11b - Gustav Albert Lortzing - Letzte Werke und Schluß (continued).

Achtundvierzig Jahre nach dem Tode des “deutschen Rossini”, des “Klassikers germanischen frischquellenden Humors” kam in Berlin im Königl. Hause eine Oper Meister Lortzings zur Aufführung, die im Sturmjahre 1848 komponiert, aus unbekannten Gründen durch die lange Zeit im Verborgenen schlummerte, ohne jemals vorher das Licht der lampen erblickt zu haben. Am 31. Mai 1848 begann der Komponist die Dichtung seiner “Regina”, die man mit Unrecht bis in die neueste Zeit herein als “Revolutionsoper” bezeichnete. Greift auch Lortzing seinen Stoff mitten aus der damals aufgeregten Zeit heraus, so behandelt er ihn doch eher als ein Rückschrittler, denn die Empörung gegen das Bestehende wird in seinem Werke durch Gesetzmäßigkeit und Treue zu Fall gebracht; die aufrührerische Bewegung hat keinen politischen Charakter, die Rebellen sind gemeine Räuber, die bürgerliche Ordnung trägt die Palme des Siegs davon. Allerdings kam es dabei doch zu einigen Abirrungen in der folgerichtigen Durchführung, die es neuerdings wünschenswert erscheinen ließen, sollte überhaupt an einer Hofoper eine Aufführung in Aussicht genommen werden, ein neues Buch zur Musik zu schaffen.
In einem Briefe an Reger aus dem Ende des Jahres 1848 erwähnt der Komponist das Werk zum erstenmal. Die 48er Jahre haben ihren Einfluß auf des Komponisten Arbeit deutlich ausgeübt, und zwar soweit sie für ihn, als für sein Vaterland, in Betracht kamen. Diesem Einfluß mag es wohl zuzuschreben sein, daß dem Komponisten, der sich außerdem mit dem Werke auf dem Gebiete der ihm ferner liegenden ernsten Oper bewegte, die Textdichtung nicht recht geriet. Man hat es zum Zwecke der Aufführung für notwendig befunden, den Text neu zu gestalten; Adolf L'Arronge hat diese Umgestaltung besorgt. Er läßt die Handlung im Hirschberger Thal in Schlesien spielen. Regina ist bei ihm die Tochter Jobst Zadecks, des Verwalters eines gräflichen Schlosses. Sie wird von ihrem Vter dem Gutsbesitzer Reinhard, den sie innig liebt, versprochen. Ein anderer aber, der Waldhüter Wolfram, begehrt gleichfalls Reginens Hand, als Dank dafür, daß er Zadeck einst vor Räubern geschützt. Als sie ihm verweiger wird, beschließt er, sie mit Gewalt zu erringen. Eine Anzahl von dem Landstreicher Ruprecht geführter Marodeure, von ihrer Truppe abgesprengte vagabundierende Soldaten kommen ihm gerade recht, seinen Plan ausführen zu helfen. Das Schloß wird in Brand gesetzt, ein reicher Silberschatz geraubt und Regina entführt. Steffen und Lise, zwei bei Zadeck Bedienstete, schleichen den Räubern nah und treffen mit ihnen in des ersteren elterlicher Hütte wieder zusammen. Ein Fäßchen schweren Weines senkt die Marodeure in Schlaf, Regina und die ihr Treuen fliehen. Aber die Flucht mißlingt. Nur Steffen kommt davon, erreicht Reinhard und den tiefgebeugten alten Vater, die nun eine Freischar dazu bewegen, den Räubern ihr Opfer zu entreißen. Draußen im Walde bei einem Pulverturm halten sie es gefangen. Die Freischärler dringen mutig vor. Als Wolfram sieht, daß er unterliegt, will er den Turm in die Luft sprengen; da ergreift Regina sein eigenes Geweht und schießt den Bösewicht nieder. Die Liebenden stürzen einander in die Arme. Herbeiziehende Truppen der schlesischen Armee geben dem Volke die Beruhigung, daß das Land jetzt sicher sei. Wie schwach der Originaltext Lortzings ist, sieht man deutlich daran, daß selbst diese L'Arrongsche Bearbeitung, in der doch sicherlich alles augeboten ist, den Stoff unserem Geschmack anzumessen, noch ihre großen Mängel hat. Da ist der Tugendbold Reinhard, dem der ausgemacht-schlechte Wolfram gegenübergestellt wird, beides Gestalten, die immer und überall zu finden sind. Da sind ferner die unglaublichsten günstigen und ungünstigen Zufälle, ohne die es einfach nicht weiter gehen würde. Kurz, die trockene alte Opernschablone hat durchweg herhalten müssen. Relativ ist die Umarbeitung aber doch nicht ungeschickt gemacht. Sie paßt gut zur Musik, läßt nirgends einen Widerspruch zwischen dem Vorgang und dem, was in der Musik ausgedrückt ist, auftauchen. Allzuviel ist es allerdings nicht, was sich in dieser Musik an lebendigem Ausdruck, an charakteristischer frischer Melodik auftreiben läßt. Die Ouvertüre und der ganze erste Aufzug sind sehr schwach in der Erfindung, einzig ein kleiner Schnittertanz mutet einigermaßen ein. Der ganze zweite Aufzug dagegen ist ein echter tüchtiger Lortzing. Ganz kostbar ist der Aktschluß gemacht; die trunkenen Soldaten fallen einer nach dem andern in Schlaf und lallen endlich nur noch unartikulierte Töne, die das Orchester schließlich witzig aufgreift. Der letzte Aufzug fällt gegen den zweiten ziemlich ab. Erst gegen den Schluß hin hebt sich die Stimmung, und das große Schlußensemble mit dem populär gehaltenen “Auf, rüstet euch”, dem sich der auf der Bühne in Beethovenscher Originalinstrumentation geblasene York-Marsch anschließt, ist sehr wirkungsvoll.
Es folgt hier der Theaterzettel der Berliner Uraufführung

Die Aufführung war in jeder Beziehung vortrefflich vorbereitet, verlief im großen und ganzen recht gut und verhalf dem Werk zu durchschlagendem Erfolg. Namentlich nach dem zweiten Aufzug, dem weitaus wertvollsten Teil des Werkes, wurde lebhaft applaudiert. Die Hauptdarsteller erschienen mehrfach an der Rampe; das Hausgesetz schien zur Feier des Tages außer Wirkung gesetzt worden zu sein.
Gelegentlich der Erstaufführung von Lortzings nachgelassener Oper “Regina” ist der Name zu nennen, dessen bemerkenswerte Mitarbeiterschaft nicht vergessen werden darf. Wir meinen hier Richard Kleinmichel, der das Lortzing-Werk bühnengerecht und aufführungsfähig machte. Nicht viel länger als den vierten Teil eines Jahres hatte Lortzing dazu gebraucht, um die Partitur der “Regina” fertig zu stellen; flüchtiger als sonst war der Komponist zu Werke gegangen, keine bevorstehende Aufführung verleitete ihn, noch einmal ernsthaft daran zu gehen, die letzte Feile anzulegen: die Folge davon war, daß Lortzing kein unvollendetes, aber ein ziemlich unfertiges Werk hinterließ. So begegnen wir in der Originalpartitur kaum einem einzigen Vortragszeichen, selten einer Tempoangabe, und vor allem fehlt ein sehr wichtiger Faktor bei einer Lortzing-Oper: eine genügende erschöpfende Nummereinteilung. Ebenso lassen viele Stellen, besonders im Orchester, die letzte künstlerische Hand ihres Schöpfers vermissen; der letzte künstlerische Strich, der beispielsweise durch zu schwaches Zeichnen einer oder der anderen Stimme bedingt war, fehlte. Hier hat nun Kleinmichel, ein feiner Lortzing-Kenner und bewährter Specialist auf diesem Gebiete, das fehlende ergänzt und in pietätvollster Form nachgeholfen. Es ging dabei auch nicht eine Lortzing-Note verloren, und nur zum Schluß, wo auf Wunsch des Kaisers der Yorksche Marsch eingefügt wurde, mußten dem neuen, von Kleinmichel nachkomponierten Schluß zuliebe etwa ein Dutzend Takte der Originalpartitur zum Opfer fallen. Im übrigen war Richard Kleinmichels “Regina”-Arbeit damit noch nicht beendet. Auf Wunsch des Monarchen hat die Marinekapelle, die stete Reisebegleiterin Kaiser Wilhelms, die “Regina” mit ihrem volkstümlichen Melodien in ihr Repertoire aufgenommen und Kleinmichel schrieb zu diesem Zwecke ein Potpourri für Militärmusik. Richard Kleinmichel, Komponist und Pianist, geb[oren] den 31. Dezember 1846 ist den 18. August 1901 gestorben.
Von bemerkenswerten neuerlichen Vorgängen, die sich um Albert Lortzing gruppieren, seien die folgenden hervorgehoben.
Am 30. Juni und am 1. Juli 1900 fand in Pyrmont unter Teilnahme der Fürstlichen Familie und Anwesenheit des Sohnes des großen Meisters, Hans Lortzing, ein großes Lortzing-Musikfest statt, bei welcher Gelegenheit nur Lortzing-Kompositionen, die erste und letzte Oper des Dichterkomponisten “Ali Pascha von Janina” und “Die Opernprobe”, sowie Lortzings Oratorium “Die Himmelfahrt Jesu Christi” zur Aufführung kamen. Ein Prolog von dem Prinzen Emil von Schönaich-Carolath wurde gesprochen von Frau Direktor Pook.
Montag, den 21. Januar 1901, am fünfzig jährigen Todestage Lortzings, vereinigten sich seine Freunde und Verehrer an seinem Grabe auf dem Sophien-Kirchhof zu Berlin zu einer ernsten Feier in engerem Kreise. Ergreifende Worte sprach dabei Hoftheaterdirektor a.D. Carl Friedrich Wittmann. Kränze mit passenden Gedenkworten auf den Schleifen spendeten dabei die Berliner Generalintendantur der Königlichen Schauspiele, die Schlaraffia u.a.m. Der anwesende Sohn Hans Lortzing betonte dabei dankend: wie er als fünfjähriger Knabe hier an der offenen Gruft gestanden, so trete er jetzt als gereifter Mann trauernd aufs neue zu ihr heran. –
Wieder in Pyrmont, dessen Bühne Lortzing von 1827-33 als Darsteller angehört hatte, wurde dem Meister am 29. und 30. Juni 1901 das erste Denkmal errichtet. Auf hohem Sockel erhebt sich seine Marmorbüste von Professor Uphues in Berlin. Sonnabend, den 29. Juni bildete die Einleitung der Feier der am 31. Dezember 1841 in Leipzig zuerst gegebene “Casanova”, komische Oper in drei Aufzügen von Albert Lortzing, in folgender Besetzung: Casanova – Herr Robert Philipp, königlicher Sänger, Berlin. Busoni – Herr R. Bartram, Kassel. Rosaura – Frau Knorr-Jungk, Kassel. Gambetto – Herr Bischoff, Köln. Rocco – Herr Direktor Schubert, Hannover. Bettina – Frau Porst, Kassel. Peppo – Herr Grahl, Braunschweig. Fabio – Herr Franke, Pyrmont. Dirigent: Fürstlicher Kapellmeister Meister. Am Sonntag, den 30. Juni mittags zwölf Uhr versammelte sich zur feierlichen Enthüllung der ganze festliche Kreis vor dem von Professor Uphues wundervoll ausgeführten Denkmal. Schmetternde Fanfaren verkündeten den Anfang der Feier, dann erklang das Sextett aus “Czaar und Zimmermann”, dessen Text von Theodor Rehbaum dem Zweck entsprechend umgedichtet war. Nun hielt der Ehrenpräsident des Pyrmonter Komitees, Freiherr von Hundelshaufen, die Weiherede, und als auf einen Wink der Fürstin die Hülle sank, erklangen Völlerschüsse, die Musik fiel ein und auch die Sonne lachte nun festlich, während sie sich vorher hinter Wolken geborgen hatte. Die hohe Protektorin, Fürstin Bathildis, legte selbst den ersten Kranz am Denkmal nieder und Deputationen von allen Seiten spendeten unter Ansprachen Lorbeerkränze mit prächtigen Schleifen. Den Kranz des Berliner Lortzing-Denkmalkomitees legte der Festdirigent, fürstlicher Kapellmeister Ferdinand Meister nieder und sprach den Wunsch aus, daß auch in Berlin das Denkmal bald erstehen möge. Zum Abschluß erklang das Finale des dritten Aufzugs aus “Undine”. Das Fürstenpaar wohnte auch in diesem Jahre allen Veranstaltungen bei und zeichnete Herrn Professor Uphues, die Mitwirkenden, sowie den einzigen noch lebenden anwesenden Sohn des Tondichters, Hans Lortzing, in huldvoller Weise aus.
Die Enthüllungsfeier einer Gedenktafel an Lortzings Geburtsstätte in der Breitenstraße zu Berlin an Lortzings hunderstem Geburtstage, den 23. Oktober 1901, nahm einen großen Umfang an. Ich ziehe einen Festbericht der Berliner “Post” zu Rate. “In aller Frühe schon that der große Lortzing-Tag eine strahlende Heiterkeit wie einen goldenen Mantel um. Natürlich zum hundertsten Geburtstage Lortzings durfte auch der Himmel ein Übriges leisten. Aus der Höhe jubilierte das klare Blau, die über Alt-Berlin allmorgendlich kreisenden Taubenschwärme schossen wie Freudenboten dem ersten Frührot entgegen und tauchten die weiße Unschuldsbrust in den Purpurglanz des Festtages. Und als endlich Frau Sonne über die Dachfirsten Berlins herüberblinzelte, funkelten die Monumentalreihen der Fenster am Königlichen Schlosse auf und warfen ihren Wiederschein auf die Gebursstätte des Centenarmannes Lortzing. Der mächtige Schlüter-Bau blickte stolz, aber nicht ungnädig in die Breitenstraße hinein, wo ein gelinder Herbstwind die Hülle vor der Gedenktafel bauschte und leise durch die zur Feier befohlenen Lorbeerbäume strich. Da lag auch der Festplatz in voller Sonne. Endlich nach hundert Jahren nichts als Wohlklang, Wohlgefallen und Feierlichkeit! Die Stätte, auf welcher sich einst das Geburtshaus Lortzings erhoben hatte, bot Vormittag einen überraschend schönen Anblick. Rundkronige Lorbeerbäume und spitz aufschießender Kirschlorbeer umrahmten den Platz vor dem Erweiterungsbau des Kaufhauses Rudolf Herzog. Der äußerste Pfeiler der stattlichen Front, die gegen das Ermeler-Haus stößt, war zu der Ehre ausersehen, die Gedenktafel in der Höhe des ersten Stockwerkes zur Schau zu tragen. Unmittelbar darunter war auf dem Bürgerstaig der Breitenstraße ein Podium erbaut und mit kostbaren orientalischen Teppichen drapiert und auch über den Fahrdamm hinweg, sogar über die Schienen der Straßenbahn breiteten sich rote Teppiche, was einen ungemein feierlichen Eindruck machte. Hier hatten die zahlreich erschienenen Damen auf den Stuhlreihen Platz genommen. In der vordersten Reihe pardierten die Damen aus der Familie Lortzing, die Nichten des Tondichters und deren Descendenz. Ferner waren die beiden Neffen Lortzings erschienen, Professor Dr. Franz Lortzing, Oberlehrer am Sophien-Gymnasium und Vorsitzender des Gymnasiallehrer-Vereins, und der Kaufmann Karl Lortzing. In unmittelbarer Nähe des Rednerspodiums aber stand der jüngste Sohn des verewigten Meisters, der Schauspieler Hans Lortzing, hochragend wie einst sein Vater, und auch die scharfen Charakterlinien des Profils erinnerten an den einstigen Kapellmeister der Friedrich-Wilhelmstadt. Kurz vor zehn Uhr betrat der Generalintendant der Königlichen Schauspiele, Graf Hochberg, den Festplatz und überbrachte persönlich einen Lorbeerkranz des Kaisers. Auf den weißseidenen Schleifen der kaiserlichen Kranzspende prangten in Goldschrift die Initialen des Monarchen. Geheimer Regierungsrat Henry Pierson legte namens der Generalintendantur gleichfalls einen mächtigen Lorbeerkranz nieder, auf dessen schwarzweißen Streifen zu lesen war: “Dem Genius Albert Lortzings zum hundertsten Geburtstag die Generalintendantur der Königlichen Schauspiele. Berlin, den 23. Oktober 1901.” Die staatlichen Behörden wurden durch den Geheimen und Ober-Regierungsrat Friedheim vertreten. Für das Theater des Westens erschien Direktor Max Hofpauer; für die seit 1792 hier bestehende Theatergesellschaft “Urania”, in der Lortzing seine ersten Lorbeeren errungen, ein Mitglied des Vorstandes, Herr Röse. Auch der Professor Paul Meyerheim war zugegen. Das Haus und die Familie Rudolf Herzog vertraten vertraten Herr Meisemann und General Bartels. Natürlich war auch das Komitee zur Errichtung eines Lortzing-Denkmals mit zahlreichen Vertretern am Platze. Das Philharmonische Blasorchester begann unter der Leitung des Herrn von Blon die Feier. Hell schmetterten die Klänge der Festouverture von Albert Lortzing über die Breitenstraße und hallten an der hohen Front des Königlichen Marstallswieder. Eine frisch quellende Fröhlichkeit, eine starke Herzlichkeit und dann ein träumerisches Schweben, ein feierliches Schreiten klang aus der Ouverture in die sonnige Höhe empor. Dann ergriff Hoftheaterdirektor a. D. Carl Friedrich Wittmann das Wort zur Festrede: “Wenn wir uns heute so zahlreich an diesem Orte versammeln, so darf wohl eine innige Freude unser Herz erfüllen. Wir bringen gerade am heuigen Tage zum Abschluß, was sich durch Jahrzehnte hindurchgerungen: die Anerkennung eines schöpferischen Geistes als einer Gestaltungskraft allerersten Ranges. Noch vor einem Jahrzehnt durfte man es wagen, Lortzings mit einem vornehmen Achselzucken als eines Komponisten untergeordneten Ranges zu gedenken. Nicht genug, daß sich sein Leben durch Kummer und Trübsal hindurchgerungen hat bis zu einem bejammerswerten Tode, unter Geringschätzung seines “Czaaren”, seiner “Undine” usw., auch die vornehme musikalische Kritik seiner Nachwelt versagte ihm den vollen Tribut der Anerkennung. Die große Menge hatte Lortzing von Anfang an ganz und voll für sich. Und nun sehen wir uns um in unserem deutschen Vaterlande. Das deutsche Volk, welches an der Spitze einer jeden künstlerischen Bewegung marschiert, ist jetzt stolz darauf einen Lortzing zu besitzen, wie es stolz auf seinen Beethoven, Mozart und Richard Wagner ist. Überall regt es sich, mit Genugthuung dürfen wir es aussprechen, für unseren großen Albert Lortzing. Gedenktafeln sind an seinem Geburts- und Sterbehaus angebracht, an vielen Stätten, selbst da, wo einst sein Kinderfuß geweilt. Die Bühnen, auch die hiesigen K”niglichen Schauspiele, bereiten in Opern-Cycklen die Hauptopern des Dichterkomponisten Lortzing zur Aufführung vor. Die Zeitungen beeilen sich, Züge aus seinem Leben mit behaglicher Breite zu erzählen. Die hervorragenden Theater Deutschlands bringen am heutigen Abend, auch die Königlichen Schauspiele und das Theater des Westens hier, durch Festaufführungen Lortzingscher Opern zum Besten seines geplanten Denkmals den Tribut der Verehrung. Ein seltsames Schauspiel enthüllt sich unserer Beobachtung. Die schärfsten Gegensätze im musikalischen Schaffen beherrschen in der Gegenwart das Interesse des Publikums. Der schwere philosophische Accent Richard Wagners wirkt neben dem melodienfrischen Lortzing. Beide weit auseinandergehende Dichterkomponisten beherrschen derart unsere Zeit, daß kein einziger anderer Tonmeister ihnen gleichkommt. Wir können für Lortzing sogar noch weiter gehen. Er steht in der Aufführungsziffer seiner Opern dicht neben Richard Wagner. Es geht ein Lortzingscher Zug durch unsere Zeit! Welch ein Triumph für unsern Lortzing! Und nun betrachten wir den Mann in seiner ganzen Einfachheit. Seine gemütvolle weiche Frohnatur spiegelt sich wieder in seinen Tönen. In seinen Werken hören wir ihn selbst. Er gab sein ganzes Herz und deshalb gewann er sich aller Herzen. Und wie bescheiden zeigte er sich, wie fehlte es ihm an einer Würdigung seines Selbst. Wie gab er in seiner Selbstunterschätzung selber seinen Gegnern Waffen in die Hand, indem er gelegentlich des Schaffens der “Undine” einem Freunde schrieb, hier fehle es ihm an Kraft zu hoher Vollendung. Und was hat er in der “Undine” wirklich geschaffen? Wie ergreift und überwältigt sie uns! Mit vollem Stolze kann das deutsche Volk ausrufen: “Er ist unser!” Indem wir hier versammelt sind, um seine in Erz gegrabenen Züge an seinen 100. Geburtstag auf einer Gedenktafel zu enthüllen, weisen wir, das Komitee zur Beschaffung eines monumentalen Denkmals des großen Komponisten, darauf hin, daß unsere Aufgabe mit dem heutigen Tage erst recht beginnt. Wir werden nimmer ermüden, die Mittel zu einem monumentalen Denkmal zusammenzubringen. Zunächst sind wir für diese Gedenktafel zum größten Dank verpflichtet und zwar dem Kaufhause Herzog, welches in hochherziger Weise die Mittel zur Beschaffung einer Gedenktafel an Herzogs Hause, Lortzings Geburtsstätte, Breitenstraße 12, zur Verfügung gestellt hat. Ehre dem Hause herzog und größten Dank! Auch allen, allen Dank, die sich sonst in dieser Sache bemüht haben! – Tiefgefühltesten und heißesten Dank Seiner Majestät, unserem Kaiserlichen Hohen Herrn, der stets bereit für alles Gute und Schöne, die Förderung Lortzingscher Musik unter Seinen besonderen Schutz genommen und so auch heute unsere Feier durch eine huldvolle Kranzspende verschönt hat. Beginnt doch am heutigen Abend in den Königlichen Schauspielen ein Aufführungscyklus der Hauptopern Lortzings.” Nu gipfelt die Festrede in einem dreifachen Hoch auf den Kaiser, als den Förderer und Erhalter von Kunst und Wissenschaft, den Schirmherrn jeder großen Sache. Nachdem darauf die Nationalhymne verklungen war, fuhr der Festredner fort: “Nun gebe ich auch unserer Freude Ausdruck, daß der jüngste Sohn des verewigten Komponisten, Hans Lortzing, hier an unserer Seite seht und an unserer Feier teilnimmt.

Jetzt zeige freundlich dich und milde
In deinen Erzgegossnen Bilde,
Du Klassiker des echten deutschen Volkshumors.”

Die Hülle fiel. Ein Moment schweigenden Schauens lag auf der Festversammlung, da aber setzte schon eine Abordnung des Opernchors mit dem Kreutzerschen Lied “Dies ist der Tag des Herrn” ein und endlich beschloß das Philharmonische Blasorchester die schöne Feier mit einer Phantasie aus Lortzings “Waffenschmied”. Die Gedenktafel ist eins der trefflichsten Kunstwerke in ihrer Art. Sie ist nach einem älteren Relief-Medaillon des längst in ärmlichen Verhältnissen verstorbenen hoch talentierten Bildhauers Deyns geformt. Gegossen wurde sie von Firma W. und O. Gladenbeck, Bronzegießerei, Friedrichshafen. (Nicht Aktiengesellschaft). Leicht lesbar ist die Inschrift. Diese lautet: “Albert Lortzing wurde hier am 23. Oktober 1801 geboren”. In einer scharfen Medaillon-Einrahmung steht der Profilkopf Lortzings, in starkem Hochrelief heraus modelliert, so daß das plastische Spiel von Licht und Schatten in schönster Weise zur Geltung kommt. Das Gesicht Lortzings ist bartlos, nur aus der Genielocke über dem Ohr ringelt sich ein kleiner Bartansatz hervor. Ferner deutet die große fliegende Krawatte auf ein Künstlerbildnis. Auch die seelisch feinen Züge im Angesicht Lortzings sind auf der Gedenktafel zu klarem Ausdruck gekommen. Aus dem Auge leuchtet ganz sichtbarlich der frische und sonnige Lebenshumor des großen Meisters, aber der Mund ist herb geschlossen, als ob er nur mühsam die Kehrseite des Lebens und der Kunst verwinden könne, als ob er sich leidenschaftlich zusammenpressen müsse, um nicht schmerzvoll aufzustöhnen. Es sei noch erwähnt, daß auch das Grab Albert Lortzings auf dem alten Sophien-Kirchhof in der Bergstraße mit Blumen und prächtige Kränzen geschmückt war. Die zwei noch lebenden Kinder Hans und Lina hatten “ihrem unvergeßlichen Vater in Verehrung” einen großen Lorbeerkranz mit goldenen Zweigen gewidmet. Auch das Lortzing-Konservatorium hatte des “großen Meisters” durch Spendung eines großen Kranzes gedacht; auf der Karte eines mit blau-rot-weißem Bande umwundenen Kranzes las man die Worte: “Nicht ein jedes Sterben bedeutet das Vergessen”. Auch die Gedenktafel, die die Stadt Berlin am Sterbehause, Luisenstraße 53, angebracht hat, war mit Gewinden und einer von Lorbeer umrankten Lyra aus Palmen geschmückt.
Die Feier war gleichzeitig die Veranlassung, daß Hans Lortzing, der jüngste noch lebende Sohn des Komponisten auf Befehl Sr. Majestät, Kaiser Wilhelms II., nach Gesuch des Lortzing-Denkmal-Komitees und auf Vorschlag des General-Intendanten Grafen Hochberg an die Königl. Schauspiele zu Berlin engagiert wurde. –
Direktor Max Hofpauer vom “Opern-Theater des Westens” in Berlin veranstaltete den 31. Oktober 1901 an Lortzings Grabe für dem alten Sophien-Kirchhof in der Bergstraße mit demPersonal des Theater des Westens einen Schlußhundertjahrfeier für den Komponisten, welche trotz ihrer Kürze einen ergreifenden Eindruck hinterließ. Hell und freundlich schien die Sonne auf die mit Kränzen geschmückte Grabstätte Lortzings herab, leise raschelte der Wind in den welken Blättern und in feierlicher Stimmung sammelte sich im Kreise um das Denkmal das gesamte Personal unserer zweiten Berliner Opernbühne. Mit den beiden Direktoren Hofpauer und Becker an der Spitze erschienen Ober-Regisseur Goldberg und Reinhold Wellhof, die Kapellmeister Herren Sänger, Korolanyi, Frentzel und Moritz, dazu die Orchestermitglieder, das Solo- und Chorpersonal; auch Gertrud Stralucky, die Balletmeisterin, war mit ihren Damen Anwesend.Nachdem das Orchester, den Choral “Harre meine Seele” vorgetragen hatte, feierte Direktor Hofpauer in warm empfundenen Worten den großen Toten; er wendete sich insbesondere an sein personal, die Berufsgenossenschaft Lortzings, mit der Mahnung, den Namen und das Angedenken dieses echten deutschen Künstlers hoch und heilig zu halten, mit allen Kräften für Ausbreitung seines Ruhmes zu wirken und zu streben, und leise zog sich durch die Worte des Redners ein Ton der Trauer, darüber, daß das deutsche Volk jetzt erst u der Erkenntnis käme, was es in Lortzing besessen und wie viel es in ihm verloren habe. In tiefer Bewegung schloß Direktor Hofpauer, dann erklangen weihevollüber die stillen Hügel hinweg die getragenen Weisen der Motette: “Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre”, welche meisterhaft unter Leitung des Kapellmeisters Frentzel om Herrensolo- und Chorpersonal vorgetragen wurde. Die von der Direktion gespendeten herrlichen Kränze senkten sich auf die Ruhestätte des Sängers, langsam löste sich der Kreis und tief ergriffen traten die Teilnehmer der stimmungsvollen Feier den Heimweg an. –
Den 100. Geburtstag des Dichter-Komponisten vom 23. Oktober 1901 beging, wie fast alle Opernbühnen, auch die Wiener k.k. Hofoper mit einer vorzüglichen Aufführung von “Czaar und Zimmermann”. Das Haus war voll besetzt und die glänzendste Wiener Gesellschaft hatte sich versammelt. Mehr als alle schöne Frauen zog aber diesmal eine alte Dame in bescheidenem Kleide die in einer Loge des dritten Ranges der Vorstellung beiwohnte, die Aufmerksamkeit auf sich. Die Intimen des Hauses bezeichneten sie als eine Tochter Lortzings, die noch in Wien lebe. Es hat damit, so schreibt ein Mitarbeiter dem “B.T.”, der die alte Dame in ihrer kleinen Wohnung in einer dritten Etage in der Währinger Schulgasseesuchte, seine volle Richtigkeit. Die beiden kleinen Stübchen sind voll gesteckt mit altem Hausrat und Reliquien der Lortzingsche Familie. Über einem Sofa hängt das entzückend schöne Bildnis einer jungen Frau mit blonden Locken und blauen Augen, in der Tracht der Großmutter – so hat sie einmal ausgesehen, die Tochter Lortzings, die uns nun als siebzigjährige Greisin entgegentritt mit schneeig weißem Haar, das sie, noch immer nach der Mode der vormärzlichen Zeit, in Löckchen gebrannt trägt. Man erkennt aber sofort, mit wem man es zu thun hat, denn die alte Dame sieht ihrem berühmten Vater, dessen Porträts an allen Wänden hängen, frappant ähnlich. Sie “ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten”, so darf man mit Recht sagen. Als Lortzing nach dem Revolutionsjahre verstimmt Wien verließ, blieb seine Tochter Karoline, die hier den Kaufmann Karl Kraft geheiratet hatte, in Wien zurück. Ihr Schicksal kettete sie an diese Stadt, die sie wenig mehr verließ. Nach dem Tode ihres Mannes brachte sie sich als Klavierlehrerin fort, und noch im vergangenen Jahre erteilte die Siebzigjährige zwei Schülerinnen Unterricht. Und sie möchte auch weiter gern als Lehrerin wirken, denn sie ist frisch und munter, und auch der Verdienst wäre wohl noch nötig. Leider fanden sich keine Schülerinnen mehr für sie. Mit den zärtlichen Erinnerungen hängt sie an dem berühmten Vater, und ihr Auge feuchtet sich, wenn sie von dem Elend seiner letzten Lebensjahre, dem Elend, das ihm, wie sie sagt, das Herz gebrochen, erzählt. Die Greisin selbst hat zwei Söhne; der jüngere lebt bei ihr. Auf den älteren hat sich das musikalische Talent der Familie vererbt. Er hat schon einige Opern komponiert, die da und dort, an kleinen Bühnen, zur Aufführung kamen, aber von da natürlich nicht weiter gelangten.
Und nun bringe ich noch aus der Zeitschrift “Musik” in Berlin die Selbst-Biographie Albert Lortzings, die, was in solchen Arbeiten häufig vorkommt, allerdings in den Thaten mehrfach unrichtig ist.

“Ich bin im Jahre 1803 (1801) am 23. Oktober in Berlin geboren, wo mein Vater Kaufmann war. Schon als Knabe hatte ich viel Liebe zur Musik und komponierte, von einem Mitgliede des Orchesters namens Griebel im Klavierspiel unterrichtet, Sonaten, Tänze, Märsche u.s.w. EinFreund meines Vaters, der Direktor der Königlichen Singakademie, Rungenhagen, erteilte mir den ersten theoretischen Unterricht. Im Jahre 1810 gingen meine Eltern zum Theater. Sie waren engagiert in Sachsen, Bayern, Baden, im Elsaß und am Rhein; wenngleich nur bei reisenden Bühnen angestellt, sorgten sie doch möglichst für meine musikalische Ausbildung. Während dieser Zeit betrat ich die Bühne in Kinderrollen. In Freiburg im Breisgau, woselbst meine Eltern bei dem damaligen Direktor Schäffer engagiert waren, wagte ich den ersten öffentlichen Versuch in der Komposition und schrieb einen Chor und Tanz zum Kotzebueschen Schauspiel “Der Schutzgeist”, worin ich selbst die Titelrolle spielte. Ungefähr im Jahre 1820 betrat ich die Bühne als jugendlicher Liebhaber unter Direktion des Herrn Derossi in Düsseldorf, Aachen und Elberfeld; später unter der Direktion des Herrn Ringelhardt in Köln und Aachen spielte ich Bonvivants, Chevaliers und sang zweite Tenor- und Buffopartien. Im Jahre 1824 komponierte ich die einaktige Oper “Ali Pascha von Janina”, welche in meinem nachherigen Engagement bei der Fürstlichen Hofbühne in Detmold, wie auch in den benachbarten Städten Münster und Osnabrück beifällif aufgenommen wurde. Im Jahre 1832 entstanden mehrere Vaudevilles: “Der Pole und sein Kind”, “Der Weihnachtsabend”, “Scenen aus Mozarts Leben” und andere mehr, vond enen das erste sich durch ganz Norddeutschland verbreitete. In diesen Zeitabschnitt fällt auch ein Oratorium: “Die Himmelfahrt Christi”, Dichtung von Karl Rosenthal, eine ganz neue Instrumentierung der Hillerschen Oper “Die Jagd”, wie die Musik zum Melodram “Yelva”, desgleichen zu Grabbes “Don Juan und Faust” und viele Gelegenheitssachen, als Ouverturen, Entre-Akte u.s.w. Im November 1834 trat ich mein jetziges Engagement in Leipzig an, wo ich vier Jahre lang die Regie der Oper führt, die Stelle jedoch wegen zu großer Zeitversäumnis später niederlegte. Hier schrieb ich meine erste komische Oper “Die beiden Schützen” (1835), die aber erst im Jahre 1837 zum erstenmal zur Aufführung kam; ihr folgten die Opern “Czaar und Zimmermann” (1837), “Caramo oder das Fischerstechen” (1839), “Hans Sachs” (1840). Im Jahre 1836, als noch keine meiner Opern zur Aufführung gelangt war, schrieb ich eine große tragische Oper “Die Schatzkammer des Inka”, tekst von Robert Blum; nach dem günstigen Erfolge indessen, den meine komischen Opern hatten, wagte ich nicht, mit einer durchgängig ernsten Komposition vor das Publikum zu treten und so unterblieb die Aufführung bis auf den heutigen Tag. Albert Gustav Lortzing.”