08 - Gustav Albert Lortzing - Zum Großadmiral.

Der 13. Dezember des Jahres 1847 brachte auf der Leipziger Bühne das Lortzingsche zwanzigste Bühnenmusikwerk,
“Zum Großadmiral,” komische Oper in drei Aufzügen, nach einem Lustspiel von Alexander Duval “Heinrich V. Jugendjahre,” übersetzt von August Wilhelm Iffland.

Wenn sich ein Komponist wie Lortzing immer wieder einem sonst wenig bebauten Gebiete zuwendet, so hat er, zumal wenn er schon – wie es hier der Fall ist – Tüchtiges auf diesem Gebiete geleistet hat, ein Recht auf eine mildere Beurteilung seiner folgenden Werke. Eine objektive Beurteilung ist ja deshalb schon schwieriger, weil es sich in dieser Periode nur um ein Subjekt handelt, das in und an seinen Werken nur mit sich selbst verglichen werden kann. Dieser Vergleich – also hier des “Großadmirals,” mit den vorhergehenden Lortzingschen Schöpfungen – stekkt es außer Zweifel, daß das erstgenannteWerk eine mildere Kritik in Anspruch nehmen muß. Die mit immer größerer Wucht heranstürmende Masse der gewöhnlichsten Sorgen für Leib und Leben hatten den befruchtenden Blütenstaub seines Lebens, den frischen Humor, hinweggeweht. Die Erfindungskraft des Komponisten geriet in Verfall; harmlose, aber auch kraftlose Späße und Scherze traten an die Stelle jener ursprünglichen Komik; an Stelle des Prinzips aus sich selbst heraus Leben erzeugender Situationen trat die bloße Routine und der früher so reiche Melodienborn war verslecht. So sind die beiden Strophenlieder, dasjenige Eduards Nr.3, sowie das Bettys Nr.8, schon sehr schwach; geradezu gewöhnlich werden das Duett Nr.2 und die beiden Romanzen Nr.1 und 12. Heinrichs anmutiges Barkarole Nr.7, das durch seine Situation äußerst gefällige Lektionsduett Nr.9, sowie der Jagdchor Nr.4, lassen des Komponisten frühere Kraft zuweilen noch durchblicken, können aber um Vergleich zu den früheren Werken nur noch als schwache Nachahmungen gelten. Auch in der äußeren Form is ein Rückgang nicht zu verkennen: während früher gerade die großen Ensemblestücke zu den bedeutendsten Leistungen des Komponisten zählten, vermißt man in dieser Oper mit Ausnahme des Quartetts Nr.10 und des Finales Nr.11 des zweiten Aufzugs eine feste Gliederung ganz und gar, wie denn überhaupt der zweite Aufzug den ersten und dritten musikalisch und dramatisch bedeutend überragt. Dieser durch die Schwäche des dritten Aufzugs hervorgerufenen Herabminderung des Totaleindrucks, sowie der zuweilen krassen Unwahrscheinlichkeit der Begebenheiten ist es wohl in erster Linie zuzuschreiben, daß die Oper ohne Erfolg blieb und bald auf immer von der deutschen Bühne verschwand.

Schon an der Jahreswende 1847-48 sah Lortzing voraus, daß bei den gänzlich zerrütteten Finanzverhältnissen der Direktion Pokorny, eine längere Dauer des Unternehmens nicht möglich sei und als denn schließlich die drei Wiener Aufstände vom 13.–14., 15. und 26. Mai 1848 das öffentliche Interesse für Theater und Musik noch vollends zurückdrängten, da war an ein Halten nicht mehr zu denken.

Lortzing mußte es wohl gefühlt haben, daß ihm sowohl wie dm Publikum das Bedürfnis sowie die Stimmung für die Komik unter den ernsten Ereignissen der Zeit abhanden gekommen war und wie er schon einmal durch ein glückliches Aufgreifen des Volksinteresses sich einen bedeutenden Erfolg im “Polen” zu sichern gewußt hatte, so wandte er sich auch jetzt wieder der herrschenden politischen Richtung des Volkes zu und begann den 31.Mai 1848 Dichtung und Komposition seiner ernsten Oper “Regina.”

Politische Stürme und Mißwirtschaft hatten also Pokornys Direktion zu Grunde gerichtet, Lortzing war am 1. September 1848, einen Tag nach der Verheiratung seiner zweiten Tochter Lina mit dem Geschäftsführer Krafft wieder ein “freier Mann.” Er bemühte sich nun vergeblich um den durch Guhrs Tod erledigten Kapellmeisterposten in Frankfurt a. M. Auch das Hoftheater in Koburg versagte ihm um jene Zeit eine Stellung. Ein Engagement nach Bremen zu dem früheren Souffleur Koffka war ihm zu unsicher.

Dabei arbeitete er gleichzeiting neben seiner “Regina” an einer Oper: “Die Rolandsknappen.”