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NZfM 14 - 1841/1

Lorenz, Oswald [Rezension] A. Lortzing: Hans Sachs, vollst. Clavierauszug. – Leipzig, Breitkopf u. Härtel. – 6 Thlr., in: NZfM 14 (1841/1), Nr. 46, 7. Juni 1841, S. 183-184
Das Buch ist nach Deinhardtstein von Reger frei bearbeitet und der Gang der Handlung in Kurzem folgender: Sachs liebt Kunigunde, die Tochter des Goldschmied Steffen, der aber, so eben Bürgermeister von Nürnberg geworden, Herrn Eoban Hesse, der ein so einfältiger als hochfahrender Patron, aber Ratsherr von Augsburg ist, sich zum Schwiegersohn ausersehen. Derselbe tritt auch als Nebenbuhler des Sachs in einem öffentlichen Meistersängerwettstreit auf und erhält, unerhörterweise, den Preis durch des Bürgermeisters Einfluß. Dieser, von Sachs Liebe unterrichtet, verhängt sogar die Verbannung aus der Stadt über ihn. Des Kaisers Ankunft in Nürnberg und eines Schusterlehrlings unwillkürliche Vermittelung wenden die Sache noch zu Sachs Besten. Görg, der Lehrling, hat nämlich dem Meister ein Gedicht entwendet und seiner Geliebten, Kordula, als eignen Geistesausfluß überreicht. Das Gedicht geräth durch Zufall in des Kaisers Hände, der schon früher unerkannt mit Sachs und seinen Verhältnissen bekannt geworden, ihm seine Verendung zugesagt hatte. Er verlangt vom hohen Rath die Vorstellung des Verfassers jenes Gedichtes. Eoban hat die Dreistigkeit, sich als solchen darzustellen, fährt aber schmählichst ab, und des Kaisers Fürsprache für Sachs kann der gleichfalls etwas blosgestellte Bürgermeister nicht füglich widerstehen.
Bei der ersten Aufführung des Sachs in Leipzig ward schon erwähnt, daß des Dichters Liebesglück und Leid zwar der Mittel- und Hebelpunct der Handlung ist, daß aber die komischen, spaßhaften Elemente der Masse nach das Ernste und Sentimentale überwiegen,. Und dies ist auch da Feld, wo der Componist am meisten zu Hause ist und offenbar am liebsten sich bewegt. Namentlich ist wie in seinen frühern, so in dieser Oper eine gewisse Vorliebe für das parodirende Gegeneinanderstellen, oder auch Durcheinanderweben ernster und lächerlicher Scenen zu erkennen. Ohne Zweifel ist sich der Componist selbst darüber klar genug, daß er im Fache des Ernsten, Leidenschaftlichen, immer tiefern Charakteristik auf minder sicherm Boden steht. Sein Element ist vielmehr der leichte, lächelnde Conversationston. Jene Contraste aber dienen als wohlberechnete Folie, durch welche auch Steine von geringerem Wasser gehoben werden. Jedenfalls wird mindestens die Aufmerksamkeit getheilt, und Cäsars Spruch: divide et impera, bewährt sich nicht blos auf Schlachtfeldern. Außer dem Komischen ist es das Fach des Liederartigen, wo der Componist am glücklichsten sich bewegt; und dies kommt ihm hier in Person und Wesen des Sachs sehr zu statten, wie es sich m klarsten in dem Liede: „Nicht Reichthum macht das Leben schön“, ausspricht. Das Hauptmotiv desselben war schon früher in erster Hauptscene des Sachs und beim Sängerstreit angedeutet, und man erwartet es, wiewohl vergebens, im Schlußchor der Oper wieder, um so mehr, da die Worte: „Hoch leb’ die Lieb’, hoch leb’ das Vaterland“, selbst dazu aufzufordern scheinen.
Außer manchen Einzelnheiten in verschiedenen Nummern der Oper sind vorzugsweise auf diese Wirkung durch Contrast berechnet: ein Quartett (Nr. 5), wo Sachs mit der Geliebten in der einen Laube, Görg mit der seinigen in der andern die verschiedenen Phasen eines zärtlichen Zwiegesprächs durchlaufen, jedes Pärchen in seiner Weise, so daß Original und Parodie gleichzeitig Schritt halten; und dann die Scene des Sängerstreites [/184] (Nr. 3), wo dem erstern die letztere folgt, lächerlich treu auch in Nebensachen. Bedeutenden Vorschub leistet übrigens der Wirkung in den heitern und komischen Situationen, wie überhaupt in den Scenen, wo das aufgeregte Wogen der Handlung ein lebendiges Spiel bedingt, jene leichte und für die Sänger so bequeme Behandlungsweise der Singstimmen, wo die Silben und Worte in Bausch und Bogen gemessen werden; während der eigenthümliche musikalische Gedanke vom Orchester ausgesprochen wird, erhält der Sänger vollste Freiheit zur Entfaltung seines ganzen Vorraths an mimischen und sonstigen theatralischen Vortragsmitteln. Uebrigens hat diese Weise, wie leicht zu erachten, auch ihr Bequemes für den Componisten, namentlich in größern Ensemblestücken, wo er sie auch besonders fleißig anzuwenden nicht verfehlt. Hierher gehört die Mehrzahl der Stücke: die Introduction, ein Terzett des Sachs, Görg und Eoban (Nr. 3.), eine Scene (großentheils wenigstens), in welcher Cordula aus der Karte wahrsagt; ein großes Ensemble (Nr. 16.) und die Finale des ersten und zweiten Actes. Unter den Stücken, in denen das lyrische Element vorwaltet, ist vor allem das schon erwähnte Lied des Sachs auszuzeichnen; nach ihm eine Scene und Arie desselben (Nr. 2.) und dessen Duett mit Kunigunde (Nr. 12.) die interessantesten Stücke dieser Gattung. Die Ouvertüre, leicht und fließend geschrieben, hat über ihren nächsten Zweck, als Ankündigung einer Conversationsoper zu dienen, eine weitere Bedeutung nicht. Aber in der Mitte, o Schrecken, o blasser Todesschrecken! rette sich, wer kann! – eine Fuge!! Doch nein; ’s war Spaß nur, ein Spaß, wie deren mehre in der Oper. Nach zehn, zwölf Tacten ist alles wieder im gewohnten Gleis. –