10 - Gustav Albert Lortzing - Die Opernprobe.

Schon in der zweiten Hälfte des Mai 1850 begann er mit dem Einstudieren seiner neuen einäktigen Oper, der
“Opernprobe”
Mißliche Umstände, namentlich des Fehlen der nötigen Kräfte, verhinderte es, daß der Komponist sein Werk selbst zur ersten Aufführung dirigieren konnte und so hat einer Privatkorrespondenz zufolge die “Opernprobe” in der Vorstellung vom 20. Januar 1851 zum erstenmal in Frankfurt a.M. das Licht der Lampen erblickt. Die Nachricht von dem günstigen Erfolg traf Lortzing nicht mehr unter den Lebenden, einen Tag nachher war er gestorben. Das Textbuch war zusammengestellt nach Jüngers* “Komödie aus dem Stegreif”; textliche Schwierigkeiten, der Beseitigung der geschickten bessernden oder oft auch neu schaffenden Hand Lortzings sonst ein Leichtes war, vermochte der gebrochene Mann nicht mehr zu heben, so daß er von der Verantwortung, von seinen alten soliden Wegen abgewichen zu sein, wohl freigesprochen werden muß. Das deutsche Volkslied verdankt Lortzing ins seinen zahlreich eingestreuten, tief empfundenen Liedern manche köstliche Bereicherung; in der “Opernprobe” aber hat er, zu meist wohl veranlaßt durch den seiner gebrochenen Widerstandskraft aufgedrungenen Text, die richtige grenze zwischen dem Volkslied und der possenhaften Karikatur desselben, nicht mehr einzuhalten gewußt und kann hier nur konstatiert werden, daß die sogenannte “Arie” Nr.3 über die “Bestimmung” mit den sonst moralisch so geläuterten und seinfühligen Gepflogenheiten des Komponisten nichts gemein hat. Auch der eigentlich musikalische Teil zeigt mancherlei Schwächen und nicht selten muß die Routine die früher so lebendig sprudelnde Schöpferkraft ersetzen. Nicht uninteressant sind mehrere Ensemblestücke, so das burschikos gehaltene Sextett Nr.5, das drollige Duett Nr.9, sowie das Finale Nr.10; von vorzüglicher Wirkung ist die Kavatine Nr.6 des jungen Baron Reinthal. In ihrem Entstehungsjahre fiel die “Opernprobe” nach fünfundzwanzig Vorstellungen der Vergessenheit anheim; nach mehr als vierzig Jahren wurde sie wieder hervorgeholt und bewies dann erneut ihre Lebensfähigkeit an einer großen Anzahl hervorragender Bühnen.

*Johann Friedrich Jünger, geboren am 15. Februar 1759 zu Leipzig als der Sohn eines Kaufmanns, sollte sich in Chemnitz dem Handelsfache widmen, kehrte aber bald nach Leipzig zurück und studierte hier die Rechte.Seine Liebe zu den schönen Wissenschaften, besonders zur dramatischen Dichtkunst, ließen ihn jedoch die Laufbahn eines Juristen nicht weiter verfolgen. Er übernahm für kurze Zeit eine Hofmeisterstelle bei zwei Prinzen, lebte dann eine Zeitlang auf Göschens Landgute mit Schiller zusammen, privatisierte darauf in Weimar und ging endlich 1787 nach Wien, wo er 1789 eine Anstellung als Dramaturg und Hofdichter am Burgtheater erhielt, die er bis 1794 inne hatte. Bei der Umgestaltung des Wieners Theaters entlassen, lebte er von dem spärlichen Ertrage seiner Schriftstellerlei so einsiedlerisch, daß er infolge hiervon einer tiefen, oft an stillen Wahnsinn grenzenden Melancholie anheimfiel. Er starb am 25. Februar 1797. Die “Komödie aus dem Stegreif” erschien in einer Sammlung “Komisches Theater II” 1792-95.