{"id":93,"date":"2009-07-10T09:20:00","date_gmt":"2009-07-10T09:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/albertlortzing.org\/?page_id=93"},"modified":"2020-01-03T11:16:46","modified_gmt":"2020-01-03T11:16:46","slug":"kapittel-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/albertlortzing.org\/?page_id=93","title":{"rendered":"Kapittel 1"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8220;Lortzing ist einer von den Musens\u00f6hnen, die nicht im Lehnsessel gro\u00df geworden sind; aber der Tod streckt die Leute, und mancher, der im Leben eng und gedr\u00fcckt einherging, braucht einen gr\u00f6\u00dfen Sarge. Lortzing w\u00e4chst im Sarge.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der das schrieb, zwar ein Meister der komischen Oper, einer der die neue Kunst mit Schaffen half und doch warmen Herzens des \u00e4lteren Meisters gedachte, als man nach seinem Tode Konzerte zum Besten der in Not zur\u00fcckgelassenen Familie veranstaltete. \u201cDenke dir\u201d &#8211; schreibt er in der Besprechung eines solchen &#8211; \u201cLortzing und Hans Sachs &#8211; f\u00fcnfte Etage, Dachst\u00fcbchen, Stiefelleisten, Kindergeschrei, dabei Pech und wieder Pech, und dann denke dir die Muse, die pl\u00f6tzlich einmal zur Dachluke hereinl\u00e4chelt und dem guten, lieben Schuh- oder Tenormachergesellen verstohlen die Hand dr\u00fcckt und sich dann selbst wieder dr\u00fcckt; und dann denke dir ein Lied wie das Zarenlied in aller Leute Mund, und wenn so ein guter Familienvater von der Reise heimkehrt, wie dann die Kinder singen: Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen! Und wie noch nach Jahrhunderten vornehme Leute und gro\u00dfe Dichter dem Schuster nachsingen und ihm Apotheosen schreiben &#8211; siehst du, das ist auch Poesie. Diese Blume w\u00e4chst \u00fcberall, wo ein gesundes Herz guten Boden hergibt, und am besten gedeiht sie,wenn sie mit edlem Wein oder hei\u00dfen, bittern Tr\u00e4nen genetzt wird.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Geistes-und Schicksalsverwandter mu\u00dfte es sein, der so sch\u00f6ne und wahre Worte f\u00fcr den schlichten Lortzing finden konnte, einer, den auch erst der Tod gestreckt hat, der selbst im Sarge gewachsen ist: Peter Cornelius.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit dem prophetischen Blick des Dichters hat er vorausgehen, was au\u00dfer ihm damals wohl nur ganz wenige geglaubt haben, dass Lortzing, den man immer nur f\u00fcr einen Mann der Tages nahm, fortleben, dass er mit seinen anspruchslosen Opern einen dauernden Platz nicht nur auf den B\u00fchnen, sondern auch im Herzen des Volkes gewinnen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat lange mit einer gewissen Geringsch\u00e4tzung auf die Werke der heitern Kunst im allgemeinen herabgesehen, und mehr als irgendeiner hat Lortzing, der nicht einmal zu den z\u00fcnftigen Musikern z\u00e4hlte, unter dem Vorurteil leiden m\u00fcssen. Man bel\u00e4chelte seine handwerksm\u00e4\u00dfige Versmacherei, und der junge Hans von B\u00fclow spricht von dem \u201cDittersdorf redivivus, dessen musikalische Sprache den gebildeten Musiker heute nach kurzer Zeit schon mit Widerwillen erf\u00fcllen darf.\u201d Schumann schreibt \u201cLortzings Opern machen Gl\u00fcck &#8211; mir beinahe unbegreiflich\u201d, und Liszt nennt es einen \u201cabgeschmackten Einfall\u201d, als er 1851 den \u201cZar\u201d in Weimar zur Auff\u00fchrung bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fclow sagt dann aber noch: \u201cDennoch kann dem unerm\u00fcdlichen Arbeiter die Achtung nicht versagt werden, welche die Kritik seinen Versuchen selbst bei Lebzeiten gezollt hat, und welche der relative Wert derselben haupts\u00e4chlich dadurch beanspruchen mag, dass Lortzing bei der Auswahl seiner Stoffe und Bearbeitung seiner Textb\u00fccher ein verst\u00e4ndiges Verh\u00e4ltnis zum Komponisten zu wahren suchte.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Wagner spricht von dem \u201cgeschickten Lortzing\u201d nur mit Bezug auf die Gestaltung seiner Operntexte, erkennt aber doch seine historische Bedeutung an, indem er einmal vorschl\u00e4gt, dem Publikum die geschichtliche Entwicklung der deutschen komischen Oper zu zeigen durch Vorf\u00fchrung der \u201cJagd\u201d von Hiller, des Doktor und Apotheker\u201d von Dittersdorf, denen \u201cZar und Zimmermann\u201d und \u201cDie Meistersinger\u201d folgen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit weiser Selbsterkenntnis, um die ihn mancher beneiden k\u00f6nnte, beharrte Lortzing sein Leben lang auf einer bescheidenen Stufe des Kunstschaffens. In einem St\u00fcck eigener Lebensbeschreibung sagt er, nachdem bereits vier seiner Opern erfolgreich aufgef\u00fchrt waren, dass er es nicht wage, \u201cmit einer durchg\u00e4ngig ernsten Komposition vor das Publikum zu treten\u201d. &#8211; Und wenn ihn sein Streben auch immer wieder zu Arbeiten h\u00f6heres Stiles trieb, &#8211; \u201cCaramo\u201d, \u201cUndine\u201d, \u201cRegina\u201d, und \u201cRolands Knappen\u201d bezeugen es &#8211; so unterlie\u00df er doch nie, durch Einf\u00fcgung komischer Figuren und Beibehaltung des gesprochenen Dialogs genau die Grenzlinie zu bezeichnen, \u00fcber die er nicht hinaus wollte. Mit der Bescheidenheit des wahren K\u00fcnstlers und der Beschr\u00e4nkung, in der sich der Meister zeigt, hat er sich immer nur innerhalb seiner besonderen Begabung bet\u00e4tigt. Seine gro\u00dfe tragische Oper \u201cDie Schatzkammer des Ynka\u201d hat er nie an Tageslicht gebracht, wie es scheint, selbst vernichtet; auch sein Oratorium ist bisheut unver\u00f6ffentlicht geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderseits hat er auch wiederum durch keiner Erfolg auf dem Gebiete der Komik sich verleiten lassen, den niederen Instinkten der Masse nachzugeben; auch hier h\u00e4lt er mit gesundem Sinn, die Linie des k\u00fcnstlerisch Zul\u00e4ssigen und \u00c4sthetischen inne, die leider nur seine Darsteller zuweilen \u00fcberschreiten. So fruchtbar und flei\u00dfig Lortzing war, nie ist er zum spekulativen Vielschreiber geworden, nichts hat er ohne innere N\u00f6tigung geschrieben. Keine Lebensnot hat ihn zum Aufgeben eines k\u00fcnstlerischen Prinzips vermocht: auch die fl\u00fcchtigst hingeworfenen Partituren zu Possen und Einlagen zeigen sorgf\u00e4ltige und saubere Arbeit. Und so ausgesprochen er f\u00fcr das Volk schrieb und so sehr er auf den Ertrag seiner Arbeiten angewiesen war, nirgends finden wir bei ihm ein Zugest\u00e4ndnis an den schlechten Geschmack. Bei aller Luftigkeit wird er nie zum Possenrei\u00dfer, bei aller Verf\u00e4nglichkeit der von ihm bearbeiteten St\u00fccke nie frivol, bei aller Derbheit, die den altfr\u00e4nksichen Originalen seiner Operb\u00fccher anhaftet, nie gemein. Dies taktvolle Ma\u00dfhalten innerhalb einer Kunstgattung, bei der die Ausartung so verf\u00fchrerisch nahe liegt, kennzeichnet Lortzing als einen Charakter unter den K\u00fcnstlern, und dies Lob z\u00e4hlt doppelt bei ihm, weil er es sowohl als Musiker wie auch als Textverfasser in Anspruch nehmen kann. Wir d\u00fcrfen uns der Heiterkeit, die er erweckt, unbedenklich hingeben und haben unser Lachen nie zu bereuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Humorist Lortzing war eben, wenn er an seine Arbeit ging, des ganzen Ernstes f\u00e4hig, der nach Peter Cornelius Wurzel, Grundlage, Herz und Nerv des Kunstwerks ist; und dieser Ernst der Gesinnung ist es, der auch Lortzings Heiterkeit und seine anspruchslosen Sch\u00f6pfungen adelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><a href=\"https:\/\/albertlortzing.org\/?page_id=100\">Kapittel 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Lortzing ist einer von den Musens\u00f6hnen, die nicht im Lehnsessel gro\u00df geworden sind; aber der Tod streckt die Leute, und mancher, der im Leben eng und gedr\u00fcckt einherging, braucht einen gr\u00f6\u00dfen Sarge. 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