NZfM 17 - 1842/2

Schmidt, Heinrich Maria: Casanova, komische Oper in drei Acten, Musik von Albert Lortzing. – Vollständiger Clavierauszug. – Leipzig, bei Breitkopf und Härtel. – Preis 6 Thlr., in: NZfM 17 (1842/2), Nr. 23, 16. September 1842, S. 95-96
Es ist nach der ersten Aufführung dieser Oper auf hiesiger Bühne bereits in der Kürze darüber gesprochen worden, und reihen wir daher das Ergebniß einer näheren Betrachtung den dortigen Bemerkungen an.
Lortzing hat sich mit Schnelligkeit eine große Popularität erworben, und seine Opern sind so weit die deutsche Zunge reicht, auf allen Bühnen heimisch geworden. Damit ist die unzweifelhafte Gunst des größeren Publicums allerdings unterzeichnet und besiegelt; aber die Popularität hat für die Kritik nur einen bedingten Werth, denn in nicht vielen Fällen konnte die Intelligenz „Amen“ sagen, wenn die Masse „Hallelujah“ rief. Beide im möglichst hohen Grade zu befriedigen, ist bis jetzt nur einem Mozart gelungen, der – wir sprechen von der Oper – auf unerreichte Weise Geistestiefe mit Klugheit und Verständlichkeit verband. –
Von den 5 Opern, welche Lortzing bereits der musikalischen Welt geschenkt hat, gewann er zuerst mit seinem „Czaar und Zimmermann“ eine durchgreifende Bedeutung und Ruf. Von einem glücklichen Sujet, wie von günstigen Umständen unterstützt, wurde diese Oper bald überall mit großem Beifall gegeben, und so selten dieser Erfolg auch für eine deutsche Oper war, so mochte ihn doch Keiner als unverdient bezeichnen, da Lortzing’s Musik mit ihrer anspruchslosen, heitern Genüthlichkeit, ihren leichten und gefälligen Melodieen ein beachtenswerthes Talent und bedeutende Bühnenkenntniß verrieth. Und wenn auch der Musiker nicht durchweg sein „concedo“ rufen konnte, und vorzugsweise noch einen bestimmten, eigenthümlichen Styl, eine stets fertige Form, und eine durchaus saubere, erfahrene, Instrumentirung vermißte, so wäre doch auch der Anspruch an eine Meisterschaft unbillig gewesen, da Lortzing mit seinem „Czaar“ die ersten Schritte in die Arena der dramatischen Musik gethan hatte. Kurz, die Oper machte entschiedenes Glück –, bei der Menge, weil diese sie wirklich für ein chef d’oeuvre halten mochte, bei den Verständigen der Hoffnung wegen, die sie daraus für Lortzing’s ferneres Wirken vernahmen.
Hätte Lortzing damals die Umstände mit klarem Auge erfaßt, und den richtigen Standpunct erkannt, auf dem er sich dem gesammten Publicum gegenüber befand, so hätte er auch zu der Erkenntniß kommen müssen, daß nun seine ganze Anstrengung dahin gerichtet sein müsse, die Gunst der Menge immer inniger zu fesseln und zugleich den höhern Anforderungen zu genügen, um also fest in die allgemeine, unbedingte Anerkennung hinein zu wurzeln. Aber es scheint, daß Lortzing auch sein Glück für blankes, nicht zu schmälerndes Verdienst nahm, und ohne wirklich gewonnene Sicherheit, doch in seinen Schöpfungen zu sorglos, zu sicher wurde. Seine späteren Opern lassen es uns wenigstens glauben. Lortzing hatte mit der Umwandlung eines guten alten Lustspiels in eine Oper das errungen, wonach sich viele andere Componisten vergebens sehnen: einen brauchbaren, bühnengerechten, ansprechenden Operntext, und war nichts [/96] natürlicher, als daß er diese Procedur später wiederholte; aber er ging bei der Wahl seines Stoffes nicht mehr mit strenger Kritik zu Werke, und die Folge davon war, daß sein „Caramo“, wie sein „Sachs“, und wir glauben, auch sein „Casanova“ in der Wirkung hinter dem „Czaar“ zurück blieb. Was nun diese Opern in musikalischer Hinsicht betrifft, so will sich ein eigentlicher Fortschritt darin nicht recht wahrnehmen lassen, es scheint vielmehr, als ob Lortzing’s Streben, die Opern nur geschwinde erscheinen zu lassen, denn durch bedächtige Sorgfalt und Ueberwachung seiner Kräfte zu möglichster Vollendung zu gelangen, überwiegend gewesen wäre.
So ist denn bis jetzt der „Czaar“ der Höhepunct seiner Leistungen geblieben, und wenn das Publicum bei den spätern Opern zu dem Ausspruch kam: „das ist kein Czaar“ und die ihm dafür geschenkte Gunst gewissermaßen nur als Widerschein dieser Oper gelten konnte, so sind die Hoffnungen der Musiker, die auf eine Durchklärung seines Talentes rechneten, noch unerfüllt geblieben. Wer aber so glücklich war, die Theilnahme des musikliebenden und musikverständigen Publicums zu erwerben, der soll auch mit allen Kräften danach ringen, dieselbe festzuhalten, und mag sich Lortzing das Schicksal mehrerer achtungswerthen, ja bedeutenden Componisten zur Warnung dienen lassen, die ebenfalls mit Jubel vom Publicum begrüßt, schon in der Blüthe ihrer Kraft von demselben mit niederdrückender Indifferenz behandelt wurden. Möchte Lortzing seinen Vortheil daher besser kennen lernen, und weniger hastig, aber mit reiferer Ueberlegung und erhöhter Strenge gegen sich selbst, arbeiten, wobei er noch berücksichtigen mag, daß es für den Erfolg seiner Opern jedenfalls besser ist, wenn das Publicum ungeduldig auf dieselben wartet, als wenn es sich verwundert, daß schon wieder eine fertig ist; denn selbst bei großen Verdiensten ist es, dem vielköpfigen Ungeheuer gegenüber, nicht überflüssig, mit einiger Klugheit zu operiren. Das Vorbild Meyerbeer’s kann ihm darin von großem Nutzen sein. Im „Casanova“ sind die Spuren, daß Lortzing dem deutschen Opernpersonal noch von wesentlichem Nutzen sein kann; aber auch, daß seine Sendung bald erfüllt sein dürfte, und glauben wir, daß es nur von seinem Willen abhängt, die Hoffnung oder die Furcht der an ihm Theilnehmenden zu realisiren.
Lortzing solle sich das Schicksal mancher Komponisten zur Warnung sein lassen, die nach einem großen Publikumserfolg bald in der Versenkung verschwunden seien.