Herrn Cramolini von Darmstadt am 7.d.M. als Peter Iwanoff in Lortzing’s “Zar und Zimmermann” und am 12. als Tonio in der “Regimentstochter”, und Herrn Caspari von Frankfurt a. M. am 8. als Stradella zu hören. Cramolini, ein alter Bekannter an dieser Bühne, hat sich beinahe schon überlebt, seine Blütezeit ist vorüber, und ein giftiger Abendtau wird sich bald über seine Stimmblume hinlagern und den Schmelz des Tones abstreifen. Sein Spiel jedoch ist beweglich und sicher und seine Mittel für die sekundäre Partie eines Iwanoff vollkommen ausreichend; aber einen Tonio erlauben ihm seine Mittel nimmermehr zu singen, das war ein zu gewagter Wurf, der durch einen Fiasko doch gar zu strenge bestraft war. (...)

    Oktober. Nr. 40.
    Nachricht.
    Wien, den 18. September 1846.
    (...)
    Am 17. d.M. hörten wir Lortzing’s “Beide Schützen”. Über den Gehalt dieses Opus aus der Feder unseres geistreichen und bühnenkundigen neuen Herrn Kapellmeisters sind bereits Urteile von allen Orten her in den Annalen der musikalischen Tagesgeschichte niedergelegt worden; über die Aufnahme, welche diesem - unrichtig mit dem Namen “Oper” belegten - Werke bei diesmaliger Vorführung zu Teil wurde, genüge zu erwähnen, dass Lortzing wiederholt gerufen wurde, dass sich aber jeder Zuhörer gewiss bei sich selbst zugeschworen, nicht zum zweiten Male diese Piece von derselben Besetzung mehr hören zu wollen.
    (...)

    Oktober. Nr. 41.
    Rudolstadt. Unter den kleineren Städten, in welchen ein reges Musikleben herrscht und in welchen die Tonkunst sich einer verhältnismäßig sehr reich entfalteten Blüte zu erfreuen hat, nimmt sicherlich die kleine, reizend gelegene Residenz Rudolstadt nicht den letzten rang ein; ja man darf wohl nit Recht behaupten, dass sie in jener Beziehung manche andere, weit umfangreichere Stadt bei weitem überflügelt hat. Nächst der Kunstliebe und der Liberalität des fürstlichen Hauses hat man diesen glücklichen Umstand unstreitig den früheren vieljährigen Bemühungen des vorigen trefflichen Kapellmeisters Max Eberwein, der als Komponist, wie als Dirigent gleich preiswürdig war, so wie dem beharrlichen und umsichtigen Fleiß seines durch Komposition mehrerer Symphonien und anderer Werke auch im Auslande rühmlichst bekannt gewordenen Nachfolgers F. Müller zu verdanken, der in jeder Beziehung in den von seinem Vorfahr angebahnten Wegen würdig fortschreitet. (...)
    Um den Lesern dieses Blattes eine Übersicht des musikalischen Standpunktes zu geben, auf welchem man sich in Rudolstadt bewegt, teilen wir hier das Repertoire eines Musikjahres mit.
    Die aufgeführten Opern und Vaudevilles waren folgende: Die Belagerung von Corinth von Rossini, zwei Mal. Der Wildschütz von Lortzing. Die Zauberflöte von Mozart. Der Barbier von Sevilla von Rossini. Fra Diavolo von Auber. Undine von Lortzing, zwei Mal. Des Adlers Horst von Gläser. Die Hugenotten von Meyerbeer, drei Mal. Zar und Zimmermann von Lortzing. Don Juan von Mozart. Der Postillon von Lonjumeau von Adam. Die Sirene von Auber. Alessandro Stradella, zwei Mal. Des Teufels Anteil von Auber. Der Wasserträger von Cherubini. Die neue Fanchon. Vaudeville: Köck und Guste. Die Hochzeit vor der Trommel. Donauweibchen. Dorfbarbier. Weltumsegler wieder Willen u.a.m. - (...)

    Dezember. Nr. 51.
    Feuilleton.
    In Königsberg (wo, beiläufig gesagt, der Tenorist Eichberger jetzt Opernregisseur ist) hat Lortzing’s Undine sehr gefallen.

    AMZ: 49 - 1847

    Januar. Nr. 2.
    Hamburg. Decemberbericht.
    (...) Lortzing’s Wildschütz wurde bei Gelegenheit des Benefizes der oben erwähnten Mad. Fehringer zur Aufführung gebracht. Die Benefiziatin tat ihr Bestes. Schade, dass diese Sängerin bei ihrer herrlichen voluminösen Mezzosopranstimme so wenig Kunstbildung besitzt. (...)


    Februar. Nr. 8.
    Novitäten und Kuriosa aus dem Gebiete der Tonkunst in Frankfurt a./M.
    (...)
    Novitäten hatten wir: Adam’s Sennerhütte (nach Scribe von Hartenfels), Lortzing’s Waffenschmied, und Meyerbeer’s Musik zu Struensee. Neu aufgefrischt wurden Himmels Fanchon und Ditterdorfs “rotes Käppchen”. Die Sennerhütte hält sich, aber der Waffenschmied wird gleich Zar und Zimmermann und dem Wildschütz zur Lieblingsoper werden. (...)

    März. Nr. 12.
    Briefe aus Kopenhagen. - Erster Brief.
    (...) Als Novitäten erschienen erstens Zar und Zimmermann von Lortzing, die erste Oper dieses Komponisten, welche hier zur Aufführung kam. Sie wurde, da sie den Kräften des Personals angemessen, sehr gut gegeben, und hat viel Glück gemacht. (...)

    Mai. Nr. 20.
    Hamburg. April.
    (...)
    Außerdem wurde Lortzing’s Zar und Zimmermann am 26. gegeben, in welchem Herr Röder als Gast in der Rolle des van Bett auftrat, so wie an den beiden letzten Tagen dieses Monats die Montecchi und Capuleti und die Hugenotten. (...)

    Mai. Nr. 20.
    Feuilleton.
    In Potsdamm ist Lortzing’s Waffenschmied zu Worms mit großem Erfolg über die Bretter gegangen.

    Juni Nr. 23
    Nachrichten.
    Gotha, im April 1847. Unsere diesjährige Theatersaison schloss am 12. April. In dem Zeitraume vom 3. Januar bis dahin kamen 21 Opern und Singspiele zur Aufführung. Das Repertoire brachte Werke von Weber (5 Mal), von Lortzing und Bellini (3 Mal), von Donizetti und Flotow (2 Mal), von Auber, Balfe, Beethoven, Halévy, Herold, Meyerbeer, und von dem Komponisten der “Zayre” (1 Mal). Neu waren vier Opern: die Musketiere von Halévy, Oberon von Weber, der Wildschütz von Lortzing, und die Haimonskinder von Balfe. Neu einstudiert gingen in Szene zwei Opern: Zampa von Herold, und die Stumme von Auber. Deutsche Opern kamen 11 Mal zur Aufführung. Es trifft unsere Bühne also nicht der Vorwurf der Hintansetzung des Vaterländische, welcher so häufig anderen Bühnen gemacht wird*. Von den neuen Opern fand “Oberon” den meisten Beifall. Diese Oper ward aber auch so brillant in Szene gesetzt, und die Maschinerie bewährte sich dabei so tüchtig, dass sie fast nichts zu wünschen übrig ließ. Lortzing’s “Wildschütz” gefiel auch; doch den Beifall, welchen dessen “Zar und Zimmermann” hier gefunden, hat er nicht erringen können. Halévy’s “Musketiere”, so wie Balfe’s “Haimonskinder” mit ihren vielen Tanzrhythmen, sprachen das Publikum nur wenig an. Beide erlebten nur eine Vorstellung. -
    *) Beim rezitierenden Schauspiel war das Verhältnis der deutschen Originale zu den Übersetzungen 52 : 21.

    Juni. Nr. 24.
    Nachrichten.
    Kassel. Von Oktober 1846 bis April 1847. -
    (...)
    Aus dem angeführten Zeitabschnitte heben wir die Opern: Aloise, Regimentstochter, Norma, Freischütz, Nachtlager, Stradella, Jessonda, weisse Dame, Krondiamanten, Entführung, Zauberflöte, Wasserträger, Johann von Paris, Puritaner, Zar und Zimmermann, Zampa, Nachtwandlerin, Liebestrank, Robert, Barbier, Stumme, Otello hervor, um deren Darstellung sich insbesondere Fräul. Eder, (als: Regimentstochter, Theophila, Constanze, Prinzessin von Navarra, Elvira in den Puritanen, Amina, Adine, Isabella, Rosine), Fräul. Burchard (als: Norma, Agathe, Jessonda, weisse Dame, Prinzessin von Navarra), Fräul. Molendo (als: Aloise, Adalgisa, Aennchen, Gabriele, Leonore, Amazili, Blonde, Pamina), Herr Derska (als: Enrique und Belmonte), Herr Hagen (als: Sever, Max, Nadori, Pedrillo, Elwin), Herr Föppel (als: Montejo, Sulpiz, Kaspar, Gaveston, Micheli), Herr Biberhofer (als; Jäger im Nachtlager, Zar, Barbier), Herr Birnbaum (als: de Puzzi, van Bett, Bartolo im Barbier) verdient gemacht haben.
    (...)

    Juni Nr. 24.
    (Fortsetzung).
    Dresden (Die Oper). Lortzing’s Waffenschmied hat seit noch nicht einem Jahre von Wien aus seine Runde über die Mehrzahl der deutschen Bühnen gemacht. Er ist ja auch in Leipzig wiederholt gegeben, in diesen Blättern ist seiner mehrfach gedacht worden, der (sehr gut gearbeitete) Klavierauszug liegt überdies schon seit längerer Zeit vor: weshalb also jetzt noch Näheres darüber berichten? - Wenn man bei dem Werke den allerdings hier etwas pretiös klingenden Titel “Oper” in “Singspiel”verwandelt (und ein solches ist’s, seiner ganzen Anlage und Behandlung nach, wie das die Kritik schon längst erkannt und ausgesprochen hat), so werden sich dadurch von vorn herein die Ansprüche an dasselbe ermäßigen, und das dürfte dem Werke selbst, das auf’s Neue von Lortzing’s leicht und anmutig gestaltendem Talent und seinem kenntnisreichen Verständnisse Zeugniss ablegt, ohne doch an seine früheren Leistungen hinan zureichen, nur sehr förderlich und ersprießlich sein. Denn mit Ausnahme einiger sehr glücklich hervortretender Einzelheiten genügt es höheren Ansprüchen weder in Bezug auf den Text, noch in Bezug auf die Musik, und sein momentaner Erfolg (auf einen bleibenden möchte schwerlich zu rechnen sein!) Wird unzweifelhaft durch die Besetzung nd Darstellung bedingt, wie das freilich in der sogenannten Konversationsoper stets mehr oder weniger der Fall ist.
    Dass man Herrn Bäder den Stadinger, die Partie Staudigl’s, übertragen, war jedenfalls nicht wohlgetan. Sie ist entschieden eine Gesangpartie, und zur genügenden Durchführung einer solchen reichen des Künstlers Mittel nicht aus, wenn wir auch gern anerkennen, dass er im Ganzen möglichst Fleiß anwendete, sich vor den ihm sonst so geläufigen Übertreibungen tunlichst hütete, und man das wohltuende Streben wahrnahm, nicht die eigene Persönlichkeit, sondern den vorgeschriebenen Charakter darzustellen. Ließ dies Streben in einzelnen Momenten nach, ward besonders bei den eingelegten Dacapoversen des Liedes im dritten Akte (warum wählte der Darsteller nicht die vom Komponisten für diesen Zweck vorgeschriebenen?) durch deren ganz lokale und moderne Färbung die Illusion gänzlich gestört und das Ganze dadurch in’s Gebiet der Lokalposse hinab gezogen, so mag das mit Rücksicht auf die Verhältnisse und die Individualität des Künstlers Entschuldigung finden. - Zur Darstellung der Marie gehört eine leichtgewandte, naiv-graziöse Soubrette, die wir in Fräulein Marpurg leider nicht ausreichend besitzen, und wenn die vom Komponisten mit Vorliebe und vieler Laune behandelte altjüngferliche Irmentraut in die Hände eines Fräul. Claus gelegt wird, der alle Requisiten für dieselbe mangeln, da muss sie freilich in ihrer Wirkung gänzlich neutralisiert werden. Stärkeres Durchschimmern der Ritterlichkeit unter dem Schurzfell wäre gewiss für Herrn Mitterwurzer (Graf Liebenau) wünschenswert gewesen, auch wollte ihm eine charakteristischere Färbung der mittelalterlichen Ritterhaltung nicht ganz gelingen - er erschien zu modern, wenn auch im Übrigen sehr geeignet für die Partie - Das lebendige Spiel Georg’s (Herr Mende) trug sehr günstigen Aufnahme mancher einzelnen Nummer nicht unwesentlich bei; dagegen wäre für den Ritter Adelhof ein genügenderer Repräsentant, als Herr Wächter, gewiss freudig begrüsst worden. Ließ die Ausstattung der Oper sich unbedingt den besseren beizählen, so ward doch ein vollkommen ineinandergreifendes Zusammenspiel noch vermisst, und die Aufnahme des Werkes war ziemlich lau - man schien mehr erwartet zu haben.

    Juli. Nr. 30.
    Nachrichten.
    Musikzustände in Riga. (Fortsetzung)
    Ringelhardt’s Direktion. - Sängervereine. - Gastspiel. - Der Mann ist schöner als das Weib. - Liedertafeln. - Kleinkinderbewahranstalten. - Singvereine.

    Ich sollte nun von der Hauptsache, dem Zustande der Oper auf der Bühne unter Ringelhardt’s Direktion sprechen; allein es hieße die Stellung Leipzigs zu Deutschland verkennen, wollte man nicht annehmen, dass von dort aus die Grundzüge der Ringelhardt’schen Direktionsführung allgemein bekannt wären. Man ist ziemlich einstimmig mit dem, was Herr R. biete, höchst unzufrieden; allein er ist ebenso unzufrieden mit den Einnahmen und sagt zum Publikum: tut ihr zuerst mehr, dann werde ich auch mehr tun. Ein Versuch, in diesen alten ewig wiederholten Streitfragen das Recht zu ermitteln, gehört nicht hierher, darum nur einige Notizen über das Personal, die aufgeführten Sachen und das Gastspiel von Fräul. von Marra.
    (...)
    Von neuen Opern hörten wir außer dem genannten “Brautfest” von Schrameck: Undine, Casanova, der Waffenschmied. Dazu kamen ausreichende Wiederholungen der drei älteren Lortzing’schen Opern, ferner Juan, Figaro;s Hochzeit, Hans Heiling, Jessonda, der Templer, Grétry’s Blaubart, Adlers Horst, so dass wir über Vernachlässigung deutscher Musik nicht klagen durften, (...)


    August. Nr. 33.
    Nachrichten
    Hamburg. Julimonat. Der abgewichene Monat brachte uns eine neue Oper, die erste seit der nunmehr dreimonatlichen Geschäftsführung der neuen Direktion unseres Stadttheaters. Lortzing’s gemütlich prosaischer Muse ist das Glück zu Teil geworden, den Novitätenreigen diesjähriger Saison eröffnen, und sein Waffenschmidt von Worms, komische Oper in drei Aufzügen, wurde am 25. Juli zum ersten Male den Brettern anvertraut. Es ist dies ein Werk, welches die früheren Leistungen des Komponisten weder überragt, noch auch als niedriger rangierend angesehen werden kann. Lortzing’s sämtliche Leistungen tragen in dieser Beziehung einen ziemlich stabilen Charakter. An Form und Gehalt sind sich alle ähnlich. Einige hübsche Lieder mit ansprechender Melodie, ein oder der andere gut gelungene Chor, mitunter eine passabel originelle Idee, das ist so ziemlich alles Bemerkenswerte, was auch in dieser Oper dem Zuhörer geboten wird. Dagegen aber stoßen wir mehr als zu oft auf unbedeutende, nichtssagende Motive, die ungebührlich breit ausgesponnen werden, auf eine Anzahl von Reminiszenzen, und einen höchst lockeren Zusammenhang des Ganzen. Dazu kommt noch die zum Bedauern ärmliche Handlung, der lahme Gang derselben und ein steifer, in musikalischer Hinsicht teilweise höchst unfügsamer Dialog. Ungeachtet einiger sehr interessanter Einzelheiten, hinterlässt daher das ganze nur einen sehr matten Totaleindruck. Die Darstellung ging im Allgemeinen sehr gut von Statten, namentlich war es der Tenorist Herr Kaps als Knappe Georg, der seiner Rolle in jeder Beziehung Ehre machte: sein erstes Lied musste wiederholt werden. Auch Madame Fehringer wusste ihrem Part, als Tochter des Waffenschmiedes, Interesse, und namentlich dem Terzett im Finale des ersten Aktes durch originellen Vortrag Würze zu verleihen. Die Titelrolle war in Händen des Herrn Bost, der zwar nicht viel aus derselben zu machen wusste, indessen einzelne gute Momente hatte, und im Übrigen nichts verdarb. Unter dem Auditorium machte sich kein besonderes Interesse für die Novität bemerklich, und die zweite Vorstellung derselben, welche am 29.d.M. statt fand, war nur wenig besucht.

    August. Nr. 34.
    Nachrichten.
    Frankfurt a./M.
    (...)
    Lortzing’s Undine ist hier mit brillanter Maschinerie (von Herrn Muhldorfer) zum ersten Mal über die Bühne gegangen, hat nach kühnen Zensurstrichen sehr gefallen, und wird sich demnach wohl auf unserem Repertoire erhalten. Viel wird wieder über den Wert der Musik gestritten. Doch sind die Sachverständigen darüber einig, dass sie Lortzing’s reiches Talent auf’s Neue bekundet, und er in diesem Werk wahre Schätze der Harmonie niedergelegt hat. Von einer aphoristischen, unruhigen und fantastischen Originalität verwöhnt, wollen wir an eine solide, klare und nicht nach Effekten jagende kaum mehr glauben. Aber Lortzing lass’ es gut sein, die Zukunft, die Schlichterin alles Reellen, wird entscheiden.
    (C.G.)

    September. Nr. 36.
    Nachrichten.
    Coburg. - Kurze Übersicht. Am 11. April beschloss die Oper zu Gotha ihre Vorstellungen mit Bruchstücken aus den Hugenotten und Fidelio, und am 18. April begann die Oper ihre Vorstellungen in Coburg mit Bruchstücken aus dem Freischütz. Ein neuer Fortschritt, den unsere gediegene Zeit der dramatisch-musikalischen Kunst angewiesen! - Romeo und Julie, die vier Haimonskinder, die Puritaner, Zayre, Alessandro Stradella, der Wildschütz, die Stumme von Portici, die Hugenotten, die Nachtwandlerin (verstümmelt), der Freischütz (gebruchstückt), Lucrezia Borgia (geaphorismet), noch einmal Zayre, und noch einmal Alessandro Stradella folgten. (...)

    September. Nr. 39.
    Feuilleton.
    In Koffka’s Verlag in Leipzig erscheint eine Sammlung der Bücher von Lortzing’s Opern. Der erste Band ist bereits erschien und enthält: Der Pole und sein Kind. - Zar und Zimmermann. - Caramo oder das Fischerstechen.

    Oktober. Nr. 40.
    Feuilleton.
    Lortzing’s neueste Oper in drei Aufzügen, unter dem Titel: “Zum Großadmiral” wird in der nächsten Zeit in Wien zur Aufführung kommen.

    November. Nr. 44.
    Nachrichten.
    Frankfurt a.M. Über unsere musikalischen Zustände ist nur wenig zu sagen. Die meisten Dinge gehen ihren Schnecken- oder Krebsgang fort, denn nur Gewohnheit ist der Kitt der meisten Gesellschaften, und größtenteils auch die Anziehungskraft des Publikums.
    Die Oper, hier wie überall, gleicht einer Uhr, welche das Publikum in seiner Tasche hat. Es sieht gleichgiltig nach dem Zifferblatt, ohne sich um die kunstreiche Konstruktion zu bekümmern, und weiß doch eigentlich nicht, wie viel es geschlagen hat. Das unbedeutendste Rädchen ist oft Ursache, dass das ganze Räderwerk still steht, und von der Kritik aufgezogen, geht es gewöhnlich doch nach. Die Interessen für unsere Oper drehen sich jetzt nur um Oberon, Undine und Prinz Eugen. Die beiden letzten sind neu, und zu Glück ausgeschlagen. Oberon wird auch als neu betrachtet, da er, wie seine Feenschwester, Undine, in Prachtgewänder gehüllt ist. Man sollte aber jede Oper glanzvoll ausstatten, damit das Publikum angezogen, endlich auch in die Ideen dringe. Manche Melodie, anfangs nicht verstanden, würde am Ende doch Wurzel fassen. Allein ich fürchte, Herr Mühldorfer von Mannheim hat durch seine kunstreiche Maschinerie unser Auge auf Kosten des Ohres verführt, und, beide Opern wieder einfach wie früher gegeben, werden dadurch ihre Attraktion verlieren. Es käme auf den versuch an, und ich fürchte Recht zu haben. Jedenfalls muss es peinlich sein für den Künstler, sich durch äußere Dinge in den Schatten gestellt zu sehen. (...)

    November. Nr. 44.
    Rezension.
    Liederschau.
    3. Improvisationen. Drei Lieder mit Begleitung des Pianoforte von A. Lortzing, von C.G. Reissiger und C. Lasekk. Dresden, bei Meser. Preis 15 Ngr.
    Der Titel “Improvisationen” kann hier offenbar nur auf die Gedichte (von J.W. Elb) Beziehung haben, denn die Kompositionen tragen sämtlich das Gepräge fleißiger, wohlbedachter Arbeit an der Stirn. Wir müssen ein jedes in der musikalischen Behandlung wohl gelungen nennen, allein die Krone dem zweiten von Reissiger reichen, das sich melodischen Zauber ganz vorzüglich auszeichnet. Unsere Leser wollen sich dieses wertvolle Heft nicht entgehen lassen.

    November. Nr. 45.
    Nachrichten.
    Strassburg.
    (...)
    Die deutsche Oper, unter der Direktion des Herrn Loewe von Mainz, eröffnete ihre Darstellungen am 2. Mai mit Otello. Bis zum 2. Juni wurden in Allem 13 Opern in 18 Vorstellungen gegeben. Neu waren hier die Haimonskinder und die noch nicht französisch gegebenen Musketiere der Königin, mit großem Aufwand. Die Hauptmitglieder der Gesellschaft bestanden aus bloßen Gästen. Mad. Ernst-Kaiser (Wien), Flintzer-Haupt (Leipzig), die HH. Bielczizki (Dresden), Meinhard (Wiesbaden), Koch, Bassist (?); auch der oben genannte Tenorist Hüner gab den Raoul in den Hugenotten; endlich der Komiker Freund (Mannheim). Ein Chorpersonal von 24 Personen erhöhte ungemein den Glanz und die Wirkung der sämtlichen Darstellungen. Die ausgezeichneteste, mit stürmischem Beifall aufgenommene war Norma, was schon die bloße Besetzung der Titelrolle durch Mad. Flintzer-Haupt, der Adalgisa durch M. Ernst-Kaiser, Sever durch Hrn. Lehmann und Orovist durch Hrn.Meinhard in hohem Grade rechtfertigt. Die übrigen Opern: Freischütz, Zar, Regimentstochter, Don Juan, Tell, Zauberflöte, worin Mad. Fl.-Haupt als Königin der Nacht den ganzen Umfang ihres schönen Organs zu zeigen Gelegenheit hatte, da sie die Partie sang wie sie Mozart schrieb; endlich das Opferfest. - Herr Freund, als Bürgermeister im Zar und als Schulmeister im Wildschütz, wurde allgemein, auch dieses Jahr, wieder freudig empfangen.
    (...)


    AMZ: 50 - 1848

    Februar. Nr. 7.
    Nachrichten.
    Franfurt a.M.
    (...) Im Jahre 1848 sahen wir bereits die Opern: Undine, Regimentstochter, Oberon, Mozart und Schikaneder, Nabucco und Adam’s “Zum treuen Schäfer” (wiederholt).
    (...)
    In der letzten Vorstellung der Undine merkte man, daß Herr Mühldorfer nicht zugegen war. Dennoch gefiel die Oper, als wenn Alles, wie früher, am Schnürchen gegangen wäre. Verstöße zu erwähnen, welche keine Regie Durchlässen sollte, so schlugen der italienische Fürst (Undine), wie kürzlich die Gräfin Maggiorivoglio Laute und Piano mit Handschuhen an den Fingern, wie auch jüngst der Page in Johann von Paris die Gitarre mit schweren Reiterhandschuhen spielte. Solche Kunststücke mögen einer hochadeligen Aristokratie gelingen, Scholz und Thalberg sollen’s aber einmal nachmachen!


    Juni. Nr. 23
    Neue Musikalien.
    Lied aus der Oper: “Der Waffenschmied”, von A. Lortzing, für das Pianoforte übertragen von F.L. Schubert. Pr. 5 Ngr. Ebendas. (Leipzig, bei Breitkopf und Härtel)
    Die Übertragung des beliebten Liedes ist wirksam und geschickt gemacht.

    Juni. Nr. 24.
    Rezension.
    Zum Groß-Admiral. Komische Oper in drei Akten; nach dem Französischen bearbeitet von Albert Lortzing. Vollständiger Klavierauszug von F.L. Schubert. Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. Pr. 7 Thlr.
    Lortzing besitzt das in Deutschland so seltene Talent, sich bühnenwirksame Operntexte selbst herrichten zu können. Was das bedeutet, zeigen die Opern, zu denen er die Bücher von anderen erhalten. Diese sind ziemlich von den Bühnen verschwunden. Der Text zu vorliegender Oper, irren wir nicht, vom Komponisten nach einem zweiaktigen Lustspiele bearbeitet, das zu Anfange dieses Jahrhunderts unter dem Titel: Heinrich’s IV. Jugendjahre öfter auf den deutschen Bühnen gegeben wurde, hat das große Verdienst, nicht langweilig zu sein. Eine bedeutende Verwickelung weckt das Interesse gleich in den ersten Szenen. Man sieht eine liebende Gattin und Fürstin, die von ihrem Gemahl vernachlässigt wird, der seine Freuden außerhalb und nicht immer an den schicklichsten Orten aufsucht. Selbst an seinem Geburtstage zeigt er keine Teilnahme für das von Gattin und Hof veranstaltete Fest. Sein gefährlicher, ihn bestärkender und unterstützender Bundesgenosse ist der Graf Rochester. Ein Vertrauter rät nun der unglücklichen Fürstin, den Grafen zu gewinnen, um den Prinzen von seinen unprinzlichen Streichen abzubringen. Gewonnen wird der Graf durch das Versprechen, Lady Clara, die erste Hofdame der Fürstin, die er liebt, zur Gemahlin zu erhalten, wenn er das begehrte Werk vollbringt. So gefährlich die Aufgabe ist, verspricht er sie zu versuchen, und durch eine glücklich angelegte Intrige, die zu interessanten und pikanten Situationen Anlaß gibt, erreicht er endlich seinen Zweck. Ein Liebesverhältnis des Pagen des Prinzen mit der Tochter des Wirtes “Zum Großadmiral”, welche später als Nichte des Grafen erkannt wird, bildet eine interessante Episode und hilft die Hauptintrige zugleich als notwendiger Bestandteil des Ganzen schürzen sowohl als entwickeln.
    Wie schon bemerkt, zeigt sich die Kenntnis wirksamer Bühnenmaximen des Bearbeiters gleich in der schnellen Exposition der Hauptverwickelung durch die ersten Szenen. Doch ermattet das Interesse im Verfolge diese Aktes etwas, da die Intrige, auf welche man gespannt worden, eigentlich erst im zweiten und dritten Akte aus- und abgesponnen wird. Der Komponist wollte mehrere Gesangstücke in diesem Akte, die Handlung aber nicht. Die beiden anderen Akte dagegen haben rascher auf einander folgende Momente, die Aufmerksamkeit wird in Atem erhalten, und man geht am Ende freundlich unterhalten von dannen. Eine Maxime bei Behandlung der Singtexte Lortzing’s möchten wir allen Librettodichtern dringend zur Nachahmung empfehlen, nämlich die langen Strophen. Wiederholungen in der Musik sind angenehm, denn sie heften die Hauptgedanken in’s Gedächtnis. Wiederholungen derselben Worte hundertmal hinter einander sind ermüdend, unnatürlich und widerwärtig.
    Als Komponist wird Lortzing nicht von der Gewalt des Genie’s und tiefer musikalischer Gelehrsamkeit zu Erstrebung höherer Ideale angetrieben. Von einer heiteren Kunstansicht geleitet und mit einem glücklichen Talente bloß begabt, steuert er auf das leicht Begreifliche und ein tiefes Kunstverständnis der Hörer nicht in Anspruch nehmende Anmutende zu, und erreicht es meistenteils. Dabei hält er aber doch vorzugsweise an dem deutschen Elemente fest, und sucht sich der ausländische Einflüsse zu erwehren. Seine Natur ist auf das Heitere und Komische angelegt, und darin gelingt ihm das Meiste und oft in bedeutendem Grade. Das Ernste dagegen, die tieferen Gefühle, die starken Leidenschaften liegen nicht in seinem Gemüte. Daher fühlt man bei solchen Schilderungen in seinen Opern wohl den Willen, aber nicht die Tat; man merkt leicht, daß er hier nicht wirklich entflammt ist, sondern nur so tut. So ist z.B. auch in dieser Oper die Gemahlin Heinrich’s ohne eindringliche Wahrheit des Charakters und Gefühls; Copp Movbrai dagegen, der joviale humoristische Gastwirt zum Großadmiral, ein wirklicher Charakter, eigentümlich, festgehalten und objektiv gezeichnet. Hiernach stellt sich nun der Wert der einzelnen Musikstücke auch gleich heraus. Die ernsthaften Arien und Duette gehen ohne merkliche Wirkung an der Seele vorüber, die heiteren und komischen Stücke dagegen erwecken warmes, lebhaftes Interesse. Zu der ersten Art gehört z.B. das Duett zwischen Catharina und dem Grafen Rochester. Er tritt mit folgender Rede auf.
    Des Landes Stolz und schönste Zier zu schauen,
    O hohes Glück, mit dem mein Tag beginnt,
    Ist mir vergönnt, die edelste der Frauen
    Zu fragen, ob sie huldvoll mir gesinnt?

    Diesen Auftritt kündet folgendes Vorspiel mit ganzem Orchester fortissimo an.

    Mit solchem Bombast eines noch dazu der Erfindung nach gewöhnlichen Konzerttutti’s tritt ein feiner und intriganter Hofmann nicht in das Zimmer und vor eine hohe Fürstin und Frau. Das ist allenfalls Hohn eines triumphierenden Siegers über eine für immer macht- und einflußlos gewordene Fürstin, aber nicht Ansprache einer, die man wohl zu fürchten hat, und der man Ehrfurcht schuldet und zeigen muß.
    Von so leichtfertigem, auf Charakter, Situation und daraus entspringender Gefühlsweise gar nicht Rücksicht nehmendem Hinwurf der Gedanken, wie sie eben im Augenblicke sich zuerst anbieten, ohne Prüfung, ob sie sagen, was sie sagen sollen und müssen, liefert der Jägerchor Nr.4 ein weiteres Beispiel. Hofherren und Pagen treten, von der Jagd zurückkehrend, in demselben Zimmer auf, wo die Fürstin sich eben befand und deren Wohnzimmer gewiß in der Nähe ist. Nun drücken jene singend aus, daß die Jagd geendet und neue Fest- und Becherfreuden sie erwarten. Hier ist zunächst von einer Jagdfarbe eben so wenig eine Spur, als von der modifizierten Aussprache der Gefühle feiner Hofherren und Pagen, so wie der Situation im königlichen Zimmer. Man hört einen gewöhnliche rauschenden Theaterjubel, wie ihn gewöhnliche Bedienten, wenn sie im Freien unter sich wären, etwa ausdrücken würden. Aber Hofherren oder gewöhnliche Diener, sie würden in der Es-Dur-Stimmung ihrer Gemüter die neuen Freuden nicht, wie hier geschieht, in C Moll anfangen zu empfinden, denn sie haben keine verlorene Freude zu bedauern, sondern eine neue zu erwarten. Da läßt sich kein Mollakkord in der Seele vernehmen. Nun geht aber bei der Vorstellung des Freudenbechers die Modulation gar nach Des Dur und F Moll! Wenn der Gedanke an einen guten Becher Wein die Leute aus Es Dur in das ferne und ungewohnte Des Dur und F Moll treibt, welche Tonarten und Modulationen bleiben dem Komponisten übrig, wenn er den Tumult, die wütenden Kämpfe und Riesensprünge aus dem Grunde aufgewühlter Leidenschaften zu schildern hat? Die Tonmodulation ist das Analogen der Gemütsmodulation, und nur wenn diese als mit jener genau übereinstimmend nachempfunden wird, entsteht das Gefühl der Wahrheit in dieser Beziehung. Ein Muster weiser Sparsamkeit der Modulation, fester Haltung innerhalb genau dem Gefühle angepaßter Schranken ist - Spontini. Lange Perioden hindurch gebraucht er oft nichts als die gewöhnlichste Harmonie, erste, fünfte, vierte Stufe. Tritt dann ein unerwarteter Ruck, Riß, Sprung im Gemüte ein, so hat er auch einen unerwarteten Akkord dafür, und die Wirkung ist außerordentlich. Man untersuche in dieser Beziehung auch in allen Mozart’schen Opern die Stücke, die einfachere Charaktere und ruhigere Situationen und Empfindungen darstellen, und man wird sehen, welche einfache Harmoniefolgen er dabei durchgängig anwendet. Das erste Papagenolied z.B. bringt nichts als erste und fünfte Stufe, eine einfachste Berührung der Ober- und Unterdominante, und damit gut. Wir haben uns bei diesem Punkte etwas aufgehalten, weil nicht allein Lortzing, sondern die allermeisten Komponisten am Allerhäufigsten gegen diese Regel sündigen und sich daher die Wirkung, insofern sie von der Harmonie und Modulation abhängt, unmöglich machen, und weil doch dieser Fehler so leicht zu vermeiden ist, und weil doch dieser Fehler so leicht zu vermeiden ist, wenn er dem Bewußtsein aufgegangen ist.
    Über das Lobenswerte der Lortzing’schen Musik brauchen wir kaum sprechen, denn es ist schon oft geschehen, und das beste Zeugnis dafür ist die freundliche Aufnahme seiner meisten Opern auf allen deutschen Bühnen. Seine Lieder haben, ohne trivial zu sein, ein so volkstümliches Element in sich, daß sie in allen Köpfen und Herzen gleich hängen bleiben, und in Wirklichkeit oder Erinnerung ertönend, die freundlichste Stimmung erwecken. Wer das nicht für ein grosses Verdienst gelten lassen will, mit dem wollen wir nicht streiten. Alle, die es versucht haben, eine Melodie in’s herz und in die Erinnerung des Volkes zu singen, wissen, wie schwer diese Aufgabe zu lösen. Aus den meisten seiner Ensemble’s geht weiter ein dramatisch-musikalisches Talent hervor, das auch bedeutender ist, als Manche zugestehen wollen, welche die Schwierigkeiten nicht kennen, die der klaren und verschiedener Wortsätze zu einem angenehmen Ganzen sich entgegenstellen. Wir geben zum Beleg nur ein Beispiel, den Anfang des Finale’s Nr.11, wo der Prinz, im Gasthofe zum Großadmiral, als Matrose verkleidet, die Zeche bezahlen soll und nicht kann, weil ihm die Börse gestohlen worden.

    Wir haben die Überzeugung, daß in Lortzing ein tieferes Talent wohnt, eine Schaffenskraft zu bedeutenderen Werken noch, als er bis jetzt zu Tage gefördert. Vielleicht hält ihn nichts als zu schnelles Arbeiten davon ab. Wollte er einmal die Aufgabe sich höher stellen, mit grösserer Beharrlichkeit nach deren Lösung ringen, und unter dem von seiner Fantasie herbeigeschafften Stoffe strenger wählen, er würde sich nicht selbst übertreffen, indem er sein Talent erreichte. - Der Klavierauszug ist recht geschickt bearbeitet; er gibt überall das Wesentliche und ist dabei doch leicht spielbar.
    Dn.


    Juni. Nr. 26.
    Kleine Briefe aus Gotha und Koburg.
    (...) Im Zar und Zimmermann spielte Herr Räder aus Dresden besser als er sang: (...)

    September. Nr. 36.
    Feuilleton.
    Robert Schumann hat nun seine Oper: “Genoveva” beendet. - Lortzing schreibt an einer neuen Oper, Namens “Regine”.

    Dezember. Nr. 49.
    Feuilleton.
    Anerkennenswert: das Hamburger Stadttheater brachte in Einer Woche: “Die Stumme” - "Belisar” - “Zar und Zimmermann” und “Tell”.

    Dezember. Nr. 51.
    Hamburg. (Novemberbericht. Beschluß).
    (...)
    Mit Einschluß der eben speziell erwähnten Werke enthielt das Repertoire des Stadttheaters dreizehn Opernvorstellungen, nämlich Zar und Zimmermann fünfmal, Tell zweimal, der Wildschütz dreimal, die Stumme von Portici, die Zauberflöte, Norma jede einmal.
    (...)