{"id":173,"date":"2016-06-02T20:26:00","date_gmt":"2016-06-02T20:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/albertlortzing.org\/?page_id=173"},"modified":"2020-01-09T20:29:01","modified_gmt":"2020-01-09T20:29:01","slug":"09-gustav-albert-lortzing-regina-und-rolandsknappen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/albertlortzing.org\/?page_id=173","title":{"rendered":"09 &#8211; Gustav Albert Lortzing &#8211; Regina und Rolandsknappen."},"content":{"rendered":"\n<p>Hatten sich auf dem Gebiet der inneren Politik die aufgeregten Gem\u00fcter durch die gemachten Zugest\u00e4ndnisse bald beruhigt, so nahm der Krieg \u00d6sterreichs gegen Sardinien, durch welchen das lombardisch-venetianische K\u00f6nigsreich den \u00d6sterreichern von neuem unterworfen wurde, das \u00f6ffentliche Interesse wieder in so hohem Grade in Anspruch, da\u00df nach der obendrein noch matten \u201cRegina\u201d mit ihren politischen Tendenzen bald niemand mehr fragte: die Oper kam in ihrer damaligen Fassung gar nicht zur Auff\u00fchrung. Nach einer vollst\u00e4ndigen Umarbeitung wurde sie, lange nach Lortzings Tode, den 21. M\u00e4rz 1899 zum erstenmal an der Berliner Hofoper gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da jedoch neue Unruhen, namentlich der gro\u00dfe ungarische Aufstand 1848-49, der gegen die Suprematie Wiens sich auflehnte, ein ersprie\u00dfliches Wirken f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre g\u00e4nzlich unm\u00f6glich zu machen schien, so sah sich Lortzing immer eifriger nach einem Posten um und so sehen wir ihn im April 1849 wieder in Leipzig. Die dortige neue Direktion Wirsing hatte ihn nach Dr. Schmidts Schiffbruch mit Aussicht auf Engagement eingeladen, sein Werk, \u201cDie Rolandsknappen,\u201d welches er am 14. M\u00e4rz 1849 beendet hatte, selbst in Leipzig einzustudieren und zu dirigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Werk ruft als letzte gr\u00f6\u00dfere Oper Lortzings das Interesse um so mehr hervor, als es, gleichsam eine Schwesteroper der \u201cUndine,\u201d uns des Komponisten k\u00fcnstlerische Schaffenkraft in einem letzten energischen Aufleuchten erkennen l\u00e4\u00dft. Und es bedurfte einer besonderen Anstrengung, denn von allen Seiten zeigten sich schon neue lebenskr\u00e4ftigere Erscheinungen, die nur zu sehr das Interesse von dem j\u00fcngsten Kindlein der Lortzingschen Muse abzulenken geeignet waren. Fremde Meister hatten mit der \u201cStummen\u201d (1828) von Auber und mit dem durch gro\u00dfartige Charakterzeichnung und grazi\u00f6s-bl\u00fchende Melodik gleich ausgezeichneten \u201cWilhelm Tell\u201d (1829) von Rossini ihren Einzug auf deutschen B\u00fchnen gehalten. Hal\u00e9vy errang sich mit seinen durch melodische Frische und hohe dramatische Kraft hervorragenden Opern \u201cDie J\u00fcdin\u201d (1835) und \u201cDas Thal von Andorra\u201d (1848) im Sturme die Sympathien des Publikums in ganz Europa. Meyerbeer hatte durch seine 1831 erschienene Oper \u201cRobert der Teufel\u201d das \u00f6ffentliche Interesse von der die Gem\u00fcter zun\u00e4chst allgemein beherrschenden Politik und geschichtlichen Entwickelung mehr auf die tiefere Poesie und die waltenden M\u00e4chte der Natur und des lebens gelenkt; die 1836 folgenden \u201cHugenotten\u201d griffen wieder die religi\u00f6sen und politischen Interessen des Volkes auf und der 1849 erschienene \u201cProphet,\u201d dessen enthusiastische Aufnahme einer Steigerung kaum mehr f\u00e4hig schien, machte, jene ersten mit sich rei\u00dfen, in kurzer Zeit einen Siegeslauf \u00fcber die B\u00fchnene der ganzen civilisierten Welt. Richard Wagner, welcher in seinem 1842 erschienenen \u201cRienzi\u201d den gro\u00dfen, gl\u00e4nzenden, feurigen und effektvollen Stil Aubers, Hal\u00e9vys und Meyerbeers noch durch die Kraft und Wucht seines musikalischen Ausdrucks, wie durch raffinierte Verwendung aller dramatischen und musikalischen Hilfsmittel \u00fcbertraf, warf mit seinen anf\u00e4nglich noch nicht verstandenen Opern \u201cTannh\u00e4user\u201d (1845) und \u201cLohengrin\u201d (1848) der herrschenden Kunstrichtung den Fehdehandschuh hin und schickte sich an, der deutschen Kunst den ersten Platz im &#8220;europ\u00e4ischen Konzert\u201d zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bedeutendste und direkteste Konkurrenz jedoch erfuhr Lortzings neues Werk durch die 1849 erschienene Oper \u201cDie lustigen Weiber von Windsor,\u201d die anfangs mit stiller Bescheidenheit hervortrat, seitdem aber einen ehrenvollen Platz auf dem deutschen Repertoire einnimmt bis auf unsere Tage, wo die \u201cRolandsknappen\u201d schon l\u00e4ngst zu den abgethanen Sachen gerechnet werden. So mu\u00dfte es sich Lortzing mit seiner neuen Oper, trotzdem dieselbe einstudiert war und zur Auff\u00fchrung fertig dastand, gefallen lassen, da\u00df dem Hal\u00e9vyschen Werk \u201cDas Thal von Andorra\u201d der Vorzug gegeben wurde und der an sich schon mit Mitteln durchaus nicht reichlich versehene Komponist mu\u00dfte eine vierw\u00f6chentliche Wartezeit durchmachen. Diese Zeit lie\u00df jedoch Lortzing nicht ungenutzt verstreichen, um so weniger, als politische und sonstige Verh\u00e4ltnisse ihm manche verlockende Perspektive er\u00f6ffnet hatten. \u2013 Der seit 1842 in Dresden angestellte k\u00f6nigliche Kapellmeister Richard Wagner hatte sich von der bewegung des \u201ctollen jahres\u201d 1848 noch frei zu halten gewu\u00dft; die immer gewaltiger um sich greifende politische Str\u00f6mung ri\u00df ihn jedoch 1849 mit in ihren Strudel, aus dem er sich, nachdem der Maiauffstand durch preu\u00dfische Waffen niedergeworfen worden war, nur durch die Flucht retten konnte, so da\u00df seine Stelle Ende Mai 1849 frei ward. Zur selben Zeit starb in Berlin der k\u00f6nigliche Hofkapellmeister O. Nicolai. Derselbe, vorher Kapellmeister der Wiener Hofoper, war schon kr\u00e4nkelnd nach berlin gekommen und verschied, nachdem er noch die gl\u00e4nzenden Triumphe seiner \u201cLustigen Weiber\u201d gesehen, pl\u00f6tzlich am Schlagflu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Es mu\u00df den teilnehmenden Beobachter mit Wehmut erf\u00fcllen, wenn er sieht, wie Lortzing nicht allein von jedwedem Mi\u00dfgeschick hartn\u00e4ckig verfolgt, sondern auch \u2013 als sollte er all das Elend nur um so schwerer empfinden \u2013 von vielversprechenden Erwartungen und gl\u00e4nzenden Hoffnungen gefoppt und genarrt wurde. Es war, als wollte es ihm das Schicksal an einer Skala herrlicher Aussichten gleichsam vor Augen f\u00fchren, wie ihm allein alles gl\u00fcck versagt sei und wie f\u00fcr ihn nichts weiter \u00fcbrig bleibe als \u2013 Entsagung. So t\u00e4uschte ihn die 1844 angetretene Kapellmeisterstelle in allen seinen Erwartungen; so zerfiel auch die scheinbar gro\u00dfartige Aussichten er\u00f6ffnende Kapellmeisterstelle in Wien nach kaum zweij\u00e4hrigem Dahinfristen in nichts und so ging es ihm schlie\u00dflich auch bei seiner Bewerbung um die frei gewordenen Stellen in berlin und Dresden. Handelte es sich doch um eine Stelle, die hier die Nachfolgerschaft Carl Maria von Webers und Richard Wagners, dort diejenige des seiner Zeit allm\u00e4chtigen Spontini bedeutete, um Stellen, denen er mit seinen fen wohl gewachsen gewesen w\u00e4re, die seiner Schaffenskraft durch Enthebung von allen materiellen Sorgen einen neuen gro\u00dfen Impuls geben konnten, die er durch seine herrlichen urw\u00fcchsig deutschen Werke so sehr verdient hatte und die ihm schlie\u00dflich \u2013 trotz seiner pers\u00f6nlichen Bem\u00fchungen \u2013 versagt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Freude brachte f\u00fcr ihn nach all diesen erlittenen Dem\u00fctigungen, die endlich am 25. Mai 1849 erfolgende Auff\u00fchrung seines einundzwanzigsten B\u00fchnenmusikwerks, \u201cDie Rolandsknappen oder Das ersehnte Gl\u00fcck\u201d, komisch romantische Zauberoper in drie Aufz\u00fcgen, nach dem gleichnamigen M\u00e4rchen von Johann Karl August Mus\u00e4us von G.M. mit sich. Er berichtet \u00fcber diese schon am 26. Mai an seine Familie, die in Wien in den Unruhen des ungarischen Aufstandes zur\u00fcckgeblieben war, wie folgt: &#8220;Freut euch mit mir, ihr lieben Leute. Gestern ist meine Oper gegeben und mit ungeheurem Jubel worden. Die Auff\u00fchrung war in Ber\u00fccksichtigung, da\u00df wir nur zwei Orchesterproben tten, eine vortreffliche zu nennen. Die Mayer sang himmlisch, die Bachmann war vorz\u00fcglich wie immer. Wiedemann, Brassin und Behr ebenfalls sehr brav. Fast jede Nummer wurde st\u00fcrmisch applaudiert und ich mit den S\u00e4ngern nach dem zweiten und dritten Akt gerufen. Ein anhaltender Applaus empfing mich auch bei meinem Erscheinen im Orchester. Das Haus war mit Bezugnahme auf die Zeitumst\u00e4nde und das sch\u00f6ne Wetter voll zu nennen. Mindestens war es so voll lange nicht. Morgen, am ersten Pfingsttag, ist die Oper wieder; die Hitze wird unmenschlich sein, ich war schon gestern wie aus dem Wasser gezogen. Das Gef\u00fchl, mit welchem ich ins Orchester ging, will ich meinem Feind nicht g\u00f6nnen; es handelte sich gewisserma\u00dfen um einen Wendepunkt in meinem Wirken. W\u00e4re ich auch mit dieser Oper abgefallen, ich h\u00e4tte nicht den Mut gehabt, noch einmal die Feder anzusetzen. &#8211; Man k\u00f6nnte freilich sagen, da\u00df die Sympathie f\u00fcr mich in Leipzig gro\u00df ist; soviel glaube ich aber ohne Eitelkeit heraush\u00f6ren zu k\u00f6nnen, da\u00df die Oper auch an anderen Orten Anklang finden wird.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen Orten hat sie auch thats\u00e4chlich Anklang gefunden; haben wir aber schon oben gesehen, da\u00df ihre erste Auff\u00fchrung unter fremdem Einflu\u00df mehr und mehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden war, so sehen wir sie, da sie den Kampf der Konkurrenz ausgenommen, fast g\u00e4nzlich zur\u00fccktreten hinter Werke, die einmal textlich und musikalisch weit h\u00f6her standen standen als die &#8220;Rolandsknappen&#8221;, die dann aber auch der in jenem Jahr kr\u00e4ftig aufstrebenden Volksidee einen breiteren Raum zuwiesen. Und das bezauberte das Publikum, nur hierf\u00fcr hatte es Sinn. So war der Masaniello in Aubers Oper &#8220;Die Stumme von Portici&#8221; (1828) der Vertreter der innersten W\u00fcnsche des Volkes und wies mit m\u00e4chtigem Schwung auf das Ziel der Volksbewegung hin, wenn er singt: &#8220;Das teure Vaterland zu retten, sind wir bereit mit Kraft und Mut!&#8221; Wagners &#8220;Rienzi&#8221; trat auf als der r\u00f6mische Volksheld, der das Volk, &#8220;das er zu diesem Namen erst erhob&#8221; wieder in Besitz der Weltherrschaft setzen wollte und durch Meyerbeer schlie\u00dflich wurde die Opernb\u00fchne zu einem zweiten Schauplatz des politischen Lebens jener Tage. &#8220;Bei Meyerbeer,&#8221; so schreibt Heinrich Heine in seinen Pariser Briefen (Reclamsche Ausgabe, Band 4, Seite 502 und 506), &#8220;finden wir die Oberherrschaft der Harmonie; in dem Strom der harmonischen Massen verklingen, ja ers\u00e4ufen die Melodien, wie die besonderen Empfindungen des einzelnen Menschen untergehen in dem Gesamtgef\u00fchl eines ganzes Volkes und in diese harmonischen Str\u00f6me st\u00fcrzt sich gern unsre Seele, wenn sie von den Leiden und Freuden des ganzen Menschengeschlechts erfa\u00dft wird und Partei ergreift f\u00fcr die gro\u00dfen Fragen der Gesellschaft. Meyerbeers Musik ist mehr social als individuell; die dankbare Gegenwart, die ihre inneren und \u00e4u\u00dferen Fehden, ihren Gem\u00fctszwiespalt und ihren Willenskampf, ihre Not und ihre Hoffnung in seiner Musik wiederfindet, feiert ihre eigene Leidenschaft, w\u00e4hrend sie dem gro\u00dfen Maestro applaudiert&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Meyerbeer ist ein Mann der \u00dcberzeugung. Dieses bezieht sich aber nicht eigentlich auf die Tagesfragen der Gesellschaft, obgleich auch in diesem Betracht bei Meyerbeer die Gesinnungen fester begr\u00fcndet stehen, als bei anderen K\u00fcnstlern. Meyerbeer, den die F\u00fcrsten dieser Erde mit allen m\u00f6glichen Ehrenbezeigungen \u00fcbersch\u00fctten, und der auch f\u00fcr diese Auszeichnungen so viel Sinn hat, tr\u00e4gt doch ein Herz in der Brust, welches f\u00fcr die heiligsten Interessen der Menschheit gl\u00fcht, und unumwunden gesteht er seinen Kultus f\u00fcr die Helden der Revolution. Es ist ein Gl\u00fcck f\u00fcr ihn, da\u00df manche nordische Beh\u00f6rden keine Musik verstehen, sie w\u00fcrden sonst in den &#8220;Hugenotten&#8221; nicht blo\u00df einen Parteikampf zwischen Protestanten und katholiken erblicken.&#8221; &#8211; Hat zwar auch die Zeit einer ruhigeren und klareren Beurteilung des wertes der Meyerbeerschen Musik Platz gemacht, so ist diese &#8220;Zeitstimme&#8221; doch h\u00f6chst bezeichnend f\u00fcr die Aufnahmef\u00fcr die Aufnahme, selche Meyerbeers Opern gefunden haben. Und mochten ferner auch beispielsweise die &#8220;Hugenotten&#8221; ein pers\u00f6nlicheres und lokaleres Interesse haben f\u00fcr das franz\u00f6sische Volk und seine Begeisterung auf einen h\u00f6heren Grad steigern: dasjenige, was in Meyerbeers Werken von den gro\u00dfen Menschheitsfragen erklang, fand auch in Deutschland einen m\u00e4chtigen Wiederhall und wurde vom deutschen Publikum mit einem Enthusiasmus aufgenommen, der das Interesse f\u00fcr Lortzings schlichtes Zauberm\u00e4rchenkaum aukommen lie\u00df. Nur in dem Lortzing allezeit pers\u00f6nlich wohlgesinnten Leipzig konnte dem dem Tagesinteresse so fern stehenden Werk eine erste Auf\u00fchrung erm\u00f6glicht werden. &#8211; Die Bearbeitung des Textes, der den &#8220;Volksm\u00e4rchen der Deutschen&#8221; von Mus\u00e4us* entnommen ist, zeigt den erfahrenen Blick und die gewandte Hand des Dichterkomponisten, der musikalische Effekte textlich geschickt vorzubereiten und zur Geltung zu bringen versteht. [*Johann Karl August Mus\u00e4us, 1735 zu Jena geboren, von 1770 ab Professor am Gymnasium zu Weimar, gestorben den 28. Oktober 1787, wurde besonders durch seine Volksm\u00e4rchen bekannt.] Zum Hauptmotiv der Oper hat der komponist das in dem Terzett Nr. 6 zuerst gegebene amerikanische &#8220;Home sweet home&#8221; nicht ohne geschick verwertet. Nicht das Lied selbst ist verwertet, sondern eine nach Inhalt und Charakter \u00e4hnliche eigene Komposition. Die eigenartig-s\u00fc\u00dfliche Sentimentalit\u00e4t des amerikanischen Geschmackes, die hierdurch einzelnen Nummern gegeben worden ist, hat jedoch mit unsrem weit kr\u00e4ftigeren Volksliede zu wenig gemein, als da\u00df diese Musik zu derselben Popularit\u00e4t sich h\u00e4tte erheben k\u00f6nnen, wie sie die Lieder in &#8220;Czaar und Zimmermann&#8221; und im &#8220;Waffenschmied&#8221; gefunden haben. Die Ouverture, ein Satz von frischer und liebensw\u00fcrdiger Salonmusik, die lebenswarme Romanze des Amarin Nr. 2, das reizende Terzett Nr. 5, sowie der Jagdchord Nr. 7 mit dem sich daranschlie\u00dfenden ersten Finale Nr. 8, sind Nummern, die bei geschickter Instrumentation immer noch Anerkennung und Achtung vor derLortzingschen Erfindungsgabe abn\u00f6tigen. In weit h\u00f6herem Ma\u00dfe gilt dies von dem Quartett Nr. 16, das, noch einmal den alten lebenskr\u00e4ftigen Lortzingschen Humor widerspiegelnd, ohne Zweifel den musikalischen Gipfelpunkt der Oper darstellt. Die gro\u00dfe Arie Nr. 14, die sentimentale Kavatine Nr. 15, sowie das Finale des dritten Aufzugs Nr. 17 k\u00f6nnen nur als schwache produkte bezeichnet werden und ist es hier nur wieder die Routine des Komponisten, die am Schlusse durch geschickte Ankl\u00e4nge an jenes Motiv vom Terzett Nr. 6 einen wohltuenden und einigerma\u00dfen befriedigende Eindruck hervorbringt. Der Gesamteindruck des Ganzen zeigt zwar nur das in kleinem Rahmen sich bewegende, gleichsam im traulichen Heim am schnurrenden Spinnrocken erz\u00e4hlte Volksm\u00e4rchen, bringt aber in seiner liebensw\u00fcrdigen Kleinmalerei ein so hohes Ma\u00df sychologisch feinen Beobachtens und feinf\u00fchligen Temperierens der seelischen \u00c4u\u00dferungen, da\u00df die Oper vielleicht gerade in unseren Tagen bei einer neuerlichen Auff\u00fchrung ihres Erfolges sicher sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mit der Leitung seiner &#8220;Rolandsknappen&#8221; verbundenen Aussichten auf die Leipziger Kapellmeisterstelle hatten sich thats\u00e4chlich zum Abschlu\u00df eines dreij\u00e4hrigen Kontrakts verdichtet; voll der besten Hoffnungen fuhr er am 6. Juni 1849 nach Wien und ordnete daselbst rasch seine Angelegenheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor seiner Verabschiedung von Wien ist noch sein zweiundzwanzigstes B\u00fchnenmusikwerk zu erw\u00e4hnen, die dort vollendete Komposition zu &#8220;Vier Wochen in Ischl&#8221;, Posse in drei Aufz\u00fcgen von J.K. B\u00f6hm. Es war eine gelegentliche Arbeit ohne tiefere Bedeutung. Vom Manuskript ist nur nog einiges erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Voll bitterer Entt\u00e4uschungen, in traurigen Geldverh\u00e4ltnissen, aber mit noch ungebrochenem Mute verlie\u00df er die Donaustadt, nahm seine Familie mit sich und traf zu Anfang Juli 1849 wieder in Leipzig ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der August des Jahres 1849 gab Lortzing Veranlassung, sein dreiundzwanzigstes B\u00fchnenmusikwerk, Ges\u00e4nge aus dem zweiten Teil des &#8220;Faust&#8221; zu komponieren. Die Kompositionen zum &#8220;Faust&#8221; entstanden vermutlich 1849 zur hundertjahrfeiern Goethes geburtstag in Leipzig, nach Gestalt und Umfang zu schlie\u00dfen f\u00fcr den Schillerverein, bei dessen Festlichkeiten seit der Gr\u00fcndung (1840) Lortzing die musikalische Leitung inne hatte. Er hat offenbar die Ges\u00e4nge selbst am Klavier begleitet, denn die vorhandenen Manuskripte weisen nur die Gesangstimmen vollst\u00e4ndig auf, w\u00e4hrend Vor- und Zwischenspiele g\u00e4nzlich fehlen und die Begleitung nur teilweise angedeutet ist. Das T\u00fcrmerlied und die Ch\u00f6re der himmlischen Heerschar waren zuerst wieder aufgefunden worden. Seitdem ist es gelungen, auch den Abschlu\u00df der Scenen &#8211; das Melodram, das Solo des Doktor Marianus und den Chorus mysticus &#8211; aus einzelnen losen Bl\u00e4ttern, welche kaum ein Wort Text enthielten, herauszufinden, so da\u00df nun als ein Ganzes vorliegt was seiner Zeit von Lortzing komponiert wurde. Es handelt sich alsohier um eine gelegenheitsarbeit, die gar nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit, sondern f\u00fcr eine privaten Kreis mi offenbar recht beschr\u00e4nkten Mitteln bestimmt war. Ein Schaupieler, der die Verse sprach, ein S\u00e4nger f\u00fcr die Solostellen, der komponist am Klavier und ein wahrscheinlich recht kleiner Chor, das war der ganze Apparat, der f\u00fcr diese Faust-Scenen in Bewegung gesetzt wurde. Es bedarf also wohl kaum der Erw\u00e4hnung, da\u00df Lortzing nicht daran dachte und denken konnte, mit Schumann oder Berlioz in einen Wettkampf einzutreten, sondern nur bem\u00fcht war, f\u00fcr seinen Zweck und in seiner Art die ihm gestellte Aufgabe zu l\u00f6sen. Man mu\u00df deshalb f\u00fcglich von jeder Vergleichung absehen und Lortzings anmutige Tonsch\u00f6pfung so unbefangen aufnehmen, als er sie gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Dichtung zu &#8220;Cagliostro&#8221;, komische oper in drei Aufz\u00fcgen, sein vierundzwanzigste B\u00fchnenwerk, von dem nur das Buch vorhanden ist, mu\u00df in dieser Zeit (Ende 1849) erw\u00e4hnt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso eine Komposition zu den &#8220;Drei Edelsteinen&#8221;, M\u00e4rchen in drei Aufz\u00fcgen von Roderich Benedix, Lortzings f\u00fcnfundzwanzigste B\u00fchnenmusikwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider sollte der vertrag mit Wirsing, der ihm och wieder auf drei Jahre wenigstens einige Sicherheit zu bieten schien, wenige Wochen nicht \u00fcberdauern und so schrieb er unterm 4. Februar 1850 an seinen in Freud&#8217; und Leid treuen Freund Reger: &#8220;Es mu\u00df! sagt Wilhelm Tell, als er losschie\u00dfen soll &#8211; und so sage ich auch; lange habe ich gez\u00f6gert, dir mein Schicksal mitzuteilen, weil es mir zu unangenehm ist, die Fakta wiederk\u00e4uen zu m\u00fcssen; ich will darum so kurz sein wie m\u00f6glich. Da\u00df ich wieder ohne Engagement bin &#8211; zur Sache: einige Wochen nach meinem Antritt schreibt mir Wirsing, wie er veranla\u00dft worden sei, Herrn Kapellmeister Rietz wieder engagieren zu m\u00fcssen, wobei er nich undeutlich darauf hindeutete, da\u00df Unzufriedenheitder S\u00e4nger mit mir die Veranlassung gewesen sei, und ich mich fortan mit jenem in die Direktion der Opern zu teilen h\u00e4tte. W\u00e4re mir dieser Antrag gleich zu Ostern geworden, so kam er mir sehrerw\u00fcnscht und ich w\u00fcrde mich behaglich gef\u00fchlt haben &#8211; ich h\u00e4tte es wenigstens geglaubt. So aber, nachdem ich die Stellung kennen gelernt, welche Rietz einnahm, w\u00e4re ich das f\u00fcnfte Rad am Wagen geworden; ich sah S\u00e4nger und Orchester im Komplott gegen mich und wollte lieber wer wei\u00df was thun, als hier aufgedrungen sein; kurz, ich sah alles im schw\u00e4rzesten Lichte und forderte von Wirsing, obwohl mein gutes Weib sich dagegen stemmte, meine augenblickliche Entlassung, die er mir &#8211; da ich n\u00e4mlich dreij\u00e4hrigen Kontrakt hatte &#8211; nat\u00fcrlich gleich bewilligte&#8221;. Nachdem er dann \u00fcber seine zerr\u00fcttete Finanzlage gesprochen und \u00fcber ein ihm vom Direktor noch geschuldetes, f\u00fcr ihn aber recht \u00e4rmlcih ausgefallenes benefiz berichtet, f\u00e4hrt er fort: &#8220;Darauf fing ich an, die Umgegend unsiher zu machen, dirigierte, gastierte und verdiente, und verdiene ganz passabel Geld; k\u00f6nnte mich auch wohl dabei f\u00fchlen, h\u00e4tte ich nicht in Leipzig so mancherlei zu decken da\u00df wenig zu meinem Unterhalt \u00fcbrig bleibt, und w\u00e4re nicht mein Inneres &#8211; das gewi\u00df von festem Zeug war &#8211; so zerrissen. Der deutsche Komponist Albert Lortzing mu\u00df alle acht bis zehn tage seine Familie erlassen! ihre geringe Barschaft reicht kaum so weit, bis er wieder etwas verdient hat! er selbst hat kaum so viel, um den Dampfwagen bezahlen zu k\u00f6nnen! &#8211; Es ist nur dummes Zeug, aber es war mir ein schmerzliches Gef\u00fchl, zum erstenmal in meinem Leben den Sylvesterabend ohne die Meinigen, sowie meiner f\u00fcnfundzwaznzigj\u00e4hrigen Hochzeitstag fern von meinem guten Weibe zubringen zu m\u00fcssen! Dazu die Strapazen bei solcher K\u00e4lte auf solchen kleinen Theatern und vor allem: der gr\u00e4\u00dfhe Widerwille gegen das Kom\u00f6diespielen! Aber merkw\u00fcrdig, alle Theater sind versessen darauf an bedeutende habe ich noch gar nicht geschrieben, doch bin ich \u00fcberzeugt, da\u00df ich auch ei jenen willkommen bin und weshalb? &#8211; Nicht weil ich der Schauspieler, nein, weil ich der Komponist Lortzing bin und das ist eben das Bittere dabei!&#8221; So machte er denn Gastspielreisen nach Gera, Altenburg, Dessau, Chemnitz etc, mu\u00dfte alle Unbilden dieses traurigen Vagantenlebens durchmachen, trotz eines starken Ohren\u00fcbels in leicht gebauten, nicht heizbaren Schauspielh\u00e4usern Kom\u00f6die spielen; vor schlechten Dekorationen mit mangelhaft geshultem Orchester sich abm\u00fchen, dazu von den Rampen bei immerw\u00e4hrenden Lampendampf einatmen, schlie\u00dflich auch noch f das auf diese Weise sauer verdiente Honorar tagelang sich vertr\u00f6sten lasse, bis &#8211; eine neue Fata Morgana ihm nach zwei Seiten hin verlockende Bilder vor Augen zauberte. &#8211; Zu Anfang Februar 1850 erhielt Lortzing von B. Lumley, dem Direktor des k\u00f6niglichen Theaters in London, ein schreiben, das mit den Worten anf\u00e4ngt: &#8220;J&#8217;ai l&#8217;intention de produire au th\u00e9\u00e2tre de Sa Majest\u00e9 \u00e0 Londres, votre chef d&#8217;oeuvre le Czaar et le Zimmermann&#8221;. (Ich habe die Absicht, Ihr Meisterwerk &#8220;Czaar und Zimmermann&#8221; in London zu geben.) Wat auch ein gro\u00dfer pekuni\u00e4rer Erfolg in dem fr\u00fcher freien England, welches das Recht des Autors nicht beahtete, nicht zu erwarten, so er\u00f6ffnete gleichwohl der dem &#8220;Czaaren&#8221; \u00fcberall sichere Erfolg dem Komponisten manche neue Perspektive. Schon im April sollte die Auff\u00fchrung bei der italienischen Oper stattfinden; Entsch\u00e4digung f\u00fcr Reise- und Aufenthaltskosten, sowie \u00dcbernahme der \u00dcbersetzungskosten durch Lumley waren bereits festgesetzt und dabei Lortzing die Aussicht die Aussich er\u00f6ffnet worden, durch Verkauf des Klavierauszugs an einen Londoner verleger doch noch ein sch\u00f6nes St\u00fcck Geld zu verdienenals der letzte, abschlie\u00dfend entscheidende Brief &#8211; ausblieb. Lortzing war wieder um eine betrogene Hoffnung reicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Infolge jenes Briefes Lortzings vom 4. Februar 1850 hatte sich Reger wieder f\u00fcr seinen Freund bem\u00fcht und machte, im Verein mit anderen Gleichgesinnten, Lortzing den Vorschlag einer Kunstreise nach Paris. Da Lortzing jedoch die Seinigen in diesem Falle h\u00e4ttein Leipzig lassen m\u00fcssen, so w\u00e4re die Sache, die auch in k\u00fcnstlerischer Beziehung manche Bedenken bot, sehr teuer gekommen, &#8220;und dann haupts\u00e4chlich&#8221; &#8211; so schreibt er an Reger &#8211; &#8220;bin ich ohne Familie ein halber Mensch, unf\u00e4hig zu allem, ja &#8211; ich habe im Verlaufe eines Jahres, wo ich periodisch Wochen, ja Monate von meiner Familie getrennt war, so recht innig empfunden, wie notwendig sie mir ist, wie ich nur bei ihr f\u00fcr alles M\u00fchevolle St\u00e4rkung, f\u00fcr alles Bittere Trost holen kann. Ich habe es erfahren, was es hei\u00dft und wie es thut, wenn man &#8211; wie ich jetzt auf meinen Kunstreisen??? &#8211; in einem unfreundlichen Zimmer eines Gasthauses sitzt und unwillk\u00fcrlich \u00fcber Gegenwart wie Zukunft Betrachtung anstellen mu\u00df; ich bin manchmal ganz verzweifelt. Ich habe stets Arbeit, Besch\u00e4ftigung bei mir, aber &#8211; es ging nicht; ich habe auf meinen s\u00e4mtlichen Pilgerfahrten nicht drei Noten geschrieben und mit dem Dichten ging&#8217;s nun erst recht nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Lortzing blieb zun\u00e4chst in Leipzig, und benutzte seine von Gastspielen freie Zeit, um &#8220;Im Irrenhause&#8221; und &#8220;Die Opernprobe&#8221; zu komponieren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Im Irrenhause&#8221;, Genrebild in einem Aufzug, sein sechsundzwanzigstes B\u00fchnenmusikwerk datier seinen Beginn vom 7. M\u00e4rz 1850. Es ist wenig dar\u00fcber zu ermitteln, auch nicht, ob es Lortzing selbst, oder ein anderer verfa\u00dft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er auch das Leipziger Anerbieten hatte im Sander verlaufen sehen, entschied ersich f\u00fcr ein Mitte Februar angebotenes Engagement am Friedrich-Wilhelmst\u00e4dtischen Theater und traf am 30. April 1850 ohne die Seinigen in Berlin ein. Da der Anfang durch die letzten Bauarbeiten noch um einige Wochen erz\u00f6gert worden war, konnte das Theater erst am 17. Mai 1850 er\u00f6ffnet werden. Die &#8220;Zillerthaler&#8221;, ein kleines Singspiel, dessen von Lortzing neu komponierte Ouverture au\u00dferordentlichen Beifall fand, war zur Er\u00f6ffnungsvorstellung ausersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lortzings Ruf als Komponist war, da seine Opern sowohl in Potsdam als auch in den angrenzenden preu\u00dfischen Provinzen ztets auf dem Spielplan standen und er Bahn von Berlin aus teilweise auch besucht werden, den Berlinern wohl bekannt und o war er nicht allein von den Mitgliedern und der Direktion h\u00f6chst ehrenoll empfangen worden, sondern auch das Publikum begr\u00fc\u00dfte ihn mit einem nicht endenwollenden Beifallssturm. Lortzing, dem es darum zu thun war, das auf Lustspiel, Posse und Singspiel beschr\u00e4nkte Repertoire seines Theaters durch die Spieloper zu erweitern, arbeitete wieder mit gro\u00dfem Flei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">10 &#8211; Gustav Albert Lortzing &#8211; Die Opernprobe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hatten sich auf dem Gebiet der inneren Politik die aufgeregten Gem\u00fcter durch die gemachten Zugest\u00e4ndnisse bald beruhigt, so nahm der Krieg \u00d6sterreichs gegen Sardinien, durch welchen das lombardisch-venetianische K\u00f6nigsreich den \u00d6sterreichern von neuem unterworfen wurde, das \u00f6ffentliche Interesse wieder in so hohem Grade in Anspruch, da\u00df nach der obendrein noch matten \u201cRegina\u201d mit ihren politischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":120,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-173","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=173"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":174,"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173\/revisions\/174"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/albertlortzing.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}